# taz.de -- Jung und alt wohnen zusammen in einer WG: Für beide Seiten ein Glücksfall
       
       > Junge Menschen finden schlecht Unterkunft. Und viele Rentner:innen
       > wohnen allein auf großer Fläche: Der Verein Sonay bringt Jung und Alt
       > zusammen.
       
 (IMG) Bild: Manfred Liebel und Yağmur Aktan in der Küche ihrer Generationen-WG
       
       „Aktan“ steht auf dem Zettel, der neben dem Klingelschild „Liebel“ an einem
       Charlottenburger Altbau klebt. So heißt Yağmur mit Nachnamen. Seit einem
       Jahr wohnt die 35-Jährige bei Manfred, der mehr als 50 Jahre mehr zählt als
       sie. „Als ich diesen Raum betreten habe, dachte ich: Wow, hier will ich
       wohnen“, sagt Yağmur.
       
       Die Juristin mit den leuchtenden Augen und dem schwarzen Lockenkopf weist
       auf die voll gepackten Regale in dem Arbeitszimmer ihres Mitbewohners. Dass
       sich der 86-jährige Soziologe für linke Politik interessiert, war auf den
       ersten Blick zu sehen. Und genau danach habe sie gesucht: „Eine Person, die
       ähnliche Ideen vom Leben hat wie ich.“
       
       Manfred – der wie Yağmur mit Vornamen angesprochen werden will –, erinnert
       sich ähnlich positiv an die erste Begegnung: „Sie wirkte unkonventionell,
       unkompliziert.“ Und das hatte er sich auch erhofft: „Das ist bei jüngeren
       Leuten eher anzutreffen, dass sie lockerer sind und nicht so eingefahren.
       Das finde ich angenehm.“
       
       Dass das ungleich alte WG-Paar so gut matcht, ist kein Zufall. Beide
       mussten einen Fragebogen ausfüllen, damit der [1][Verein Sonay] sie in die
       Bewerberliste der „Generationen-WG Berlin“ aufnahm. Neben Angaben zur
       Person muss man auch seine Erwartungen und No-Gos angeben. Viele
       Bewerber:innen fielen bei Manfred gleich raus, weil sie keinen Rauch
       abkönnen – der Rentner raucht gern Pfeife und manchmal auch einen Joint.
       
       ## „Die ganze Zeit mit Leuten zusammen gewohnt“
       
       Davon können auch die Wände in der Altbauwohnung ein Lied erzählen. Neben
       vielen gerauchten Pfeifen sind auch die Spuren des Familienlebens zu
       erkennen, das Manfred hier bis vor ein paar Jahren noch führte. „Unsere
       beiden Kinder sind hier groß geworden, meine Frau lebte hier 25 Jahre“,
       sagt er. Dann kam die Trennung. Für eine Weile wohnte seine Tochter noch
       sporadisch bei ihm, dann zog auch sie aus der Dreieinhalbzimmerwohnung aus.
       „Ich hab die ganze Zeit mit Leuten zusammen gewohnt, auch früher in
       Wohngemeinschaften. So ganz alleine zu wohnen, das war ich nicht gewohnt,
       und es hat mir auch nicht gefallen.“
       
       Manfred erfuhr von dem Sonay-Projekt, der Kontakt zum Verein war positiv.
       „Das war kein bürokratischer Vorgang, sondern sehr persönlich.“ Neben
       ausführlichen Vorgesprächen gab es einen Hausbesuch, auch begleiteten Leute
       von Sonay die Kandidat:innen zu den Gesprächen. Drei seien es gewesen,
       Yağmur und zwei Männer. „Mir war es lieber, dass eine Frau einzieht“, sagt
       Manfred. „Damit hab ich bessere Erfahrungen gemacht.“
       
       Im Unterschied zu Manfred war sich Yağmur erst nicht so sicher, ob sie mit
       der großen Altersdifferenz klarkommen würde. „Ich habe vorher mit meinem
       Onkel zusammen gewohnt“, erzählt sie. „Der ist zwar auch ein Linker, aber
       auch sehr bemutternd. Das mochte ich nicht.“
       
       Eine eigene Unterkunft in Berlin zu finden, stellte sich als unmöglich
       heraus, der Türkin fehlten die passenden Nachweise. „Ich war total
       verzweifelt. Und dann dachte ich: Ich versuche es.“ Sonay erkannte Yağmurs
       schwierige Lage und machte eine Ausnahme – eigentlich dürfen die jungen
       Bewerber:innen maximal 27 sein.
       
       ## Endlich einen Raum für sich
       
       Als Yağmur das 23 Quadratmeter große Zimmer mit dem Dielenboden bezog,
       erwartete sie vor dem Fenster ein blühender Kastanienbaum. Endlich hatte
       sie einen Raum für sich – plus einen weiteren fürs Homeoffice. Yağmur
       arbeitet für eine Firma in Istanbul. Wegen des Zeitunterschieds muss sie
       morgens früh raus. „Am Anfang hatte ich Angst, Manfred zu stören, er
       schläft ja in dem kleinen Raum neben der Küche“, sagt sie. Dann aber habe
       sie gemerkt, dass er auch früh auf sei, und sich entspannt.
       
       Wenn sich in der Küche ihre Wege kreuzen, begrüßen sie sich freundlich,
       manchmal trinken sie gemeinsam Kaffee oder Tee, reden über Politik und
       Persönliches. Dann verschwindet jeder in seiner Arbeit – trotz seiner
       Emeritierung ist Manfred sehr beschäftigt, er engagiert sich zu
       Kinderrechten, schreibt Sachbücher und betreut studentische
       Forschungsarbeiten.
       
       Und er spielt leidenschaftlich gern Speedball, in einem Park um die Ecke.
       „Das ist die einzige Bedingung, hab ich mal gesagt, dass sie manchmal mit
       mir Speedball spielt“, erzählt Manfred. Tatsächlich sei es aber in dem Jahr
       nur einmal dazu gekommen. Vorwurfsvoll klingt Manfred nicht, als er das
       sagt, eher schwingt Enttäuschung mit, die auch Yağmur nicht überhört. „Ich
       bin in Berlin immer noch nicht richtig verankert“, rechtfertigt sie sich,
       „deswegen gehe ich nach der Arbeit raus, um Leute zu treffen“.
       
       „Das ist okay so“, sagt Manfred. „Ich will nicht, dass du dich verpflichtet
       fühlst.“ Umgekehrt möge er ja auch keine Verpflichtungen, genau das habe er
       in den Fragebogen eingetragen. Er wolle keine Sonderbehandlung wegen seines
       Alters, das passiere ihm seit seinem Achtzigsten oft und empfinde er als
       diskriminierend. „Ich fand auch gut, dass Sonay gleich klargemacht hat,
       dass ein gegenseitiger Austausch das Ziel ist“, sagt Manfred. Und dazu
       komme es auch: Neulich habe ihm Yağmur bei einem Computerproblem geholfen.
       „Und er hat mir Tipps gegeben, wie ich von den großen Internetkonzernen
       wegkomme“, ergänzt Yağmur.
       
       ## „Und Krach kannst du auch machen“
       
       Auch einen Putzplan brauchen sie nicht. „Wenn ich sehe, dass etwas dreckig
       ist, dann putze ich das eben.“ Einkäufe machen sie getrennt, wenn einem
       aber etwas fehle, bediene er sich bei dem anderen. Manfred nickt, das
       klappe sehr gut. Und auch sonst hat er nichts zu meckern.
       
       „Das Einzige, was ich dir ab und zu gesagt habe, ist, dass du wie ein Geist
       bist. Weil ich nicht merke, ob du hier bist oder nicht. Das würde ich
       manchmal gern wissen.“ – „Ich habe Angst dich zu stören“, erwidert Yağmur,
       worauf Manfred gleich nickt. „Ich weiß. Aber von mir aus kannst du gern mal
       klopfen. Und Krach kannst du auch machen.“
       
       Manfred lässt meist abends von sich hören, dann legt er Musik auf, seiner
       Mitbewohnerin gefällt das: „Wir waren auch schon mal zusammen auf einem
       Rockkonzert.“
       
       Für Manfred könnte so was gern öfter passieren. Beide finden, dass die fünf
       Jahrzehnte zwischen ihnen ein Gewinn seien. „Für mich ist das hier ein
       Glücksfall, echt“, sagt Manfred, woraufhin Yağmur lacht und den Kopf auf
       seine Schulter legt: „Ja, es ist wie eine Freundschaft.“ Sie fühlt sich
       wohl, ist endlich ein wenig angekommen.
       
       Dass Yağmur in Zukunft mehr Raum einnehmen und in seiner angestammten
       Wohnung etwas verändern könnte, macht Manfred keine Angst: „Ich komm’ mit
       Veränderungen klar. Außerdem würde sie mich sicher fragen.“ Yağmur findet
       es schwierig, dass Manfred in der kalten Jahreszeit nach La Gomera fährt,
       letzten Winter hat sie sich in der Wohnung sehr einsam gefühlt. Der
       Austausch brach jedoch nicht ab, sie schickten sich Nachrichten, Musik und
       Artikel.
       
       Für die nächste Zeit haben sich die beiden vorgenommen, sich öfter zu
       unterhalten, um Yağmurs Deutsch zu verbessern, bisher sprechen sie auf
       Englisch. Auch räumlich wollen sie sich verändern, die Zwischentür zwischen
       ihren Arbeitszimmern soll künftig offen stehen. So kann jede:r für sich
       sein und ist trotzdem nicht allein.
       
       Hinweis: Das ursprüngliche Aufmacher-Bild wurde auf Wunsch von Yağmur
       ausgetauscht. Es hatte zu Missverständnissen über das Verhältnis der beiden
       MitbewohnerInnen geführt.
       
       13 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.sonaysozialesleben.org/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Karlotta Ehrenberg
       
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