# taz.de -- Bericht zu Antiziganismus in Berlin: Die ewig Ignorierten
> Die Zahl der antiziganistischen Vorfälle ist erneut gestiegen und auf
> einem Höchststand. Amaro Foro kritisiert die Gleichgültigkeit der
> Politik.
(IMG) Bild: Demonstration am Internationalen Roma-Gedenktag in Berlin 2021
Dass es so nicht weitergehen kann, zeigen nicht nur die Zahlen, es steckt
auch im Namen der Dokumentationsstelle gegen Antiziganismus: „Dosta“,
Romanes für „Es reicht“.
293 antiziganistische Vorfälle gegen Menschen mit Roma-Hintergrund in
Berlin hat die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus Dosta/Mia im
Jahr 2025 erfasst, das sind 20 Prozent [1][mehr als im Jahr davor] und
zudem die höchste je dokumentierte Zahl. Träger des Projekts ist der Verein
Amaro Foro, der die Zahlen am Dienstag vorstellte.
Violeta Balog erklärt, dass die Zahl der Vorfälle längst nicht alle
Vorfälle umfasst: „Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer viel höher
ist. Meldestellen wie Dosta und Mia sind noch nicht überall bekannt und
auch die Hemmschwelle, Diskriminierung zu melden, ist generell sehr hoch“,
erklärt die Projektleiterin der Dokumentationsstelle und stellvertretende
Vorsitzende von Amaro Foro.
Dass die Hemmschwelle so hoch ist, liege auch an einem Misstrauen in
Behörden und Institutionen, das wiederum in Teilen durch schlechte
Erfahrungen begründet sei. Und die Zahlen geben ihr recht: Die meisten
Vorfälle ereigneten sich demnach in den Bereichen „Alltag und öffentlicher
Raum“ (66), Bildung (60) und im Bereich „Kontakt zu Behörden“(42).
## Beleidigung im öffentlichen Raum
Balog liest ein Beispiel aus dem öffentlichen Raum vor, das Dosta/Mia
gemeldet wurde: „Eine Familie sitzt in einer S-Bahn. Zwei Männer neben ihr
unterhalten sich offensichtlich über die Familie, schauen sie abschätzig an
und bezeichnen sie als Kindergeldbezieher. Einer der beiden sagt dann zu
dem anderen: Schade, dass es Hitler nicht mehr gibt.“
Solche rassistischen und antiziganistischen Äußerungen seien im Alltag und
im öffentlichen Raum keine Seltenheit, ebenso wenig Bedrohungen und
physische Gewalt, so Balog. „Dieser Zustand zeigt nicht nur, dass
jahrhundertealte Stereotype tief in der Mehrheitsgesellschaft verankert
sind, sondern dass diese sich auch nicht davor scheut, ihre rassistischen
und antiziganistischen Äußerungen und Einstellungen offen zu zeigen.“
Sie liest noch ein Beispiel vor: Bei einem Schulprojekt einer
Willkommensklasse habe eine Lehrerin ganz selbstverständlich das Z-Wort
benutzt, die rassistische Fremdbezeichnung für Rom*nja und Sint*izze. Dies
zeige, dass [2][Weiterbildungen für Lehrkräfte dringend notwendig wären],
sagt Georgi Ivanov, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender von Amaro
Faro. Aber: „Solange das Thema keine politische Rückendeckung und
Unterstützung bekommt, ist es schwierig. Gerade beim Thema Bildung haben
wir eine Senatsverwaltung, die sich kaum interessiert, das nehme ich seit
Jahren wahr.“
Dabei ist Antiziganismus ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht
zuletzt durch die Politik verstärkt wird. Balog erklärt, dass im Bereich
der Politik mit neun Fällen zwar die wenigsten Fälle dokumentiert seien.
Dafür hätten sie aber besonders viel Gewicht. Sie nennt Friedrich Merz
rassistische Äußerungen zum Stadtbild als Beispiel. „Diese Aussage haben
wir nicht erfasst, weil sie nicht explizit antiziganistisch ist. Trotzdem
befeuert sie Rassismus und damit auch Antiziganismus in der Gesellschaft“,
ordnet sie die Ergebnisse ein. „Was politische Debatten angeht, haben wir
das Gefühl, um zehn Jahre zurückgeworfen zu sein“, klagt sie.
Dass antiziganistische Ressentiments oft völlig ungehemmt ausgelebt würden,
betont auch Balogs Kollegin Geena Birkenmeier: „Auch in der
journalistischen Berichterstattung wird häufig kulturalisiert und
kriminalisiert, anstatt den Blick für komplexe soziale Probleme zu
schärfen“, kritisiert sie. Damit werde man der historischen Verantwortung
in Deutschland nicht gerecht. Rund eine halbe Million Menschen wurde
während der NS-Zeit ermordet, trotzdem bleibe die Aufklärung in
Schulbüchern darüber rar. „Das ist eine Randnotiz in Schulbüchern“, sagt
Valerie Laukat vom Dosta-Projekt: „Es gibt eine selektive
Erinnerungskultur.“
28 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Marisa Haug
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