# taz.de -- Azubis und Berliner Wohnungsmarkt: Zu wenige und teure Angebote
> Viele Azubis wollen nach Berlin. Doch die Suche nach einer Bleibe ist
> schwierig. Der Senat will nun mehr Wohnraum für Auszubildende schaffen.
(IMG) Bild: Hübsch, aber vielleicht auch überteuert? Studentenwohnheim in Pankow
Mit seiner Familie versteht Haile (Name geändert) sich sehr gut, aber
dennoch sucht der 18-jährige Sohn einer geflüchteten Familie aus Eritrea
ein Zimmer in einem Wohnheim für Azubis. Zu Hause ist es einfach zu eng.
Seit sein jüngster Bruder geboren wurde, muss Haile, der den Beruf eines
Elektrikers lernt, sein winziges Zimmer mit ihm teilen. Sein Schreibtisch
dient seitdem auch als Wickeltisch für den Kleinen, zwischen seinen Heftern
liegen Cremes und Puder. Aber wie die Wohnungssuche in Berlin insgesamt ist
auch die Suche nach einem Azubizimmer nicht einfach.
„Für Auszubildende und junge Fachkräfte entscheidet häufig auch die
Wohnsituation über Ausbildungserfolg und Verbleib in Berlin“, warnt
beispielsweise die Handwerkskammer. „Bezahlbare Mieten und direkte Wege
zwischen Wohnort und Arbeitsplatz erleichtern den Einstieg ins
Berufsleben.“ Die Handwerkskammer fordert deshalb den Ausbau von Wohnraum
für Auszubildende und Fachkräfte. „Die Attraktivität Berlins als
Ausbildungsstandort steigt mit dem Angebot bezahlbaren Wohnraums.“
In dieselbe Kerbe haut die DGB-Jugend. Sie fordert die flächendeckende
Schaffung von Auszubildendenwohnheimen in Berlin nach dem Vorbild der
Studentenwohnheime. Auch Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) weiß: „Ein
Zimmer in Berlin kostet oftmals um die 600 Euro und mehr. Die
Ausbildungsvergütung reicht da vorne und hinten nicht.“
Dabei geht es auf der einen Seite um Menschen wie Haile, die aus Berliner
migrantischen und Flüchtlingsfamilien stammen und in Berlin sehr beengt
wohnen. Auf der anderen Seite aber auch um junge Leute aus anderen
Regionen, die eine Ausbildung in Berlin machen möchten. Ob sie aus
ländlichen Gegenden in Deutschland nach Berlin kommen wollen oder aus dem
Ausland gezielt angeworben wurden, um den Fachkräftemangel zu beheben –
gemeinsam ist ihnen, dass sie schwer bis gar nicht Wohnraum in Berlin
finden. Manch ein Ausbildungsverhältnis kommt darum gar nicht erst
zustande, andere Azubis brechen die Ausbildung ab, weil sie nicht wissen,
wo sie wohnen können.
## Wohnungsnot als Standortnachteil
[1][Auch eine Studie], die das Institut Minor letztes Jahr im Auftrag der
Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales vorlegte, warnt: „Der Mangel an
bezahlbarem Wohnraum stellt einen erheblichen Standortnachteil für die
Ausbildung in Berlin dar. Er hemmt den Ausbau betrieblicher
Ausbildungskapazitäten und verschärft den Fachkräftemangel.“
Geldmangel führe bei vielen jungen Menschen dazu, dass sie im Elternhaus
verbleiben oder lange Pendelwege in Kauf nehmen müssen. Beides sei dem
Ausbildungserfolg nicht zuträglich. „Denn die räumliche Nähe zum
Ausbildungsort ist aufgrund geringerer Mobilitätsoptionen oder spezifischer
Arbeitszeiten häufig entscheidend und kann den Verlauf sowie den
erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung beeinflussen“, so die Studie.
Berlin weist auf dem Ausbildungsmarkt im Vergleich zu allen anderen
Bundesländern gleich mehrere Besonderheiten auf, wie die Studie zeigt. Als
einziges Bundesland hat Berlin mehr Ausbildungswillige als
Ausbildungsplätze. Das liegt daran, dass die Zahl der angebotenen
Ausbildungsplätze seit 2019 stark abnahm, insbesondere in der
Pandemiephase. Dennoch bleiben in Berlin zahlreiche Ausbildungsplätze
unbesetzt, weil diese nicht mit den Wünschen junger Menschen
übereinstimmen. Das betrifft vor allem Einzelhandel und Handwerk.
Zugleich liegt in Berlin der Anteil der nicht deutschen Azubis mit 27
Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt. Tendenz stark steigend. Vor allem
die Zahl der geflüchteten Azubis ist hier deutlich höher. Damit im
Zusammenhang steht auch, dass Berlins Azubis im Durchschnitt viel älter
sind als in anderen Bundesländern, denn Geflüchtete beginnen auch mit 30
oder 40 Jahren oft noch eine Ausbildung. So lassen sich beispielsweise
gestandene Lehrerinnen aus Syrien und Iran als Erzieherinnen ausbilden,
weil ihr Studienabschluss hier nicht anerkannt wird.
## Hohe Abbruchquote
Eine weitere Berliner Besonderheit ist die hohe Abbruchquote von
beruflichen Ausbildungen, die mit gut einem Drittel deutlich über dem
Bundesdurchschnitt liegt und zumeist im ersten Jahr stattfindet.
Die StudienautorInnen haben Azubis zu ihrer Wohnsituation befragt. Rund die
Hälfte wohnt bei Eltern oder Verwandten. Etwa ein Drittel hat immerhin eine
eigene Wohnung, 12 Prozent wohnen in einer WG und 2 Prozent in einem
Wohnheim. „Besorgniserregend“, so heißt es in der Studie, seien jene 0,8
Prozent der Befragten, „deren Angaben auf verdeckte Wohnungslosigkeit
hinweisen“, beispielsweise: „Ich wohne mal hier, mal dort“ oder „auf der
Couch bei einer Freundin“.
Hilfe vom Senat kommt in homöopathischen Dosen. Ab Sommer 2026 will der
Senat 150 Wohnheimplätze für Azubis in einem Neubau in Lichtenberg
bereitstellen, sagt Sozialsenatorin Kizeltepe. Für ein Zimmer in einer WG
zahlt man dort 340 Euro inklusive Betriebskosten und Strom. Geld, das der
Azubi Haile von seiner Ausbildungsvergütung abzweigen könnte.
Finanziert wird das Angebot nach Senatsangaben aus dem Sondervermögen des
Bundes mit 13,5 Millionen Euro. Geplant sei, das Angebot schrittweise
auszubauen und durch Beratungsangebote zu ergänzen. Als Ziel nennt die
Senatorin, die Attraktivität des Ausbildungsstandorts Berlin zu erhöhen.
Mit Hochdruck, so Kizeltepes Sprecher Stefan Strauß, werde derzeit die
Gründung eines Azubiwerks vorbereitet. Berlin würde damit kein Neuland
betreten, denn solche Azubiwerke nach dem Vorbild der Studentenwerke gibt
es bereits in Hamburg, Bremen und München. Dort wird bezahlbarer Wohnraum
zur Verfügung gestellt, Azubis werden aber auch sozialpädagogisch beraten.
Sucht man im Internet, stößt man auf privat finanzierte Angebote für das
Wohnen von Azubis und auch von landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften.
Dabei handelt es sich oft um möblierte Miniapartments mit zusätzlichen
Angeboten für junge Leute wie beispielsweise WLAN, einem überdachten
Fahrradstellplatz, einem Club- oder Fitnesskeller. Oft richten sich diese
Angebote nicht ausschließlich an Azubis, und bei Preisen um die 600 Euro
können sich das auch nicht viele Azubis leisten.
Der wohnungspolitische Sprecher der Linken, Niklas Schenker, sieht das
kritisch. „Teure Mikroapartments sind reine Geldmaschinen für private
Investoren“, sagt er. „Sie treiben den Mietspiegel nach oben und ziehen
Studierenden und Auszubildenden das Geld aus der Tasche. Wir brauchen mehr
öffentlichen und bezahlbaren Wohnungsbau.“
Preiswerter und auf diese Zielgruppe bezogen geht es beim Kolping
Azubiwohnen mit drei Standorten in Berlin zu, wo auch eine
sozialpädagogische Betreuung angeboten wird. Dass Arbeitgeber ihren Azubis
Wohnraum bieten, ist aus der Mode gekommen. Polizei, Feuerwehr und die
Diakonie sind da eine rühmliche Ausnahme.
7 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://minor-wissenschaft.de/wp-content/uploads/2026/01/Minor_Machbarkeitsstudie-zum-Azubiwohnen-in-Berlin_2025.pdf
## AUTOREN
(DIR) Marina Mai
## TAGS
(DIR) Ausbildung
(DIR) Wohnen
(DIR) Wohnungsmarkt
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Duale Ausbildung
(DIR) Ausbildungsplätze
(DIR) Ausbildungsplätze
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Berliner Ausbildungsförderfondsgesetz: Umlage kommt, aber anders als gedacht
Die umstrittene Ausbildungsplatzumlage soll noch in dieser Legislatur
kommen. Im finalen Entwurf hat Schwarz-Rot das Verteilsystem komplett
verändert
(DIR) Ausbildungsplatzumlage: Umfrage zeigt breite Skepis
Statt von CDU und SPD geforderter 2.000 neuer Ausbildungsverträge liegen
weit weniger vor – trotz aller Anstrengungen, meint Unternehmensverband
UVB.
(DIR) Ausbildungsstart in Berlin: Ungewollte Zukunft
Berlin geht mit dem Fachkräftenachwuchs stiefmütterlich um.
Bildungspolitische Maßnahmen lösen die Krise bisher nicht.