# taz.de -- Arbeitsbedingungen bei Cotti Coffee: Aufstand der Edlen
> Berichte von Beschäftigten werfen ein dunkles Licht auf die
> Arbeitsbedingungen in Berliner Filialen der Kaffeehauskette Cotti. Intern
> regt sich Protest.
Cotti ist auf Expansionskurs. [1][Erst im Januar eröffnete die chinesische
Kaffeehauskette die ersten vier Filialen in Deutschland], mittlerweile
betreibt der Anbieter allein in Berlin vier Läden, dazu acht weitere
verteilt auf Hamburg, Köln, Düsseldorf, Essen und Mönchengladbach. Weltweit
gibt es laut dem Unternehmen mehr als 18.000 Filialen in 28 Ländern, die
mit Abstand meisten im Ursprungsland China. Medienberichte hierzulande
drehten sich bisher vor allem um die Billigpreise der Kette und den
[2][Wettbewerb mit anderen Anbietern wie Lap Coffee.]
Nun werfen Berichte von ehemaligen und aktuellen Mitarbeiter*innen in
Berlin ein dunkles Licht auf die Arbeitsbedingungen bei Cotti Coffee. Sie
berichten unter anderem über den Einsatz von Überwachungskameras im
Arbeitsalltag sowie deutliche Unterschreitungen vereinbarter
Regelstundenzahlen. Der taz liegen Zeugenaussagen sowie Chatprotokolle vor,
die betreffenden Mitarbeiter wollen aus Angst nicht namentlich genannt
werden.
Cotti habe am Anfang des Jahres eine recht große Zahl von Mitarbeitenden am
Berliner Standort eingestellt, berichtet eine ehemalige
Filialmitarbeiterin. Als die Auslastung der Filialen geringer als von der
Leitungsebene erwartet ausfiel, habe das Unternehmen nach einigen Wochen
die Wochenstunden nach einem neuen Schichtsystem verteilt. Viele
Mitarbeitende wurden nach ihrer Darstellung dadurch für deutlich weniger
als die vertraglich vereinbarte Regelstundenzahl eingeteilt und
entsprechend weniger bezahlt.
Einzelne Mitarbeitende berichten, mit den geänderten Schichtplänen hätten
sie teilweise alleine in Filialen arbeiten müssen, wo sie vorher zu zweit
waren, und so ungewollt sowie nicht in allen Fällen bezahlte Überstunden
gemacht. Hinweise aus internen Chats mit Mitarbeitenden an anderen
deutschen Standorten deuten darauf hin, dass nicht nur in Berlin
Mitarbeitenden weniger als die vertraglich vereinbarte
Regelarbeitsstundenzahl zugewiesen wurde.
## Kontrolle durch Überwachungskameras
In mindestens einem Fall wurden Mitarbeitende unter Hinweis auf
Überwachungsbilder aus der Filiale von einer Führungskraft zurechtgewiesen.
„Warum liegt da was auf dem Boden?“, fragte eine Managerin in einem
Gruppenchat. Der taz liegt die Leitlinie von Cotti Coffee über die
Videoüberwachung am Arbeitsplatz für Angestellte in Berlin vor. Darin heißt
es: „Eine Leistungs- oder Verhaltenskontrolle von Mitarbeitern findet nicht
statt.“
Mitarbeitenden zufolge soll die Unternehmensleitung zudem signalisiert
haben, dass eine Solidarisierung am Arbeitsplatz – etwa durch eine eigene
Social-Media-Gruppe ohne Managementbeteiligung – unerwünscht sei. In einem
internen Chat, der der taz vorliegt, äußert eine Führungskraft gegenüber
einer Filialleitung, sie wolle Schichten vorrangig an „brave Leute“
vergeben.
Viele Filialmitarbeitende in Berlin stammen nach Angaben ehemaliger
Beschäftigter aus China, viele von ihnen sind Studierende mit
Teilzeitverträgen. Eine ehemalige Angestellte vermutet, dass diese
Situation eine Rolle gespielt haben könnte, denn in China sei ein
willkürlicher Umgang mit Arbeitszeiten im Servicebereich nicht unüblich.
„Vielleicht dachte das Unternehmen, sie könnten die Bedingungen eher
akzeptieren.“ Belegen lässt sich diese Vermutung nicht.
Zudem sei es für ausländische Studierende in Deutschland derzeit schwierig,
Teilzeitarbeitsstellen zu finden, so die frühere Angestellte. Auch deswegen
hätten einige Mitarbeitende die Zustände bei Cotti toleriert.
## Unter den Mitarbeitenden regt sich Widerstand
Dennoch kam unter vielen Beschäftigten in Berlin bereits im März Unmut auf.
In Gruppenchats mit dem Management protestierten Mitarbeitende insbesondere
gegen das Herunterschrauben der Stundenzahlen. Einige Mitarbeitende
schlossen sich in einer eigenen Gruppe im chinesischen Messengerdienst
WeChat unter dem Namen „Aufstand der Edlen“ zusammen.
Zu ihren kritischen Nachfragen erhielten Mitarbeitende über Wochen nur
ausweichende und vage Rückmeldungen. Die Kommunikation mit der
Führungsebene in den Gruppenchats habe sich wie mit einer KI angefühlt, so
eine ehemalige Mitarbeiterin. Bald nach den Stundenkürzungen seien
Schichtpläne nicht mehr für alle sichtbar geteilt und Mitarbeitende
stattdessen einzeln über ihre Arbeitszeiten informiert worden. Eine
ehemalige Mitarbeiterin sagt, die neue Praxis habe es erschwert, die
Stundenzahlen miteinander zu vergleichen und sich darüber auszutauschen.
Anfang April wurden am Berliner Standort dann etliche
Mitarbeiter*innen entlassen. Darunter waren nach Angaben ehemaliger
Beschäftigter auch einige, die zuvor in Gruppenchats gegenüber dem
Management ihren Unmut geäußert hatten. Ob ein Zusammenhang bestand, ist
offen. Die Schichtverteilung für die verbliebenen Beschäftigten näherte
sich offenbar wieder der vertraglich vereinbarten Regelstundenzahl an.
Für die Beschäftigten, viele von ihnen erst seit kurzer Zeit in
Deutschland, bedeutet der Fall auch eine Auseinandersetzung mit den
Instrumenten des deutschen Arbeitsrechts. Mindestens eine ehemalige
Mitarbeiterin erwog rechtliche Schritte gegen das Unternehmen. Ein Zeichen
besonderen Mutes will sie darin nicht sehen. [3][„Alles, was wir wollten,
ist, dass Mindeststandards eingehalten werden.“]
Letztlich ging niemand der betroffenen Mitarbeitenden in Berlin juristisch
gegen Cotti vor. Für das Unternehmen dürfte der Umgang mit
Arbeitnehmer*innen dennoch eine Bewährungsprobe auf seinem
Expansionskurs werden. Das Unternehmen war über eine internationale
Pressekontaktmailadresse für die taz nicht zu erreichen. In Deutschland
reagierte Cotti Coffee auf seinen öffentlich einsehbaren Kontaktkanälen
weder per Mail, per Instagram noch auf eine schriftliche Anfrage an den
Unternehmenssitz in Köln. Eine taz-Anfrage zur Stellungnahme ließ Cotti
unbeantwortet.
19 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Chinesische-Kaffeekette-in-Berlin/!6155268
(DIR) [2] /Urbane-Lifestyleszene-in-der-Kritik/!6106075
(DIR) [3] /Union-Busting-am-Hamburger-Flughafen/!6111565
## AUTOREN
(DIR) Leonardo Pape
## TAGS
(DIR) Kaffee
(DIR) Arbeitsbedingungen
(DIR) Union Busting
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Gentrifizierung
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Chinesische Kaffeekette in Berlin: Wem gehört der Kaffee?
Mit Cotti Coffee drängt eine chinesische Billigkaffeekette in deutsche
Großstädte. Ob sie zur Konkurrenz für LAP Coffee wird, bleibt abzuwarten.
(DIR) Die LAP-Coffee-Kette und ihre Feinde: „Die Leute lieben uns“
Der schnell wachsenden Café-Kette wird Gentrifizierung vorgeworfen. Das
kann ihr Gründer Ralph Hage nicht nachvollziehen. Er wettert über
Vandalismus.
(DIR) Urbane Lifestyleszene in der Kritik: Tiktok to go
Start-up-Ketten verwandeln Alltagsware via Social Media in
Lifestyleprodukte. Sie erzeugen viel Müll und setzen lokale Cafés und
Imbisse unter Druck.