# taz.de -- Die Weitergabe von Weltkulturerbe: Das blaue Wunder
> Ein altes Handwerk, fast ausgestorben – und Unesco-Weltkulturerbe: In
> Scheeßel praktiziert ein kleiner Kreis Frauen den Blaudruck.
(IMG) Bild: Geht bei der Arbeit nicht spurlos an den Händen vorbei: der Blaudruck in Scheeßel
Die Treppe ist so schmal, dass man instinktiv die Schultern zusammenzieht.
Die Holzstufen knarzen. Matthias Loeber, 35, hochgewachsener Museumsleiter,
duckt sich unter den Balken durch. Oben angekommen, in der
Blaudruckwerkstatt in einem über 200 Jahre alten Fachwerkhäuschen auf dem
Meyerhof in Scheeßel, ist die Decke niedrig, das Licht gedämpft. An der
hinteren Wand stehen sie dicht an dicht: Hunderte Druckmodeln, manche 270
Jahre alt, jede ein kleines Kompendium handwerklichen Könnens. Insgesamt
beherbergt das Museum 1.200 antike Modeln.
Anne Rathjen nimmt eine heraus und fährt mit dem Finger zärtlich über die
Oberfläche. Ein filigranes Blumenmotiv: Ranken, die sich verzweigen,
Blütenkelche, die sich öffnen, alles aus winzigen Messingstiften und
hauchdünnen Metallstreifen, die jemand vor Jahrhunderten in Holz gedrückt
hat, ohne Kleber, ohne Schrauben, gehalten allein durch den Druck des
umschließenden Materials. „Das hält ewig“, weiß Rathjen. Seit 45 Jahren
kommt sie in diesen Speicher. Sie sei „Generation 2.0“, sagt die
66-Jährige, die im Berufsleben Managerin in der Autoindustrie war, etwas
geheimnisvoll.
Scheeßel, 7.200 Einwohner im Kernort, Landkreis Rotenburg, Niedersachsen.
Schon auf der Autobahn weist ein Schild auf die Blaudruckwerkstatt und
-ausstellung im Heimatmuseum hin.
In dessen altem Vorratsspeicher wird ein Textilhandwerk gepflegt, das im
17. Jahrhundert über die Seidenstraße aus Indien nach Europa kam und das
heute in Deutschland nur noch an zwölf Orten praktiziert wird. Vor acht
Jahren wurde der Blaudruck in die [1][UNESCO-Liste des immateriellen
Weltkulturerbes] aufgenommen.
## Das Erbe in der Hand von neun Frauen
Zuständig für diesen Schatz sind in Scheeßel neun Frauen. Sie arbeiten alle
ehrenamtlich, getragen vom Heimatverein Niedersachsen. Für Scheeßel, das
vor allem wegen des [2][Hurricane-Musikfestivals] bekannt ist, zu dem im
Sommer Zehntausende pilgern, ist der Blaudruck ein weiteres touristisches
Aushängeschild.
Renate Albrecht, 62, Beamtin, rührt stoisch in einem Keramikpott. Das
Prinzip des Blaudrucks ist das der Abdeckung: Was geschützt wird, bleibt
weiß. Was ungeschützt ins Indigobad taucht, wird gefärbt. Die Schutzmasse
heißt Papp – eine zähe Paste, die später mit den Modeln auf den Stoff
gedruckt wird. Im Fachjargon: Reservedruck. Die Rezeptur ist alt – Tonerde,
Gummi arabicum, Blaustein, Alaun, Grünspan und eine weitere, spezielle
Zutat. Die aber verraten die Blaudruckerinnen nicht. Dieses Geheimnis ist
ausschließlich ihnen vorbehalten. Die Zutat stehe in einem Rezeptbuch, das
Heinrich Müller hinterlassen hat, der letzte professionelle Blaudrucker des
Ortes, gestorben 1950. Erst 1975 reaktivierte sein Geselle Alfons Friese
sein Know-how. Die Weitergabe des Wissens ist zur Philosophie geworden.
Ergo sind Anne Rathjen und Renate Albrecht Generation 2.0.
Sandra Meinken, mit 49 die „Novizin“ in der Runde, ist seit knapp einem
Jahr dabei: „Generation 3.0“, wie sie sagt. Zwei Jahre Ausbildung habe sie
noch vor sich. Meinken trägt Papp auf eine Model auf. „Zu viel, und das
Muster läuft aus“, sagt Albrecht. „Zu wenig, und es wird unscharf.“ Meinken
wischt mit dem Zeigefinger einen winzigen Überschuss ab. Dann der Druck:
Die Model wird auf den Stoff gesetzt, kurz, fest. An der Seite sitzt ein
kleiner Metallstift – der Ansatzpunkt, mit dem die nächste Model exakt
positioniert wird. Und die nächste. Und die nächste. „Die Model mag mich
noch nicht immer“, scherzt Meinken, ohne aufzuhören, konzentriert den
Stempel aufs Tuch zu pressen.
Die schmale Stiege hinunter führt in eine andere Zeitzone. Zwei runde
Bottiche sind in den Boden eingelassen, je etwa 120 Zentimeter Durchmesser,
rund 180 Zentimeter tief. Die Indigolösung in ihnen wurde seit fünfzig
Jahren nicht gewechselt, sondern stetig aufgefüllt mit importiertem Indigo,
Kalk, Eisensulfat und Wasser. Rathjen sagt es beiläufig, als wäre das keine
besondere Information. Darüber hängen große Eisenringe, an denen die
bedruckten Stoffbahnen befestigt werden.
Renate Albrecht lässt mit der Handkurbel den Stoff langsam hinab, das
schwarze Indigowasser verschluckt ihn allmählich. Zwanzig Minuten, die
Eieruhr ist gestellt – bevor die drei Frauen wieder hinaufsteigen, zurück
zu den Modeln, zurück zum Papp.
Was später hochgekurbelt wird, ist zunächst grünlich-grau. An der Luft
beginnt die Oxidation, und allmählich verfärbt es sich bläulich. Die
Prozedur wird zehnmal wiederholt, bis Leinen, Baumwolle oder Seide das
einzigartige Indigoblau angenommen haben. Wer das zum ersten Mal erlebt,
ist verblüfft. Wochenlang trocknen die Textilien, bevor der verfestigte
Papp in schnöder Handarbeit abgeschrubbt werden muss.
## Pure Nostalgie?
Warum das alles? Heimatverein, UNESCO-Zertifikat, ein paar Frauen, die
samstags auf einen Speicher steigen – ist es pure Nostalgie?
Von Sentimentalität aber will der Museumsleiter und promovierte Historiker
Matthias Loeber nichts wissen. Blaudruck sei kein bloßes Dekor. Es sei eine
Wissensform – eine Art zu verstehen, wie Farbe, Stoff, Chemie, Physik und
Handarbeit zusammenwirken, die sich nicht in ein Geschichtsbuch übertragen
lasse. Das Wissen lebe in den Händen, in den Fehlern, in dem Moment, in dem
Sandra Meinken etwa spürt, dass der Papp heute zu dick ist, weil die Luft
im Speicher trockener ist als vergangene Woche. Solche Erkenntnis entsteht
nicht durch Lesen. Sie entsteht durch praktisches Wiederholen, über Jahre.
„Die Leute stellen sich vor, man schaut mal über die Schulter und lernt,
wie man druckt“, sagt Loeber. Er vergleiche es gern mit dem Geigespielen:
Die ersten zwei Jahre führten noch nicht zum Erfolg. Die Druckerinnen sind
quasi menschliche Zeitkapseln: Sie transportieren nicht Texte oder Objekte,
sondern Körperwissen – Griffe, Sensorik, Urteil – das sich nur von Mensch
zu Mensch übertragen lässt.
Das eigentliche Argument für den Blaudruck sei kein konservatives. Eher das
Gegenteil. In einer Welt, in der die Textilproduktion vollständig ins
Unsichtbare verschwunden ist – in Fabriken, auf anderen Kontinenten, in
Algorithmen, die Kollektionen generieren – sei hier ein Ort, an dem der
Zusammenhang zwischen Rohstoff und Ergebnis noch körperlich erfahrbar ist.
Indigobrocken, in Indien fermentiert, gepresst, getrocknet, werden hier zu
Pulver zermahlen, händisch. Der Papp, der zwar nach einem Rezept aus dem
19. Jahrhundert gemischt, aber mit dem immer weiter experimentiert wird.
Alles keine bloße Vergangenheitspflege, so Loeber: „Es ist Weitergabe von
altem, neu erfahrbarem Wissen.“
Das UNESCO-Label des Weltkulturerbes ist dabei auch anderweitig hilfreich:
Wenn Matthias Loeber heute Förderanträge stellt, reiche oft ein Hinweis
darauf an die Stiftungsgremien, sagt er. Die 2020 eröffnete und von Anne
Rathjen konzipierte Dauerausstellung wäre ohne das UNESCO-Siegel schwerer
zu finanzieren gewesen.
Im Textilgeschäft selbst aber spielt dieses durch die UNESCO geadelte
Blaudruckwissen kaum eine Rolle. Die Blaudruckerinnen von Scheeßel
produzieren gar nicht für den Markt. Das entzieht das traditionelle
Textilfärbeverfahren der üblichen Geschäftslogik – und sichert damit
zugleich seine Glaubwürdigkeit als etwas, das man nicht kaufen, sondern nur
weitergeben kann. Die Ehrenamtlerinnen drucken nicht für den Verkauf,
sondern für Gastgeschenke der Gemeinde, Schürzen für die ansässigen
Trachtengruppen, kleine Auflagen für den jährlichen Kunsthandwerkermarkt,
abgegeben gegen eine „vordefinierte Spende“.
Dazu gibt es noch eine Kooperation mit einer Goldschmiedin im Ort und einer
Textilkünstlerin, für die der Blaudruck Bänder und Details fertigt. Keine
Massenware. Aber genug, um das Handwerk auch für Jüngere sichtbar zu
machen. Und jenes besondere Blau, das erst grau und blassgrün ist, bevor es
zu sich selbst, zu seiner Tiefe, findet.
1 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.unesco.de/staette/blaudruck/
(DIR) [2] /Stadion-fuer-Motorradrennen-auf-dem-Land/!6017598
## AUTOREN
(DIR) Daniela Barth
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) wochentaz
(DIR) Textilkunst
(DIR) Handwerk
(DIR) Unesco-Kulturerbe
(DIR) Tradition
(DIR) Museum
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Oman
(DIR) Unesco-Welterbe
(DIR) Reiseland Italien
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Weihrauch-Ernte im Oman bedroht: Sie sammeln das weiße Gold
Schon seit Jahrtausenden wird im Oman Weihrauch geerntet. Aber im modernen
Golfstaat droht diese Tradition auszusterben.
(DIR) Herrnhuter Brüdergemeine: Mission „Welterbe“ erfüllt
Die Unesco hat entschieden: Herrnhut wird Teil einer Weltkulturerbestätte.
Die Organisation würdigt damit eine Freikirche, die eine solidarische Idee
des Christentums vertritt. Ein Ortsbesuch.
(DIR) Trulli-Baudenkmäler im Süden Italiens: Guarnieris bröckelndes Erbe
In Italiens Provinz Apulien schmücken Trulli die Landschaft. Die Rundhäuser
sind Kulturerbe. Angelo Nicola Guarnieri ist einer ihrer letzten
Baumeister.