# taz.de -- ZDF-Doku über AIDS: Geschichte, die beschämt
       
       > „Aids – In Zeiten der Liebe“ porträtiert die Beziehung zweier Künstler.
       > Sie starben nicht nur an AIDS, sondern litten unter dem Stigma – in Ost
       > wie West.
       
 (IMG) Bild: Heiko (Evangelos Tsarkowistas, l.) und Dirk (Benjamin Viziotis, r.) gelten als unzertrennliches Paar
       
       Wahrscheinlich besteht das Leben aus sehr vielen Zufällen“, stellt Sabine
       Zolchow mit einem Lachen fest. Sie meint damit ihre Liebesgeschichte mit
       Heiko Zolchow, Bühnenbildner und Maler – und die seine mit dem Schauspieler
       [1][Dirk Nawrocki]. Sabine Zolchow lernt ihren späteren Mann jung kennen
       und lieben und akzeptiert in frühen Ehejahren und mit zwei gemeinsamen
       Kindern seine Liebe zu Nawrocki („Was hätte ich ihnen vorwerfen sollen?
       Dass sie schwul sind?“). Die „aspekte“-Dokuserie „AIDS – In Zeiten der
       Liebe“ rekonstruiert mit viel Fotomaterial und ausführlichen Gesprächen mit
       Freunden des Paares die Liebesgeschichte der zwei Künstler.
       
       Das Paar gehört zur künstlerischen Elite Ostberlins, [2][als sich Anfang
       der 1980er-Jahre eine rätselhafte Krankheit in Deutschland verbreitet:
       Aids]. Der Historiker Henning Tümmers erklärt in eingeschobenen Interviews
       den Unterschied im Umgang zwischen Ost und West: Sei in der Westpresse das
       Bild einer apokalyptischen Katastrophe mit einem hetzerischen Schulddiskurs
       gegen Homosexuelle gemalt worden, habe die DDR die Krankheit zunächst
       totgeschwiegen. In der BRD seien im Vorabendprogramm Debatten über
       Sexualmoral und Kernfamilie geführt und eine Phase der gesellschaftlichen
       Aufklärung eingeleitet worden, etwa durch massives Bewerben von Kondomen
       (nicht zuletzt durch Rita Süssmuth als unerschrockene, pragmatische
       Gesundheitsministerin), in der DDR sei Aids als Symptom
       westlich-kapitalistischer Dekadenz verstanden worden.
       
       Die DDR erlaubt dem offen homosexuell lebenden Paar die Ausreise in den
       Westen mit der Begründung von ‚asozialem Verhalten‘, das unvereinbar mit
       der sozialistischen Staatsidee sei. In Westdeutschland wird bei Zolchow
       Aids diagnostiziert und er verstirbt nach kurzem, schweren Leiden 1987,
       Nawrocki sieben Jahre später. Besonders eindrücklich wird durch die
       Interviews mit Zeitgenossen eines beschrieben: das Gefühl, totgesagt zu
       sein. „Ich habe keine Altersvorsorge betrieben. Es war klar, dass wir das
       nicht erleben“, berichtet etwa ein enger Freund des Paares, Autor und
       Regisseur Jean-Claude Kuner.
       
       Mit der sicheren Gewissheit des nahenden Todes leben, dann unerwartet durch
       Forschungsfortschritt Lebensjahre geschenkt bekommen und statt
       Erleichterung Überforderung empfinden – das zeigt die Serie meisterhaft.
       
       Das Nachstellen der Liebesszenen aber lässt die Serie leider nicht an
       Qualität gewinnen, zumal nicht zu Billie Eilish – zu authentisch und
       hinreißend das originale Fotomaterial, zu ausdrucksstark die echten
       Gesichter der beiden Männer.
       
       Ob es ein Segen gewesen sei, dass sie sich kennengelernt haben, habe ihr
       Ehemann sie bei ihrem letzten Telefonat auf seinem Sterbebett gefragt,
       erzählt Sabine Zolchow. Darauf habe sie bis heute keine Antwort. Ein Segen
       ist fraglos das heutige Sprechen der Weggenossen von Zolchow und Nawrocki:
       weder ehrfürchtig noch nostalgisch, sondern voller Liebe und Respekt für
       zwei Künstler, die nicht nur jung an schwerer Krankheit starben, sondern
       eine kaum zu ertragende Stigmatisierung erleben mussten. Das ZDF zeigt
       damit ein Stück deutscher Geschichte, das beschämt und an das gerade
       deshalb erinnert werden muss.
       
       22 May 2026
       
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