# taz.de -- Die Wahrheit: Stuhlkreis mit Herz und Frust
       
       > Die Wahrheit zu Besuch bei einer von Selbstzweifeln geplagten
       > Satzzeichen-Selbsthilfegruppe.
       
 (IMG) Bild: Endlich hat die Orthografie einen Platz, um sich auszuheulen
       
       Punkt, Punkt, Komma, Strich. Dank den vier Überpünktlichen ist schon
       jegliches für das heutige Treffen der Satzzeichen Selbsthilfegruppe
       „Schwarzweiß“ aufgebaut – oder Satzzeichen-Selbsthilfegruppe, wenn es der
       Bindestrich auch mal schafft. Die Mitglieder, allesamt deutsche
       Satzzeichen, treffen sich jede zweite Woche in diesem unscheinbaren
       Konferenzraum im Keller einer Ulmer Multifunktionshalle.
       
       „Die Treffen geben den Mitgliedern Struktur und Sinn“, erklärt uns
       Gruppenleiter Dieter Uden, während er Flusen von seinem Norwegerpulli zupft
       und auf seine Cordhose rieseln lässt. „Also genau das, was sonst sie dem
       Satzbau geben.“
       
       Er wendet sich ab von uns und begrüßt den Gedankenstrich. „Ach, schön, dass
       du auch wieder da bist“, sagt Uden und lächelt. Der Gedankenstrich kommt
       erst seit wenigen Wochen zu den Treffen und lehnt schüchtern in der Tür.
       Für ihn, also den Gedankenstrich, lief es lange gut. Von allen geliebt, in
       jedem Satz zu finden, Redebedarf: null. Bis die KI kam. „Und jetzt – als
       wäre es meine Schuld – heißt es, ein Text mit Gedankenstrich habe keinen
       Stil.“ Hier in der Selbsthilfegruppe arbeitet er nun an einem
       Erwartungswechsel – bisher noch ohne Erfolg.
       
       „So“, erstickt Gruppenleiter Uden mit erhobenen Händen sanft das Gemurmel
       der mittlerweile fast vollzählig anwesenden Satzzeichen. „Schön, dass ihr
       wieder so zahlreich und doppelpünktlich“, er zwinkert dem Doppelpunkt
       freundlich zu, „erschienen seid. Hat jemand das Leerzeichen gesehen?“
       Schweigen. Bis das Ausrufezeichen schüchtern exklamiert: „Hat es heute
       wieder nicht geschafft …“ Es soll fast das Einzige bleiben, was das sonst
       so aufmerksamkeitsheischende Ausrufezeichen heute von sich gibt, denn an
       ihm nagt eine veritable Sozialphobie.
       
       ## Semikolon macht den Anfang
       
       „Dann fangen wir einfach an“, fährt Uden fort, während sich alle an den
       Gänsefüßchen halten. „Wie immer: Was ist unser Motto?“ Unisono kommt es
       zurück: „Hier wird niemand beurteilt, höchstens korrigiert.“ – „Ganz
       genau“, lächelt Uden und bittet alle Anwesenden, sich zu setzen.
       „Semikolon, fängst du an?“
       
       Das Semikolon, einer der alten Hasen der Gruppe, rückt unsicher auf seinem
       billigen Plastikstuhl umher, bevor es in der erwartungsvollen Stille das
       Wort ergreift: „Ich komme seit drei Jahren zu ‚Schwarzweiß‘; ich gehöre
       hier beinahe zum Inventar.“ Leises Lachen vom Ausrufezeichen. „Neulich
       wurde ich bei einer Aufzählung mal wieder übergangen; und wisst ihr was? Es
       war okay; es tat nicht mehr weh.“
       
       Die Runde nickt und brummt anerkennend. Dafür, ihre Stellung in der
       deutschen Sprache trotz aller Fehler akzeptieren zu können, sind fast alle
       hier. „Danke, dass du dich uns mitgeteilt hast, liebes Semikolon; bei uns
       findest du immer einen Platz“, bestärkt Gruppenleiter Uden das Zeichen mit
       einem Satz, der eigentlich kein Semikolon gebraucht hätte. Nie fiele es
       hier jemandem ein, das anzusprechen.
       
       Nicht alle legen jedoch so viel Selbstreflexion und Bescheidenheit an den
       Tag wie das Semikolon. „Das ist doch scheiße!“, ruft das Komma rein – und
       wird sofort von Uden unterbrochen: „Bitte, Komma, keine Gewaltausdrücke. Du
       weißt doch, im Mittwochskurs habe ich die Wörter, und gerade Scheiße hat
       selbst arge Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung.“ Schuldbewusst
       schaut das Komma kurz zu Boden, bevor es erneut ansetzt: „Aber ist doch so.
       Ich könnte vor jeder Infinitivgruppe stehen, und was ist die Realität? Ich
       schaffe es nicht mal vor alle Relativsätze! Dabei kann ich so viel mehr.“
       
       „So verständlich dein Frust auch ist, aber das ist wirklich klagen auf
       hohem Niveau“, mischt sich der Apostroph kurz vor Ende noch ein. „Du
       findest Lohn und Brot in jedem Satz, ich muss schon froh sein, wenn ich mal
       zu Gabi’s Imbiss eingeladen werde und darf mich dann auch noch als Deppen
       beschimpfen lassen.“
       
       ## Was den Satzzeichen auf dem Herzen liegt
       
       „Nun beruhigen wir uns erst mal“, unterbricht Uden die Streithähne, „und
       atmen tief durch. Auslassungspunkte, würdet ihr …?“ Die Auslassungspunkte
       würden: „Aber natürlich, also, alle zusammen: … … …“ – „Gut“, setzt Uden
       fort, „dann lasst uns weitermachen.“ Nach und nach spricht fast jedes
       Satzzeichen aus, was ihm auf dem Herzen liegt: Das Fragezeichen beklagt
       seine ständigen Selbstzweifel; der Geviertstrich, dass niemand ihn wirklich
       versteht; und der Bindestrich reflektiert die Umbrüche in seinem Leben.
       
       Als alle zu Wort gekommen sind, bindet Uden freundlich ab: „Das lief doch
       gut heute. Nehmt euch noch ein paar Snacks für die Nebensätze mit, und
       ansonsten sehen wir uns in zwei Wochen.“
       
       Nach einem abschließenden gemeinsamen Füßestampfen löst sich das Treffen
       dann langsam auf. Die Klammern umarmen alle zum Abschied, selbst die noch
       endlos quasselnden Anführungszeichen kommen irgendwann zum Punkt, weil sie
       in dieselbe Richtung müssen. Und auch wir verabschieden uns mit vielen
       orthografischen Erkenntnissen in die Nacht.
       
       20 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ernst Jordan
       
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