# taz.de -- Neues Buch von Eyal Weizman: Im Gaza-Tunnel
> Eyal Weizman erzählt in seinem neuen Buch „Ungrounding“ die Geschichte
> der Tunnelanlagen in Gaza. Er stützt damit unfreiwillig Israels
> Argumentation.
(IMG) Bild: Eingang eines Tunnels beim Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza. Palästinensische Widerstandskämpfer hatten vom Vietcong gelernt
Die vom britisch-israelischen Architekten Eyal Weizman [1][im Jahre 2010
gegründete Forschungsagentur Forensic Architecture] hat es zum Liebling
einer dem Rätselcharakter der Kunst überdrüssigen Art World gebracht, gilt
einer globalen Linken als wissenschaftliches Gewissen. [2][Doch es mehren
sich kritische Stimmen auch von linker Seite.] Das hat zum einen mit dem
von Forensic Architecture in Anschlag gebrachten Wahrheitsanspruch und zum
anderen mit der antiisraelischen Haltung des Recherchekollektivs zu tun.
Mit dem Buch „Ungrounding. The Architecture of Genocide“ liegt die israel-
und palästinabezogene Arbeit Weizmans seit dem 7. Oktober 2023 nun erstmals
gesammelt vor. Sie ist auch deswegen von breiterem Interesse, weil Forensic
Architecture Südafrikas Völkermordklage gegen Israel vor dem
Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag durch Recherchen unterstützt.
In „Ungrounding“ wird die Weizman’sche Kombination aus
Objektivitätsanspruch und Parteilichkeit fortgesetzt. Konkret bedeutet dies
ein Engagement für „Befreiung, Rückkehr und Gleichheit für alle in
Palästina“. Wer sich fragt, wo da das Existenzrecht Israels bleibt, hat das
Skandalon des Buches erfasst. Es gibt es nicht; jedenfalls nicht in den
Grenzen der Waffenstillstandslinie von 1949, also der „Grünen Linie“. Immer
wieder werden in „Ungrounding“ israelische Territorialansprüche, die seit
dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 bestehen, infrage gestellt; mithilfe der
Nachfahren enteigneter Familien auch an Ortschaften wie dem von
Sozialist*innen gegründeten Kibbuz Nir Oz, der auf erobertem Grund der
Abu-Sitta-Familie errichtet worden und durch die Attacken des 7. Oktober
heimgesucht wurde.
## Oppositionelle Raumstrategie aus Vietnam
Die „Nakba“ (Katastrophe), also die Vertreibung und Flucht von rund 750.000
Palästinenser*innen durch die Staatsgründung und Arrondierung
Israels, erscheint in dem Buch als langer Schatten, der sich seit dem
jüngsten Krieg Israels gegen die Hamas zu einem angeblichen Völkermord an
den Palästinenser*innen vollende. Die parallel sich vollziehende
„jüdische Nakba“, also die Flucht und Vertreibung von rund 850.000 Jüdinnen
und Juden mizrachischer und sephardischer Herkunft aus arabischen und
islamisch geprägten Ländern ab 1947 erwähnt Weizman nicht.
Das heißt nicht, dass das Buch keine gewinnbringende Lektüre wäre. Vor
allem der Mittelteil, der dem Tunnelbau im Gazastreifen gewidmet ist,
wartet mit einer Reihe neuer und packend dargestellter Analysen auf.
Weizman lässt die Geschichte der Gaza-Tunnel nach dem Sechstagekrieg 1967
beginnen, als Israel den zuvor von Ägypten besetzten Küstenstreifen
eroberte. In China hatten palästinensische Widerstandskämpfer wie Mohammad
al-Aswad die Guerilla-Lektionen vietnamesischer Untergrundwelten erlernt
und brachten sie als oppositionelle Raumstrategie in Flüchtlingslager wie
Dschabaliya.
## Wölfe für den Zoo, Raketen für Hamas
Nach dem Camp-David-Abkommen von 1979 und der Errichtung einer massiven
Grenze zwischen Ägypten und Gaza wurde das Tunnelprinzip ab 1982 auf die
nunmehr geteilte Stadt Rafah übertragen. Im Zuge des Oslo-Prozesses ab
1993, der den Gazastreifen weiter isolierte, ließen vor allem die
Familienclans der Abu Riash und Abu Samhadana viele Kilometer Tunnelstrecke
bauen und wurden reich damit.
An den unterirdischen Strukturen schufteten Kolonnen junger
palästinensischer Männer, die – oft mithilfe des Schmerzmittels Tramadol,
einem süchtig machenden Opiat – wochenlang auf Knien schaufelten. Durch
ihre Arbeit entstand über fast vier Jahrzehnte ein rhizomartiges
Tunnelnetzwerk von rund 700 Kilometer Länge.
Für den 40 Kilometer langen und 6 bis 14 Kilometer breiten Gazastreifen
bedeutet dies, dass dort nicht allzu viele Häuser standen, die sich nicht
in allernächster Nähe von Tunneln befanden. Durch sie kamen zeitweilig rund
80 Prozent aller Importe ins Land: Computer, Waschmaschinen, Diesel, SUVs
für die Tunnelbauer-Millionäre, Hyänen, Krokodile und Wölfe für den
Gaza-Zoo – und Tausende Raketen aus vor allem iranischer Produktion für
regelmäßige, in westlichen Medien eher selten gemeldete Angriffe auf
Israel.
## Verschwiegenes Fachwissen
Die mithilfe dieser Tunnel verfolgte Eliminierungsabsicht der nach wie vor
einzigen liberalen, wenn auch in vieler Hinsicht fehlerhaften Demokratie
der Region, wird bei Weizman nicht angesprochen. Auch wenn er dem Thema das
Herzstück von „Ungrounding“ widmet, lässt er dem Terrortunnelnetzwerk
keinerlei forschende Aufmerksamkeit im Sinne einer Sammlung von
Beweismitteln zukommen.
Im Gegenteil: In seinem 2017 erschienenen Buch „Forensic Architecture“
machte Weizman öffentlich, dass seine Londoner Forschungsagentur offenbar
eine Zeit lang über genauere Verlaufspläne von Teilen der Tunnelanlage
verfügte, sie aber mit Rücksicht auf Informant*innen nicht
veröffentlichen wollte. In „Ungrounding“ wird derlei Fachwissen
verschwiegen, vielleicht aus Angst vor verfahrensrechtlichen Konsequenzen
für Südafrikas Genozidklage, vielleicht aber auch einfach aus mangelnder
Dringlichkeit, weil das ganze Buch zwischen den Zeilen ohnehin eine Art
Quasi-Verteidigung der Angriffe darstellt: „Zu Fuß, auf dem Fahrrad oder
dem Pferd betraten sie das Land, aus dem ihre Eltern und Großeltern
vertrieben worden waren.“
Auch den Organisator*innen des Nova-Festivals, bei dem am 7. Oktober
378 Menschen ermordet wurden, gibt Weizman mit subtilen Nakba-Anspielungen
fast schon selbst die Schuld an der Katastrophe: „Ein Musikfestival, dessen
Organisatoren eine Location ausgesucht hatten, die drei Kilometer von einem
Zaun entfernt ist, hinter dem sich ein Ort befindet, der von solcher
Grausamkeit betroffen ist, wurde ebenfalls angegriffen, nachdem die Party
an diesem Morgen von Al-Kassam-Kämpfern entdeckt worden war.“
## Die Bevölkerung Gazas als Schutzschild
Vor diesem Hintergrund entfaltet Weizmans Tunnelkapitel freilich eine
besondere Dynamik: Je mehr es in die Tiefe geht, desto stärker entkräftet
es den von ihm vorgebrachten Genozidvorwurf. Wer das flächendeckende
Gaza-Tunnelsystem quasi als Public-private-Partnership einer hybriden
kommerziellen Infrastruktur beschreibt, dabei Geiselnahmen und
Raketenabschussrampen zwar kurz antippt, aber dann halt doch auch erwähnt,
bestätigt die von Israel vor dem IGH vorgebrachte Argumentation, dass die
Hamas in einer noch nie dagewesenen Perfidie die Bevölkerung Gazas als
menschliche Schutzschilde ihrer tunnelbasierten Kriegsführung missbrauchte.
Die Palästina-solidarische Szene kann daher nur hoffen, dass das Buch von
den Den Haager Richter*innen im laufenden Genozidverfahren nicht gelesen
wird. Alles in allem stellt es ein Status-Update einer Spielart der
globalen Linken dar, die sich für die Restitutionsansprüche
palästinensischer Großgrundbesitzer wie dem Abu-Sitta-Clan einsetzt,
welcher Eigentum nachtrauert, das in einem Krieg verloren ging, den 1948
nicht Israel begonnen hat.
16 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kritik-an-Forensic-Architecture/!5983353
(DIR) [2] https://londonantisemitism.com/news/a-response-to-eyal-weizmans-all-they-will-find-is-sand-verena-buser-and-avraham-russell-shalev/
## AUTOREN
(DIR) Stephan Trüby
## TAGS
(DIR) Hamas
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) wochentaz
(DIR) Architektur
(DIR) Tunnel
(DIR) Schwerpunkt Islamistischer Terror
(DIR) Gaza
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Antisemitismus
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Verwundete aus Gaza in Jordanien: Gewinn einer grausamen Lotterie
Tausende Kranke und Verwundete harren im zerstörten Gazastreifen aus. Nur
wenige werden im Ausland behandelt. Die taz hat eine Familie begleitet.
(DIR) Yahya Sinwar, Hamas und der Tunnelblick: Gaza und der doppelte Boden
Untergrund und Unbewusstes. Was das Tunnelsystem der Hamas über die
Fähigkeiten der Organisation aussagt.
(DIR) Antisemitismus an US-Universität: Nicht aus heiterem Himmel
Die Architekturschule der Columbia University in New York hat sich zum
Mekka des Israelhasses entwickelt. Leider war das absehbar.
(DIR) Kritik an Forensic Architecture: Zweifelhafte Beweisbilder
Die Recherchegruppe Forensic Architecture untersucht
Menschenrechtsverletzungen. Doch die Analysen haben Schlagseite – aktuell
gegen Israel.