# taz.de -- Ökonom über Wohnungsnot: „Oft bleibt eine Person auf 120 Quadratmetern“
> Die einen wohnen beengt, andere haben mehr Platz, als sie brauchen.
> Ökonom Max Steinhardt sieht großes Potential, Wohnfläche besser zu
> verteilen.
(IMG) Bild: Bei manchen ist die Küche so groß wie bei anderen der ganze Wohnraum
taz: Herr Steinhardt, Sie haben in einem Forschungsteam die [1][ungleiche
Verteilung von Wohnraum] untersucht. Was hat Sie interessiert?
Max Steinhardt: Im Diskurs über Wohnen wird oft über beengte
Wohnverhältnisse gesprochen. Dem wollten wir mit unserer Studie auf den
Grund gehen. In städtischen Gebieten leben circa 13 Prozent in überbelegten
Wohnungen. Aber auf der anderen Seite leben nach der gängigen Definition
von Eurostat 35 Prozent sehr großzügig. Sie haben viel mehr Wohnraum, als
sie eigentlich bräuchten. Das ist eine sehr große Ungleichverteilung von
Wohnraum – an die sich verteilungspolitische Fragen anschließen.
taz: Welche Folgen hat beengtes Wohnen auf den Menschen?
Steinhardt: Es gibt Studien, die belegen, dass insbesondere Kinder, die
beengt wohnen, in der Schule schlechter abschneiden. Und dass bei allen
Familienangehörigen der psychologische Stress deutlich höher ist und es
negative Gesundheitseffekte gibt. Während der Coronapandemie kam es in
beengten Verhältnissen zudem vermehrt zu häuslicher Gewalt.
taz: Und wer lebt auf zu wenig Raum?
Steinhardt: Nicht jede demografische Gruppe hat das gleiche Risiko, von
beengtem Wohnraum betroffen zu sein. Zugewanderte Menschen haben ein
signifikant höheres Risiko als Personen ohne Migrationserfahrung. Das
gleiche Muster sehen wir bei Haushalten mit und ohne Kindern. Auch der
Bildungsabschluss und das Einkommen spielen natürlich eine Rolle.
taz: Bedingen sich viele dieser Faktoren nicht oft?
Steinhardt: Ja, aber der Unterschied zwischen Menschen mit und ohne
Migrationserfahrung ist nicht allein dadurch zu erklären, dass Menschen mit
Zuwanderungsgeschichte im Durchschnitt ein geringeres Einkommen, ein
niedriges Bildungsniveau haben oder dass sie sich besonders in Städten
clustern.
taz: Sondern?
Steinhardt: Ein Faktor ist [2][Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt.]
Zudem läuft die Wohnungssuche oft über informelle Netzwerke. Nicht alle
Wohnungen werden über einen Makler oder ein Immobilienportal vermietet,
sondern über Kontakte des Hauseigentümers, Vermieters oder der Vormieter.
Menschen, die zugewandert sind, haben weniger Zugang zu diesen informellen
Netzwerken.
taz: Warum sind Familien mit Kindern stärker von Überbelegung betroffen?
Steinhardt: Angenommen ein Paar wohnt in einer Zweizimmerwohnung, dann
bekommen sie ein Kind. Spätestens mit einem zweiten Kind müssten sie sich
vergrößern. Sie finden in der Umgebung aber keine Wohnung zu einem für sie
akzeptablen Preis. Das heißt: Sie können entweder ihre Wohngegend verlassen
oder in der Wohnung bleiben. Gerade in urbanen Räumen beobachten wir, dass
viele in zu kleinen Wohnungen verbleiben – das kann neben rein monetären
Gründen auch mit dem Arbeitsplatz zusammenhängen. Insbesondere in
Ballungsräumen wie Hamburg, Berlin, München, Düsseldorf fehlt oft ein
hinreichendes Angebot für diese größeren Wohnungen – und wenn es dieses
Angebot gibt, sind die Preise sehr hoch.
taz: Gleichzeitig gibt es auch dort Menschen, die zu günstigen Preisen in
einer großen Wohnung leben. Wie ist es dazu gekommen?
Steinhardt: Eine starke Regulierung führt dazu, dass Menschen, die alte
Mietverträge haben, einen sehr hohen Anreiz haben, in diesen Wohnungen zu
verbleiben. Es ist ein Charakteristikum in unserem Mietmarkt, dass wir eine
sehr geringe Mobilität haben. In der Forschung wird das als Lock-in-Effekt
beschrieben.
taz: Konservative würden jetzt sagen: Deswegen müssen wir deregulieren.
Steinhardt: Ich möchte dies nicht politisch bewerten, sondern zunächst den
Status quo abbilden und beschreiben. Der Lock-in-Effekt ist de facto auch
ein Produkt der Regulierung. Das heißt aber nicht, dass die Lösung jetzt
ist, alles zu deregulieren. Es geht darum, zukünftige Eingriffe in den
Wohnungsmarkt so zu gestalten, dass man diesen Lock-in-Effekt entweder
auflöst oder mindert.
taz: Wer lebt denn großzügig?
Steinhardt: Viele derjenigen, die heute alleine in großen Wohnungen leben,
haben ursprünglich dort mit Familie und Kindern gelebt. Aber dann verlassen
die Kinder das Haus zum Studium oder zur Arbeitsaufnahme. Am Ende verbleibt
oft eine Person auf 120 Quadratmetern. Manche würden auch gern in eine
kleinere Wohnung umzuziehen, aber es lohnt sich für sie nicht, weil
kleinere Wohnungen, die sie neu anmieten müssten, oft teurer sind als die
bestehende.
taz: Oder sie finden nichts in der Nähe.
Steinhardt: Genau. Menschen verlassen ungern ihre gewohnte Umgebung, wo sie
ihre Netzwerke haben, ihre Geschäfte und Ärzte.
taz: Es gibt bereits [3][verschiedene Wohnungstauschbörsen], aber die
Erfolgsquoten sind nicht hoch.
Steinhardt: Das sind derzeit meist lokale Initiativen von kommunalen
Wohnungsbauträgern, aber kein groß gedachter Wurf. Wichtig wäre es, alle
bestehenden Daten wissenschaftlich auszuwerten. Warum funktioniert ein
Tausch nicht richtig? Dann könnte die Politik besser darauf reagieren. Man
könnte zum Beispiel in Gebieten, wo viele Menschen in großzügigen Wohnungen
leben, gezielt kleine Wohnungen zu einem adäquaten Preis neu bauen.
Vielleicht braucht es aber auch [4][neue gesetzliche Regelungen, die diesen
Wohnungstausch vereinfachen.] Momentan wird viel über den Bau neuer
Wohnungen gesprochen, aber es gibt innerhalb des Wohnungsbestandes ein
großes Potenzial, die Verteilung der Wohnfläche zu verbessern.
27 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jasmin Kalarickal
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