# taz.de -- Tempel-Moschee-Streit in Indien: Wem gehört Bhojshala?
> Ein Gericht hat ein von Muslimen genutztes historisches Gelände allein
> Hindus zugesprochen. Ein neuer Konflikt wie um die Babri-Moschee in
> Ayodhya?
(IMG) Bild: Hinduistische Feierlichkeiten im Bhojshala-Komplex in Dhar am Sonntag, nach einer Gerichtsentscheidung
Mit ernster Miene halten zwei Männer Bilder von Verstorbenen in die Kamera.
Am Dienstag haben sich Mitglieder der hinduistischen Gemeinschaft aus Dhar
im zentralen Bundesstaat Madhya Pradesh auf dem historischen
Bhojshala-Kamal-Maula-Komplex versammelt. Eigentlich haben sie Grund zu
feiern, was sie auch tun. Denn in der vergangenen Woche hatte das oberste
Gericht des Bundesstaates die Anlage zum Hindutempel erklärt. Im Urteil
heißt es, der religiöse Charakter entspreche einem Sakralbau, [1][welcher
der Hindu-Göttin Saraswati gewidmet sei.]
Die oppositionelle Kongresspartei kritisiert das Urteil im von der
hindunationalistischen BJP-regierten Madhya Pradesh. Der
[2][Kongresspolitiker Digvijaya Singh] wirft der Partei von Premierminister
Narendra Modi vor, die Angelegenheit bewusst zur Polarisierung zwischen
Hindus und Muslimen zu nutzen. Die BJP feiert hingegen: Es handele sich
nicht nur um einen Tempel, sondern um einen „Sieg des Glaubens, des Kampfes
und des Entschlusses von Millionen Gläubigen“, heißt es in einem
S[3][ocial-Media-Post einer BIP-Organisation].
„Heute, da Gebete und Gottesdienste in der Gegenwart von Maa Saraswati
wieder aufgenommen werden, empfinden Millionen von Gläubigen einen tiefen
emotionalen Triumph“, betont die BJP-Unterstützerin Priti Gandhi.
Im Gerichtsurteil wurde argumentiert, dass der mittelalterliche
Bhojshala-Komplex ein Zentrum für die Lehre der altindischen Sprache
Sanskrit gewesen sei. Die Anlage wird mit dem Hindu-König und Förderer der
Künste Raja Bhoja (1010–1055) der Parmar-Dynastie zugewiesen.
## Zuletzt abwechselnde Nutzung durch Muslime und Hindus
[4][Der Streit schwelt schon lange] und reiht sich ein in eine Serie von
umstrittenen Moscheen. Historiker:innen gehen davon aus, dass die
heutige Anlage mehrfach verändert wurde und sowohl hinduistische als auch
islamische Elemente enthält. 2003 kam es zu einer gewaltsamen
„Bhojshala-Befreiungsbewegung“ durch Hindu-Aktivisten, bei der mutmaßlich
drei Männer der Gemeinschaft starben. An sie wurde jetzt während der
Feierlichkeiten zum Urteil mit Fotos erinnert.
Über zwanzig Jahre hinweg galt eine gerichtliche Regelung, nach der Muslime
freitags beteten und Hindus dienstags ihre Puja durchführen. Dieser
Kompromiss wurde erfolgreich angefochten. Laut Urteil soll die muslimische
Gemeinschaft ein alternatives Grundstück erhalten, während Bhojshala für
hinduistische Gottesdienste und Rituale reserviert bleibt.
1875 wurde auf dem Gelände eine Statue der Göttin der Weisheit ausgegraben.
Vor Gericht wurde auf eine 2024 durchgeführte Studie der indischen
Denkmalbehörde ASI verwiesen. Dabei waren über 1.700 Relikte entdeckt
worden, darunter Säulen und Skulpturen, die mit der hinduistischen
Ikonografie von Tempeln in Verbindung gebracht werden. Auch sei das
Gebäude, das Muslime Kamal-Maula-Moschee nennen, „Jahrhunderte später“
errichtet worden.
Die muslimische Seite legte historische Dokumente vor, wonach der
Grundstein der Moschee Anfang des 14. Jahrhunderts gelegt worden sei. Im
Urteil wird darauf Bezug genommen: Die Moschee sei keine eintausend Jahre
alt und folglich jünger als ein Tempelbau aus dem 11. Jahrhundert. Zudem
könne nicht belegt werden, dass das Land damals einer muslimischen Stiftung
gehört habe.
Der Streit um das Denkmal erinnert an den blutigen Konflikt um die
Babri-Moschee in Ayodhya. Diese wurde 1992 bei gewaltsamen
Auseinandersetzungen mit 2.000 Toten von Hindu-Aktivisten gewaltsam
niedergerissen und 2024 mit Unterstützung der Modi-Regierung durch einen
Rama-Tempel ersetzt. Bhojshala könnte zum nächsten interreligiösen
Symbolstreit werden. Wieder einmal geht es um konkurrierende
Geschichtsbilder, religiöse Ansprüche und politische Mobilisierung.
## Konkurrierende Geschichtsbilder und politische Mobilisierung
Anders als bei Ayodhya dreht es sich bei Bhojshala nicht um eine einzelne
Moschee, unter der ein Tempel vermutet wird. Vielmehr gilt die Anlage als
gemeinsames religiöses Erbe. Hindu-Gruppen argumentieren, die Moschee sei
teilweise mit Materialien eines früheren Tempels errichtet worden.
Muslimische Vertreter verweisen darauf, dass dort seit über 700 Jahren
islamische Gebete stattfinden. Sie wollen den Beschluss anfechten. Die
Entscheidung sei „völlig einseitig“, kritisiert [5][Abdul Samad] von einer
muslimischen Wohlfahrtsorganisation.
20 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://indianexpress.com/article/legal-news/bhojshala-is-a-temple-says-madhya-pradesh-high-court-10690857/
(DIR) [2] https://timesofindia.indiatimes.com/india/asi-protected-monument-not-worship-place-congress-mp-digvijay-singh-calls-hc-bhojshala-verdict-vague/articleshow/131151872.cms
(DIR) [3] https://x.com/BJP4OBCMorcha/status/2056597299426664747
(DIR) [4] https://caravanmagazine.in/history/hindu-mahasabha-ayodhya-madhya-pradesh-kamal-maula-mosque
(DIR) [5] https://x.com/ians_india/status/2055648770269077979
## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
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