# taz.de -- Sexualisierte Gewalt in der Medizin: „Es hat uns einfach gereicht“
> Auf dem Ärztetag in Hannover hat die Medizinstudentin Hannah Brüx
> gemeinsam mit anderen Betroffenen sexuelle Übergriffe vor Ort öffentlich
> gemacht.
(IMG) Bild: Debatte ausgelöst über sexualisierte Gewalt im medizischen Bereich: der 130. Ärztetag in Hannover
taz: Frau Brüx, hatten Sie geplant, Ihre Erfahrungen von sexualisierten
Übergriffen auf dem Ärztetag öffentlich zu machen?
Hannah Brüx: Wir erleben diese [1][Übergriffe grundsätzlich ja überall].
Aber wir haben uns für den Ärztetag extra eine Woche Zeit genommen, wir
haben uns inhaltlich vorbereitet und dann kam einfach Wut auf, weil uns
nicht mit dem Respekt begegnet wurde, den wir uns erwartet hätten und mit
dem wir anderen begegnet sind. Es hat uns einfach gereicht.
taz: Das heißt, Sie waren gar nicht mit dem Thema auf der Agenda angereist?
Brüx: Nein. Unsere Agenda war die neue Approbationsordnung, die endlich
unser Studium reformieren soll. Es soll kompetenzorientiert und praxisnäher
werden. Der andere Punkt war, dass wir endlich anständige Lernbedingungen
im praktischen Jahr brauchen – Stichwort faires Praktisches Jahr.
taz: Mehr Wellen hat aber [2][Ihre gemeinsame Erklärung mit anderen
Studentinnen] geschlagen. Wie haben Sie die Reaktion vor Ort erlebt?
Brüx: Es gab sehr viele positive Rückmeldungen. Viele ältere Delegierte,
gerade auch weibliche Delegierte, sind auf uns zugekommen und haben gesagt,
sie hätten Ähnliches erlebt und sich nie getraut, darüber zu sprechen. Aber
gleichzeitig kamen auch Leute zu uns, die mitverantwortlich waren für die
Übergriffe und denen scheinbar nicht bewusst war oder ist, dass sie Teil
des Problems sind.
taz: Wie sind Sie damit umgegangen?
Brüx: Erst mal sehr neutral, weil bei uns nicht die Kapazitäten da waren,
große Konflikte anzufangen.
taz: Was für Übergriffe haben Sie und die anderen Studierenden auf dem
Ärztetag erlebt?
Brüx: Wir wurden als weibliche Delegierte in den Inhalten nicht so ernst
genommen wie unsere männlichen Kollegen, stattdessen wurde mit uns über das
Kinderkriegen gesprochen. Aber es gab auch Übergriffe in Form von
Einladungen auf Hotelzimmer oder ungewolltes Anfassen.
taz: Ist das ein Verhalten, das Sie vor allem bei älteren Medizinern in
Machtpositionen erleben?
Brüx: Wir erleben das von vielen Seiten. Machtgefälle machen es natürlich
schwierig, darüber zu sprechen oder Fehler aufzuzeigen.
taz: Gerade Unikliniken sind ja stark hierarchische Systeme.
Brüx: Das Problem ist, dass es [3][im Medizinstudium und in der
Weiterbildung sehr große Abhängigkeiten gibt], was die Rotationen an die
richtigen Stellen in der Klinik und persönliche Förderung angeht.
Andererseits ist es auch in der Wissenschaft ein riesengroßes Problem, dass
man sehr davon abhängig ist, dass eine Person einen fördert, um gute
Forschung zu machen. Sexuelle Belästigung und der Umgang damit entscheidet
über Karrieren.
taz: Das Thema Machtmissbrauch war am Wochenende vor dem Ärztetag zentral
bei der Tagung des Marburger Bundes, des größten deutschen Ärzteverbands.
Warum sorgt Ihre Erklärung dann für so viel Aufsehen?
Brüx: Ich glaube, es ist die Greifbarkeit. Vorher gibt es ein Problem, aber
es bleibt diffus, bis sich eine meldet und sagt: Hier ist das Problem. Dann
entsteht auf einmal Öffentlichkeit und Handlungsdruck. Der muss jetzt in
konkrete Maßnahmen münden.
taz: Schon vor Ihrer Erklärung gab es auf dem Ärztetag vorbereite Anträge
für Maßnahmen gegen Machtmissbrauch, die dann auch verabschiedet wurden.
Versprechen Sie sich etwas davon?
Brüx: Die Theorie ist das eine, und die Praxis ist das andere. In den
Anträgen geht es um wichtige Inhalte. Die gab es aber auch vorher schon.
Unser Problem liegt darin, dass wir es nicht umgesetzt bekommen in der
Praxis und dass im Endeffekt auch niemand so richtig weiß, wo und wie viel
Übergriffe passieren.
taz: Was heißt das?
Brüx: Ich glaube, jede Medizinstudentin, die Sie fragen, wird Ihnen sagen,
dass sie schon mal etwas Ähnliches erlebt hat. Jeder weiß irgendwie, es
gibt Übergriffigkeiten, aber jeder sagt gleichzeitig: Es gibt das Problem –
aber nicht in meiner Abteilung, nicht in meiner Klinik, nicht in meiner
Ärztekammer, nicht in meiner Verantwortung. Und davon müssen wir weg. Ins
Konkrete, dahin, dass jeder sich auch an die eigene Nase fasst.
taz: Der Frauenanteil in der Ärzteschaft wird immer größer. Warum kümmert
sich niemand in leitender Ebene um das Thema sexuelle Übergriffe?
Brüx: Wir haben zwar viele Frauen, die anfangen, Medizin zu studieren oder
Ärztinnen, die in Weiterbildung sind, [4][aber schlussendlich wenige, die
chefärztliche Positionen besetzen]. Vielleicht kommt das Bewusstsein für
Übergriffe deswegen weniger in den Führungsetagen an.
taz: Sie sind durch die Erklärung sehr sichtbar geworden. Fühlen Sie sich
jetzt auch angreifbarer?
Brüx: Sicherlich haben wir uns angreifbar gemacht. Aber mir ist gerade sehr
viel wichtiger, dass nicht wir als Person, sondern dass das systematische
Problem Aufmerksamkeit bekommt. Nicht nur in den politischen Kreisen,
sondern in der breiten Öffentlichkeit. Es geht nicht nur um Prozesse und
Strukturen, sondern darum, dass Menschen, die Übergriffe in ihren Kliniken
und Teams mitbekommen, das nicht tolerieren.
taz: Erleben Sie Ihre Generation als selbstbewusster, was das anbelangt?
Brüx: Aus den Gesprächen mit anderen Delegierten auf dem Ärztetag denke ich
schon, dass wir selbstbewusster sind. Wir können uns das aber auch leisten,
denn es gibt einfach schon mehr Bewusstsein für das Thema als früher. Aber
ich habe jetzt im Nachhinein auch eine große Hilflosigkeit erlebt von
Leuten, die sagen, sie wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Weil es
vielleicht Anlaufstellen gibt, aber man nicht von ihnen weiß. Oder die
sagen: Ich habe das erlebt als beobachtende Person und fühle mich jetzt
schlecht deswegen, aber ich wusste nicht, wie ich reagieren kann.
19 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sexualisierte-Gewalt-an-der-HU-Berlin/!5984516
(DIR) [2] https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/auf-aerztetag-in-hannover-medizinstudentinnen-wurden-offenbar-sexuell-belaestigt,aerztetag-124.html
(DIR) [3] /Sexismus-im-Gesundheitssektor/!5854802
(DIR) [4] /Kaum-Frauen-in-Fuehrungsjobs-der-Medizin/!6010292
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(DIR) Friederike Gräff
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