# taz.de -- Shrinkflation: Dann eben nicht
> Dass Verpackungsinhalte schrumpfen, um Gewinnmargen von Unternehmen
> stabil zu halten, ist ärgerlich und nervig. Und betriebswirtschaftlich zu
> kurz gedacht.
(IMG) Bild: Wenn das geschrumpfte Lieblingseis auch noch schmilzt, wird es Zeit für was Neues
Über mein Lieblingseis am Stil habe ich mich kürzlich sehr geärgert. Ach
was, eigentlich ärgere ich mich immer noch. Ich glaube sogar, mein
Lieblingseis ist nicht mehr länger mein Lieblingseis. Denn es ist der
Shrinkflation zum Opfer gefallen.
[1][Shrinkflation] bezeichnet eine verdeckte Preiserhöhung, bei der die
Unternehmen den Verpackungsinhalt – zum Beispiel von Eis – reduzieren, der
Preis aber gleich bleibt oder gar steigt. Anhand der Verpackungsgröße lässt
sich der geschrumpfte Inhalt zudem meist nicht erkennen. Zusätzlich setzen
die Verpackungsmarketingmenschen auf Ablenkung und werben mit neuen
Rezepturen oder Designs.
Seit der Teuerung infolge der Coronapandemie und des Ukrainekriegs nutzen
viele Lebensmittelkonzerne diese Art der Geldmacherei. Wie zum Beispiel
auch Mondelez mit seinen Schokoladentafeln Milka, [2][was das Landgericht
Bremen an diesem Mittwoch nach einer Klage der Verbraucherzentrale Hamburg
als unlauteren Wettbewerb eingestuft hat].
Auch auf meinem Lieblingseis, dem Rocher-Eis von Ferrero, prangt neuerdings
der verdächtige Hinweis auf eine neue Rezeptur. Die alte wäre mir lieber
gewesen: Besser schmeckt das Eis nicht, eher im Gegenteil. Ich vermute
daher, hinter der neuen Rezeptur steckt kein Feinschmecker, der
Konsument:innen ein noch grandioseres Geschmackserlebnis bescheren
wollte, sondern schlicht das betriebswirtschaftliche Prozedere,
Herstellkosten zu senken.
Dass mein Lieblingseis geschmacklich eingebüßt hat, ist allerdings nicht
das einzige und vor allem nicht das größte Ärgernis. Sondern, dass eine
Packung nur noch drei statt vier Portionen enthält. Ich kaufte also
kürzlich, seit dem vergangenen Sommer zum ersten Mal, wieder eine
Eispackung.
Mein Freund und ich saßen zusammen im Sonnenschein und verspeisten je ein
Eis am Stiel, während wir über die Shrinkflation schimpften. Und nun liegt
ein einzelnes Eis einsam in meiner Tiefkühltruhe. Keiner von uns beiden
kann es essen, weil ihm dann der andere ohne Eis dabei zusehen müsste.
Ich muss also noch einmal eine neue Eispackung kaufen, um diese Misere zu
lösen. Ich stelle mir vor, wie die Marketingmenschen meines Lieblingseises
bei dieser Aussage „Yes“ jubeln, einschlagen und sich gratulierend auf die
Schultern klopfen, weil sie es geschafft haben, mit einem Verpackungstrick
den Absatz zu steigern. Dabei haben sie einen typischen BWLer-Fehler
begangen: Sie haben nicht langfristig gedacht, sondern nur in den nächsten
Quartalszahlen.
## Ein wichtiges Abgrenzungsgefühl
Es hat Sommer gegeben, in denen habe ich eine Packung nach der anderen
gekauft – weil dieses Eis einfach zu köstlich war. Dass ich nun aber immer
gleich zwei Eispackungen kaufen muss, um den Inhalt durch zwei teilen zu
können, ärgert mich. Viel mehr, als wenn das Eis einfach so teurer geworden
wäre.
Der Platz in meinem Tiefkühlfach ist nämlich hart umkämpft, ich kann nicht
zu viel auf Vorrat kaufen. Und es ärgert mich auch, dass ein Unternehmen
meint, mich austricksen zu können. Es hält mich wohl für dumm, was für eine
Frechheit!
Psycholog:innen wissen: Wut und Ärger sind wichtige Abgrenzungsgefühle.
Sie bringen uns zum Loslassen und dazu, uns Besserem zuzuwenden. Ich werde
zukünftig also lieber zu Eispackungen greifen, deren Inhalt durch zwei
teilbar ist. Oder es als Wink des Universums betrachten: Wir sollen ja
sowieso alle weniger Zucker essen.
13 May 2026
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## AUTOREN
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