# taz.de -- Horrorfilm „Mother Mary“: Die letzte Heilige
       
       > In David Lowerys Gothic-Melodram „Mother Mary“ will sich ein Star ein
       > neues Outfit zulegen. Der Horrorstreifen zeigt Pop als Maschine zur
       > Herstellung von Identitäten.
       
 (IMG) Bild: Sam Anselm (Michaela Coel) wird Mother Mary (Anne Hathaway) ein neues Kleid entwerfen. Bloß was soll es verhüllen?
       
       Popstars sind vielleicht [1][die letzten Heiligen], an die die Welt noch
       glaubt. Der Unterschied zu Religionen [2][besteht nur darin, dass ihre
       Heiligen heute zugleich Opfer und Produkte ihrer eigenen Inszenierung
       sind]. Anne Hathaway spielt in David Lowerys „Mother Mary“ eine
       Popmusikerin, die langsam vom eigenen Image heimgesucht wird.
       
       Kurz vor ihrem großen Comeback-Auftritt bekommt Mary Zweifel. Besonders das
       maßgeschneiderte Outfit für ihre neue Show scheint plötzlich falsch. Ohne
       ihre Entourage aus Assistentinnen und Make-up-Artists zu informieren,
       fliegt sie spontan nach England in das abgelegene Haus der Modedesignerin
       Sam ([3][Michaela Coel]).
       
       Von ihr möchte sie einen neuen Dress – oder vielleicht ein neues Selbst.
       Wie der Film nach und nach andeutet, hat Sam die öffentliche Figur des
       Popstars entscheidend miterschaffen. In wenigen Tagen soll Mary bei einem
       gigantischen Neujahrsauftritt ihre neue Single präsentieren.
       
       [4][Diese Ausgangslage verwandelt der US-Regisseur nach und nach in eine
       seltsame Mischung] aus retrospektiver Paartherapie, Séance und
       Kreativmeeting am Rand des Nervenzusammenbruchs. Ein
       High-Fashion-Kammerspiel, das sich wie ein psychologisches Korsett immer
       enger zieht.
       
       Sam ist gar nicht glücklich über den unangekündigten Besuch. Mary braucht
       den neuen Dress in nur zwei Tagen. Außerdem hat sie Sam vor einigen Jahren
       einfach geghostet.
       
       Rückblenden deuten an, dass sie einst eine romantische Beziehung führten
       und zwischen ihnen tiefe Verletzungen liegen. Doch die Abstoßung wird bald
       wieder zur Anziehung. In Sams Atelier, einer alten Scheune, fallen die
       beiden zurück in einen vertrauten Modus.
       
       Weil Mary nicht erklären kann, welche Art von Dress sie will, versucht sie
       es mit Blicken oder halben Sätzen. Sam steht mit ihrem durchdringenden
       Blick vor ihr und setzt die vagen Ideen zusammen, indem sie sie formuliert.
       Schließlich will sie von Mary erfahren, was sie plagt. Damit sie wisse, was
       sie bedecken soll.
       
       Mode scheint hier Gefühle lesbar zu machen. [5][Es ist beeindruckend, wie
       Hathaway] und Coel zwei Menschen spielen, die sich so lange kennen, dass
       Sprache fast überflüssig geworden ist. Sie bewegen sich durch ein
       emotionales Betriebssystem, das nur sie selbst verstehen.
       
       ## Geradezu meditative Ruhe
       
       Coel, bekannt etwa als Drehbuchautorin und Hauptfigur der Emmy-prämierten
       HBO-Serie „I May Destroy You“ (2020), hält den Film mit einer geradezu
       meditativen Ruhe zusammen. Ihre meistens skeptischen, fast nie wirklich
       zugewandten Blicke wirken präziser als die eigentlichen Dialoge.
       
       In einer der stärksten Szenen bittet Sam Mary, die neue Choreografie ohne
       Musik vorzuführen. Brillant, wie Hathaway sich durch den Raum windet. Der
       Star scheint nicht mehr gespielt zu werden, sondern Besitz von ihr zu
       ergreifen.
       
       Die Schauspielerin bringt dafür die richtige Qualität mit: eine Mischung
       aus perfekter Hollywood-Oberfläche und der Ahnung, dass darunter jederzeit
       etwas kippen kann. Kurz darauf beginnt Mary von geisterhaften Begegnungen
       in Gestalt eines herumschwebenden roten Tuchs zu erzählen, das sie seit
       Jahren verfolgt.
       
       Hier beginnt der Film ins Geisterhafte zu kippen. Was als diffuses Tuch
       beginnt, manifestiert sich im Landhaus als allgegenwärtiges Rot, das
       ständig seine Form wechselt. Das Haus wird zum Speicher gemeinsamer
       Projektionen und Verletzungen.
       
       ## Ein Exorzismus als logische Zuspitzung
       
       Zwischen nächtlichem Dauerregen, flackerndem Kerzenlicht und dem
       heimsuchenden Rot wird die Zuschauerin in eine okkulte Séance gelockt. Auch
       im wörtlichen Sinne: Als der [6][britische Popstar FKA twigs] als
       spirituelles Medium auftaucht, um Mary von ihren Dämonen zu reinigen.
       
       Der Exorzismus wirkt weniger wie ein surrealer Ausbruch als wie die
       logische Zuspitzung einer Erzählung, in der Gefühle längst Besitz von
       Räumen, Bildern und Körpern ergriffen haben. Doch Lowery steuert den Film
       so sichtbar auf diese okkulten Momente zu, dass gerade die symbolisch
       aufgeladensten Szenen ihre Wirkung verlieren.
       
       „Mother Mary“ bewegt sich permanent an der Grenze zwischen
       hyper-ästhetisiertem Horror, Kunstpathos und einem teuren Tumblr-Post aus
       den frühen 2010ern – super stylish, ein bisschen philosophisch, aber immer
       ein bisschen zu selbstverliebt. Milan Kundera schrieb mal, dass dem Kitsch
       zwei Arten von Tränen vorausgingen.
       
       Die erste Träne entstehe beim gerührten Anblick von Kindern, die auf dem
       Rasen rennen. Die zweite bei der Einsicht, dass auch andere vom Anblick
       gerührt sind. [7][Erst diese zweite Träne macht aus Emotion Kitsch].
       
       ## Konzertsequenzen von enormer Wucht
       
       Auf die zweite Träne zielt der Film bald nur noch ab. Nicht auf die
       Emotion, eher auf die ständige Reflexion darüber, wie bedeutungsvoll, tief
       und kollektiv diese Emotion gerade sein soll. Irgendwann besteht die
       Spannung nicht mehr darin, mit den Figuren mitzufiebern oder sich in den
       horrorartigen Szenen zu gruseln, sondern nur noch zu hoffen, dass der Film
       mal aufhört, sich so wahnsinnig ernst zu nehmen.
       
       Auch viele Dialoge wirken künstlich überhöht. Mary beschreibt ihre Kunst
       einmal als „transsubstantiation of feeling“: eine Art Verwandlung von
       Gefühlen in etwas Körperliches. Doch da, wo Emotionen permanent wie etwas
       Sakrales behandelt werden, ist das nur konsequent.
       
       Lowery interessiert sich weniger dafür, wie reale Menschen sprechen, als
       dafür, wie sie gegenseitig ihre Mythen erschaffen. Mit [8][„A Ghost Story“
       (2017)] oder [9][„The Green Knight“ (2021)] hat sich der Regisseur längst
       als jemand etabliert, der mehr mit Stimmungen und Gefühlen arbeitet, die
       rational kaum erklärbar sind.
       
       Gerade deshalb entwickeln die großen Konzertsequenzen eine enorme Wucht:
       irgendwo zwischen futuristischem Stadionpop und katholischer Messe. Für
       wenige Minuten erzeugen sie die Aura eines echten Mega-Events. Anne
       Hathaway bewegt sich darin mit einer kontrollierten Künstlichkeit, die
       zugleich camp und ernst wirkt.
       
       ## Kleidung als emotionale Infrastruktur
       
       Dass Marys Outfits so authentisch aussehen, liegt auch an der
       Zusammenarbeit zwischen der Kostümdesignerin Bina Daigeler und der
       [10][Modelegende Iris van Herpen], die bereits Björk oder Lady Gaga
       eingekleidet hat.
       
       Es ist, als funktioniere Kleidung bald nur noch als emotionale
       Infrastruktur, die wichtiger ist als die eigentliche Handlung. Gefühle
       erscheinen wie Designobjekte. Vielleicht liegt auch hier der eigentliche
       Horror: die stetige Angst davor, dass zwischen Performance, Begehren und
       Projektion kein echtes Selbst mehr übrig bleibt.
       
       Hier erscheint Pop nicht mehr als Musikindustrie, sondern als Maschine zur
       Produktion von Identitäten. Der Film wirkt wie eine Gothic-Version dessen,
       [11][was die US-Autor*in Lauren Berlant als „cruel optimism“ bezeichnet
       hat]: die erschöpfende Bindung an ein bedeutungsvolles Leben, das einen
       gleichzeitig zerstört.
       
       Gerade deshalb funktioniert der Film weniger als klassischer Horror denn
       als Geschichte über emotionale Abhängigkeiten, die entstehen, wenn zwei
       Menschen gemeinsam eine Figur erschaffen, die größer wird als beide selbst.
       „Mother Mary“ gelingt es nicht immer, diese großen Gefühle zu tragen. Doch
       einige Szenen bleiben hängen. Wie Popsongs, deren Kitsch man ablehnt, die
       einen aber trotzdem emotional erpressen.
       
       19 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Katholische-Kirche-verbreitet-mit-Heiligsprechung-von-Carlo-Acutis-Antisemitismus/!6108628
 (DIR) [2] https://www.feinschwarz.net/popkultur-und-theologie-am-beispiel-von-taylor-swift/
 (DIR) [3] /Serie-I-May-Destroy-You/!5720013
 (DIR) [4] /Fantasyfilm-The-Green-Knight-im-Kino/!5786033
 (DIR) [5] /New-York-Times-Podcast-The-Interview/!6015893
 (DIR) [6] /Album-Eusexua-von-FKA-Twigs/!6068024
 (DIR) [7] https://www.journal21.ch/artikel/der-kulturkritische-kitsch
 (DIR) [8] /Indie-Horrorfilm-A-Ghost-Story/!5464893
 (DIR) [9] /Fantasyfilm-The-Green-Knight-im-Kino/!5786033
 (DIR) [10] /Ein-neues-Stueck-von-Sasha-Waltz/!5416206
 (DIR) [11] https://news.uchicago.edu/story/lauren-berlant-preeminent-literary-scholar-and-cultural-theorist-1957-2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Rhensius
       
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