# taz.de -- Die Wahrheit: „Wir bewahren die traditionelle Geräuschkulisse“
> Das große Wahrheit-Multi-Interview: Drei Berliner Hinterhofschreier und
> ihre gar nicht so kakophonen Meinungen.
(IMG) Bild: Krakeeler gehören in jeden Berliner Hinterhof Foto: Rolf Schulten
Jedes Berliner Mietshaus hat sie: eine Person, die dort regelmäßig
herumschreit. Nach langen Vorbereitungen ist es erstmals gelungen, drei
Hinterhofschreier an einem Ort zu versammeln, dem Innenhof eines
Mietshauses in Schöneberg, Baujahr 1910. Sie heißen Wilma, Saskia und
Henry. Wir stehen unten, die Hinterhofschreier antworten uns lautstark von
oben herab.
taz: Liebe Hinterhofschreier, danke, dass Sie alle vorbeigekommen sind.
Hinterhofschreier: Ruhe! Ick komm da gleich runter! Gerne doch.
taz: Eine Frage brennt uns natürlich besonders unter den Dielen: Wie wird
man Hinterhofschreier?
Wilma: Halts Maul! Man sollte Interesse an der aktiven Gestaltung des
Stadtlebens haben. Ich habe anfangs nur hin und wieder die Kleinstgärten am
Straßenrand verwüstet, aber irgendwann wollte ich mich dauerhaft
einbringen.
Saskia: Fresse da drüben! Für mich gehört Rumschreien einfach zu einer
Großstadt dazu. Nur will das heute kaum noch jemand machen. Dabei geht es
hier um die Bewahrung der traditionellen urbanen Geräuschkulisse.
Henry: Schnauze! Letztlich ist es ein Ehrenamt mit einem, leider, etwas
zweifelhaften Ruf.
taz: Ein Ehrenamt? Jetzt sagen Sie bloß, Sie sind auch in einem Verein
organisiert.
Henry: Pass auf, du! Was dachten Sie denn? Natürlich: Verband der
Hinterhofschreienden e. V. Mit Mitgliedsbeitrag, Satzung und
Jahreslautversammlung.
taz: Und der Staat erkennt das an?
Wilma: Ich ruf gleich die Bullen! Er erkennt es nicht nur an, er honoriert
es – und das zu Recht! Saskia, warst du nicht letztens erst bei Steinmeier?
Saskia: Musik aus jetzt! Genau, am Tag des Ehrenamtes haben der
Bundespräsident und ich sogar gemeinsam aus einem Fenster von Schloss
Bellevue geschrien.
Henry: Machs Maul zu! Und finanziell unterstützt werden wir vom Berliner
Stadtmarketing. Die wollen das Hinterhofschreien erhalten. Schließlich
gehört das für viele Touristen zu Berlin wie Döner und Müll auf der Straße.
taz: Also ist der Verband nur in Berlin aktiv.
Wilma: Gleich setzt es was! I wo! Schon seit 1894 sind wir in allen
deutschen Großstädten vertreten. Unsere Mitglieder schreien in über 300
Sprachen und kennen mehr als 10.000 verschiedene Drohungen, Beleidigungen
und Arten auszudrücken, dass man doch bitte etwas leiser sein soll.
taz: Und was braucht es als Hinterhofschreier?
Saskia: Kannst du keine Uhr lesen, oder was? Mitglied des Vereins darf erst
mal jeder werden. An der Mitgliederwerbung müssen wir allerdings noch
arbeiten, aktuell läuft das rein über Mund-zu-Mund-Propaganda.
Henry: Gleich klatscht es da unten! Um aktives Mitglied zu werden, brauchen
Sie schon ein ordentliches Organ. Und ein natürlicher Hang zum Flapsigen
schadet auch nicht.
Wilma: Ruhe jetzt! Und Einfallsreichtum natürlich! Immer nur „Fresse“ und
„Ich ruf die Bullen“, das langweilt die anderen Mieter auf Dauer.
taz: Verständlich. Gibt es auch Ausschlusskriterien?
Henry: Fresse jetzt! Wir positionieren und klar gegen jede Art der
Diskriminierung, viele von uns sind sogar bei „Laut gegen Nazis“ aktiv.
Wenn kleine Kinder im Haus wohnen, erwarten wir, dass Fluchwörter auf ein
Minimum reduziert werden. Wirre Selbstgespräche oder einfach mal
animalische Laute tun es dann auch.
taz: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?
Saskia: Ich glaub’, es hackt! Aktuell bauen wir Ortsverbände auf dem Land
auf. Da ist definitiv noch Luft nach oben, also in Sachen Dezibel. Dabei
lässt es sich auch aus Doppelhaushälften gut schreien, auch wenn der Schall
nicht optimal ist. Der Aufbau eilt aber nicht, wir haben einen langen Atem.
taz: Das können wir uns vorstellen. Liebe Hinterhofschreier, wir danken
Ihnen für das bodenständige Gespräch.
Henry: Fresse jetzt, sonst rufen wir die Bullen! Gerne doch.
11 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Ernst Jordan
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