# taz.de -- SciFi-Oper „Orlando“ von Olga Neuwirth: Nur der Boxsack ist analog
       
       > „Orlando“ zwischen Glitch und Videografie: An der Komischen Oper Berlin
       > wird ein Werk von Olga Neuwirth mit hybridem technischem Klimbim
       > inszeniert.
       
 (IMG) Bild: Eisern Union mit Queen Elizabeth I. Szene aus „Orlando“ in der Komischen Oper Berlin
       
       Genitalien-behangene Tanzende verschmelzen rhythmisch pulsierend auf der
       Bühne des Schillertheaters. Auf hybridem Klangteppich aus Synthesizer und
       barockem Choral erwacht der Titelheld aus dem Todesschlaf. Ein beherzter
       Blick unter den Rock, ein Stimmbruch anderer Art: Mezzosopran hellt auf,
       Orlando ist Frau geworden. [1][Komponistin Olga Neuwirth] setzt in ihrer
       Orlando einen schrill schillernden, bewusst irritierenden Ton: fluide
       Identität. Tonalität changiert, Epochen kollidieren, Kategorien lösen sich
       auf.
       
       Am vergangenen Samstag feierte die für die Komische Oper Berlin von der
       Regisseurin Ewelina Marciniak inszenierte Produktion ihre deutsche
       Premiere. Sich selbst mit einer guten Prise Extravaganz als „queere Sci-Fi
       hybrid Grand opéra“ bezeichnend, ist das Groteske hier Programm.
       
       Psychedelischer Märchenschlaf, viktorianisches Cross-Dressing,
       liebesglühende Weltkriegs-Videografie – und all das in einem einzigen
       Bühnenwerk? Wer erstem Irritationsimpuls widersteht, wird in der
       Neuinszenierung von Orlando mit einer ästhetisch wie intellektuell
       komplexen [2][Hommage an Virginia Woolf] belohnt.
       
       ## Sinnesrausch mit WiFi
       
       Als Olga Neuwirths 2019 an der Wiener Staatsoper uraufgeführte Oper
       „Orlando“ für Berlin angekündigt wurde, langen die Erwartungen hoch. Vor
       ausverkauftem Haus zeigte die Komische Oper, die seit 2023 wegen Sanierung
       interimsweise im Schillertheater Berlin spielt, einen knapp dreistündigen
       Sinnesrausch.
       
       Und es wirkt, als sei das auf dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf
       basierende Stück eigens für diese Bühne geschaffen: Treppenartig wachsende,
       saftgrüne Wiese. Beweglicher „Room of One’s Own“, der das Spielareal
       durchmisst. Historische Video- sowie Backstage-Projektionen erzeugen
       Tiefenraum und führen durch die Zeitsprünge. So wird die äußerlich
       nüchterne Nachkriegsarchitektur im Inneren zur bild- und klangstarken
       Zeitmaschine – Raum der Verschmelzung von Woolfs und Orlandos Biografien.
       
       Als wäre Woolfs Orlando nicht ohnehin von multiplen gesellschaftlichen
       Umbrüchen und Kriegen vom 16. Jahrhundert bis in ihre eigene Gegenwart 1928
       durchzogen, führt Regisseurin Marciniak das Werk in der zweiten Hälfte
       konsequent weiter bis in die Gegenwart.
       
       ## Purcell küsst Pink Floyd
       
       So reisen Erzählerin (Alma Sadé) und Orlando (Ema Nikolovska) im ersten
       Teil der Oper durch vier Jahrhunderte – vom elisabethanischen Zeitalter bis
       ins England des 20. Jahrhunderts. Kompositorisch spiegelt sich ihre
       Zeitreise in einer experimentellen Mischung aus Elektronik, Orchester und
       Sprechtheater wider, durchzogen von barocken und Renaissancemotiven.
       Purcell küsst Pink Floyd.
       
       Kulmination findet dieser androgyne Stimmteppich im Moment von Orlandos
       Geschlechtswechsel. Dabei „zerfällt“ die Figur in mehrere gleichzeitig
       agierende Spielende, vervielfachen sie das innere Erleben wie ein Echo aus
       Gefühlen und Erinnerungen. Zugleich verdichten sich biografische Spuren
       Virginia Woolfs selbst: ihre Erfahrung geschlechtlicher Unterdrückung, ihre
       künstlerische Existenz als Schriftstellerin und ihre unkonventionelle Liebe
       zu Frauen – [3][im Zentrum die Beziehung zu Vita Sackville-West], die den
       biografischen Ursprung des Werks markiert.
       
       Bleibt die erotische Spannung durchgehend spürbar, bewegt sie sich stets am
       Rand des Umschlags in Gewalt und Missbrauch – besonders im
       Gegeneinanderausspielen von Geschlecht und Klasse. Orlando ist als Mann wie
       als Frau sexueller Gefährdung ausgesetzt. So wird etwa der ausladende
       Reifrock von Elizabeth I. zum beklemmenden Vergewaltigungskäfig. Dagegen
       setzen sich im ersten Teil Momente der Emanzipation.
       
       ## Mutanten im Anzug
       
       Weibliche Wut findet im trommelnden Schlagen auf einen Boxsack ein
       physisches Ventil – als Geste des Widerstands. Im zweiten Teil kippt das
       Geschehen endgültig in eine dystopische Zukunft: Zwei Mobs aus grau
       beanzugten Faschisten und Mutanten aus Orlandos vielen vergangenen Leben
       prallen aufeinander. Einzig das Kind Orlandos bleibt als fragile Hoffnung
       bestehen, getragen von der emotionalen Tiefe eines herausragenden
       Kinderchors der Komische Oper Berlin (Leitung: Dagmar Fiebach).
       
       Fluide Identität entfaltet sich in dieser Oper zeitlos entlang von Motiven
       wie Krieg, Gewalt, Hass und Desinformation ebenso wie Formen kreativen
       Widerstands. Nebenbei begibt sich die komplexe Neuinszenierung – im
       Rückbezug auf die vielfältigen Aneignungen des „Orlando-Mythos“ – selbst
       auf Zeitreise, etwa als Gegenentwurf zur Händelschen Barockoper von 1733
       und deren Vorlage, dem Orlando furioso (1516/1532).
       
       17 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Urauffuehrung-von-Jelinek-Oper-in-Hamburg/!6144134
 (DIR) [2] /Visuelle-Darstellung-von-Weiblichkeit/!6087799
 (DIR) [3] /Der-Sie-Mann-und-die-Er-Frau/!5620965&s=Sackville+West/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laura Brauer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Komische Oper Berlin
 (DIR) Orlando
 (DIR) Gender
 (DIR) Theater
 (DIR) Elfriede Jelinek
 (DIR) Australien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) „Sankt Falstaff“ am Burgtheater Wien: Der Räuber und der Prinz
       
       Wohin mit der Macht? Am Wiener Burgtheater demonstriert Ewald Palmetshofers
       „Sankt Falstaff“, warum das Private nicht unbedingt das Politische ist.
       
 (DIR) Uraufführung von Jelinek-Oper in Hamburg: Nichts klingt so schrill wie Donald Trump
       
       Im Opernlibretto zeichnet Elfriede Jelinek den US-Präsidenten als
       Wiedergänger von König Ubu. Olga Neuwirth hat schön-verstimmte Musik dazu
       komponiert.
       
 (DIR) Britischer Monarch in Australien: Republik Australien bleibt ein Zukunftstraum
       
       Charles III. kommt zum ersten Mal als König und damit als Staatsoberhaupt
       der Australier. Dass sich daran etwas ändern könnte, glaubt kaum jemand.