# taz.de -- Forscher über Hass gegen Sinti und Roma: „Ein antiziganistischer Dominoeffekt“
       
       > Sinti und Roma erfahren auf dem Wohnungsmarkt brutale Diskriminierung,
       > sagt Thomas Erbel vom Verein Amaro Drom. Auch von Nachbarn.
       
 (IMG) Bild: In sogenannte Schrottimmobilien leben häufig zugewanderte Roma unter schrecklichen Bedingungen
       
       taz: Herr Erbel, wie unterscheidet sich die Erfahrung von Sinti und Roma
       auf dem Wohnungsmarkt von der anderer Gruppen, [1][die von Rassismus
       betroffen sind]? 
       
       Thomas Erbel: Sinti und Roma sind noch weniger sichtbar als andere Gruppen
       und werden teils auch gar nicht von den Studien erfasst, die es zu
       Rassismus auf dem Wohnungsmarkt gibt. Wir wissen aber, dass
       [2][antiziganistische Stereotype virulent sind]. Es wird von Vermietern
       häufig unterstellt, dass Sinti und Roma nomadisch leben, dass sie schmutzig
       sind oder ihre Mieten nicht bezahlen. Einwandfreie Lohnnachweise werden
       infrage gestellt.
       
       taz: Welche Folgen hat das? 
       
       Erbel: Viele. Meist ohnehin schon benachteiligte Sinti und Roma werden in
       informelle und illegale Mietverhältnisse gedrängt. Ihnen werden überhöhte
       Mieten abgenommen oder Vermittlungsgebühren. Weil sie keine anderen
       Optionen haben, bekommen sie oft nur Wohnungen in schlechtem Zustand. Teils
       werden grundlegende Renovierungen auf die Bewohner abgewälzt.
       
       taz: Wie kann es sein, dass so offene Ausbeutung immer noch ein Problem
       ist?
       
       Erbel: Nehmen Sie die Leipziger Autoritarismusstudie. Da gibt regelmäßig
       etwa die Hälfte der Befragten an, dass sie Probleme damit hätte, wenn sich
       Sinti und Roma in ihrer Nähe aufhalten. Und diese Haltung sieht man eben
       auch auf dem Wohnungsmarkt. Dazu kommt als Grundproblem, dass es einfach
       viel zu wenige bezahlbare Wohnungen gibt. Das verschafft den Vermietern
       viel Macht.
       
       taz: Sinti stammen meist aus Deutschland, während es sich bei Roma oft um
       Einwanderer aus Osteuropa handelt. Unterscheiden sich ihre Erfahrungen auf
       dem Wohnungsmarkt? 
       
       Erbel: Migrantische Roma sind aufgrund ihrer Verwundbarkeit von
       Diskriminierung und Ausbeutungsverhältnissen stärker und extremer
       betroffen. Besonders deutlich ist das im Fall derer, die aus der Ukraine
       fliehen mussten. Sie sind doppelt von Diskriminierung betroffen: einmal als
       Geflüchtete und dann noch als Roma. Das geht oft auch von ihren
       Mitgeflüchteten aus. Und das Personal in den Geflüchtetenunterkünften, aber
       auch in den Behörden der Kommunen und Landkreise, die für die Zuweisung von
       Wohnraum zuständig sind, übernimmt oft die Ressentiments.
       
       taz: Ist Antiziganismus auch bei den öffentlichen Wohnungsgesellschaften so
       ein großes Problem? 
       
       Erbel: Etwas weniger als bei privaten Vermietern, aber auch da sehen wir
       häufig Diskriminierungsfälle. Das hat auch damit zu tun, dass es im
       Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz AGG eine Ausnahmeregelung gibt, auf die
       sich auch öffentliche Gesellschaften berufen können.
       
       taz: Ausnahmen im Diskriminierungsschutz?
       
       Erbel: Das AGG erlaubt, Menschen unterschiedlich zu behandeln, wenn es um
       die Schaffung von sozial stabilen Bewohnerstrukturen geht. Teils wird das
       angewandt, um soziale Durchmischung zu schaffen, das wird aber auch
       umgekehrt ausgelegt, sodass Sinti und Roma nur Wohnungen in bestimmten
       Straßen angeboten werden. Es gab einige besonders drastische Fälle, in
       denen Roma von Wohnungsbaugesellschaften explizit als Roma registriert
       wurden. Bei einer Gesellschaft gab es interne Vermerke, Menschen aus der
       Minderheit gar keine Wohnungen anzubieten.
       
       taz: Die Bundesregierung hat zuletzt eine Mini-Reform des
       Gleichbehandlungsgesetzes beschlossen. Wird das helfen? 
       
       Erbel: Im Bereich Wohnen erhoffe ich mir dadurch keine große Verbesserung.
       Den entscheidenden Punkt der Ausnahmeregelung für städtische
       Wohnbaugesellschaften lässt die Bundesregierung unangetastet. Dabei wird
       das seit Jahren von der UN und der EU beanstandet. Das Gleiche gilt für ein
       Verbandsklagerecht, das bisher nicht vorgesehen ist, es aber viel leichter
       machen würde, gegen Diskriminierung vorzugehen. Änderungen hier würden
       nicht nur Sinti und Roma helfen, sondern allen Minderheiten.
       
       taz: Ist das AGG also bisher wirkungslos?
       
       Erbel: Nein. Wir haben auch Fälle, wie vor einigen Monaten in Hessen, wo
       ein Makler auf Grundlage des AGG zu Schadensersatz verurteilt wurde, weil
       er eine Pakistanerin diskriminiert hatte. Aber es braucht mehr
       Möglichkeiten für die Betroffenen, ihre Rechte einzuklagen. Neben dem
       Verbandsklagerecht wäre vor allem ein Ausbau der Beratungsstrukturen
       sinnvoll, etwa zur Beantragung von Prozesskostenhilfe. Bislang schrecken
       viele Betroffene vor Klagen zurück.
       
       taz: Verbessert sich die Situation für Betroffene, wenn sie es doch einmal
       geschafft haben, eine Wohnung zu finden?
       
       Erbel: Es gibt oft Probleme mit den Nachbarn. Es werden zum Beispiel
       unbegründete Gerüchte verbreitet. Da werden schnell Polizei, Jobcenter oder
       gleich die Jugendämter eingeschaltet. Oder es werden antiziganistische
       Fremdbezeichnungen ins Treppenhaus geschmiert. Es gibt auch Fälle extremer
       Gewalt. Und das ist dann oft der Anlass für die Kündigung durch den
       Vermieter.
       
       taz: Vermieter lassen sich so unter Druck setzen?
       
       Erbel: Es gibt oft eine Art Dominoeffekt: Ein Nachbar beschwert sich und
       verbreitet die antiziganistische Stimmung im ganzen Wohnumfeld. Dann gibt
       es teils Petitionen mit dem Aufruf an den Vermieter, die Betroffenen zu
       kündigen. Übliche Vorwürfe sind Diebstahl oder Lärm und Müllprobleme. Dabei
       ist das meist in der Verantwortung der Vermieter, die einfach zu kleine
       Mülltonnen bereitstellen.
       
       taz: Wenn über Sinti, Roma und den Wohnungsmarkt berichtet wird, geht es
       oft um sogenannte Schrottimmobilien, in denen vorwiegend zugewanderte Roma
       unter schrecklichen Bedingungen leben. 
       
       Erbel: Das ist tatsächlich der passende Begriff. Immer wieder liest man
       noch von „Problemimmobilien“, was suggeriert, die Bewohner seien das
       Problem. Dabei ist es die Bausubstanz, die eben oft genau das ist: Schrott.
       Dafür nehmen die Vermieter dann überhöhte Mieten, was die Betroffenen
       akzeptieren, einfach weil sie keine Chance auf andere Wohnungen haben. Das
       ist oft verbunden mit Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt, etwa indem ein
       Arbeitsvertrag an den Mietvertrag gekoppelt wird. Im Diskurs werden aber
       die Bewohner oft als die Kriminellen dargestellt.
       
       taz: Die Bundesregierung plant eine Reform des Baugesetzbuchs, nach der
       Besitzer der Schrottimmobilien schneller enteignet werden sollen. Könnte
       das helfen? 
       
       Erbel: Das ist eine gute Idee. Auch wenn Enteignungen vor allem im Hinblick
       auf die Bewohner natürlich immer gut abgewogen werden müssen und ich davon
       ausgehe, dass auch nach einer Reform Enteignungen enge Grenzen gesetzt sein
       dürften. Solange sich der Vermieter irgendwie ausfindig machen lässt,
       sollte man zunächst auf Modernisierung und Instandhaltung pochen. Auch das
       Vorkaufsrecht der Kommunen ist eine Option, wie es etwa in Dortmund stark
       genutzt wird.
       
       taz: In anderen Städten setzen die Behörden auf Zwangsräumungen, [3][etwa
       in Duisburg.]
       
       Erbel: Dort sehen wir die Verdrängungspolitik, wie sie in Deutschland
       gegenüber Sinti und Roma eine traurige Tradition hat. Das Vorgehen trifft
       die Bewohner statt die Vermieter, die ja eigentlich verantwortlich sind.
       Menschen landen von einem Tag auf den anderen sprichwörtlich auf der
       Straße. Das verstößt gegen die Menschenrechtskonvention. Die Vermieter
       werden in der Regel vorab nicht informiert, dabei wären die ja
       verpflichtet, Ersatzwohnungen zu stellen. Und wenn die Vermieter nicht
       ermittelbar sind, müsste eigentlich die Kommune einspringen. Das geschieht
       in Duisburg aber nicht.
       
       taz: Was könnte die Bundesregierung tun, um antiziganistische
       Diskriminierung auf dem Mietmarkt zu bekämpfen? 
       
       Erbel: Prinzipiell helfen würde es, den sozialen Wohnungsbau stärker zu
       fördern. Gleichzeitig braucht es Maßnahmen dafür, dass bestehende
       Sozialwohnungen in der Sozialbindung bleiben. Und Projekte gegen
       Antiziganismus müssen ausgebaut werden.
       
       taz: Haben Sie das Gefühl, das Thema ist der Bundesregierung wichtig?
       
       Erbel: Es ist nicht so, als würde die Bundesregierung nichts tun. Aber es
       gibt große Unsicherheit wegen der Reform des Förderprogramms Demokratie
       leben! durch das Bildungs- und Familienministerium. Viele Projekte sollen
       künftig von den Institutionen wie etwa den Schulen selbst durchgeführt
       werden, anstatt von NGOs. Das betrifft auch viele Projekte gegen
       Antiziganismus.
       
       taz: Ist es nicht sinnvoll, mit den Projekten mehr auf die
       gesellschaftliche Mitte zu zielen, wie es Ministerin Karin Prien vorhat? 
       
       Erbel: Das grundlegende Anliegen teilen wir. Aber die Expertise liegt doch
       bei den Organisationen, die sich seit Jahrzehnten mit ihren jeweiligen
       Fachgebieten beschäftigen und die Netzwerke dazu aufgebaut haben. Außerdem
       macht es für Schüler einen großen Unterschied, ob jemand von einer externen
       Organisation einen Workshop gibt oder ein Lehrer. Organisationen wie Amaro
       Drom, die durch das Demokratie leben!-Programm gefördert werden, arbeiten
       im Übrigen schon seit Jahren in der Fläche, mit Schulen, Universitäten,
       Kirchen, Kulturzentren, Jugendklubs. Das darf nicht gefährdet werden.
       
       12 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gutachten-zur-Migration-und-Wohnen/!6178200
 (DIR) [2] /Antiziganismus-auf-dem-Wohnungsmarkt/!6171185
 (DIR) [3] /Zwangsraeumungen-wegen-Brandschutzmaengeln/!5871507
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frederik Eikmanns
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Antiziganismus
 (DIR) Wohnungsmarkt
 (DIR) Sinti und Roma
 (DIR) Wohnen
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Sinti und Roma
 (DIR) Antiziganismus
 (DIR) Antiziganismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Bericht zu Antiziganismus in Berlin: Die ewig Ignorierten
       
       Die Zahl der antiziganistischen Vorfälle ist erneut gestiegen und auf einem
       Höchststand. Amaro Foro kritisiert die Gleichgültigkeit der Politik.
       
 (DIR) Antiziganismus auf dem Wohnungsmarkt: In „Schrottimmobilien“ gedrängt
       
       Sinti*zze und Rom*nja werden auf dem Wohnungsmarkt oft diskriminiert und
       ausgebeutet. Nicht nur die Vermieter, auch die Nachbarn machen teilweise
       mit.
       
 (DIR) Antiziganismus in Berlin: Razzia im Schafspelz
       
       Jobcenter, Polizei und Presse rücken bei einem von Rom*nja bewohnten Hotel
       an. Kritiker*innen sprechen von Antiziganismus und medialer Hetze.