# taz.de -- Campino über den Tote-Hosen-Abschied: „Bei mir hat’s immer nur zum Clown gereicht“
       
       > Die Toten Hosen wollen Schluss machen. Frontmann Campino über
       > Verantwortung, Tricks zum Überleben auf der Bühne und einen Anruf von
       > Angela Merkel.
       
 (IMG) Bild: ,,Irgendwann gibt es den Moment, in dem es schön ist, wenn man sich aufeinander verlassen kann''
       
       taz: Campino, Sie kennen bestimmt dieses schöne Zitat des Musikers Thees
       Uhlmann: „Die Toten Hosen sind die einzige Band, bei der ich das Gefühl
       habe, sie passen auf uns alle auf.“ Nun, da Die Toten Hosen ihren Abschied
       verkündet haben – wer passt denn jetzt auf uns auf? 
       
       Campino: Da wird sich schon jemand finden. Es gibt immer wieder tolle
       Bands, die das Herz auf dem richtigen Fleck haben. Da mach’ ich mir gar
       keine Sorgen.
       
       taz: Die Toten Hosen sind mehr als nur eine Rockband, sondern auch Heimat
       für ihre Fans und sogar so etwas wie das gute Gewissen dieses Landes. 
       
       Campino: Es gab zwei Möglichkeiten, um in der Schulklasse eine besondere
       Position zu erreichen. Entweder wurdest du zum Klassensprecher gewählt,
       wurdest also der, der auf alle aufpasst. Oder du hast den Clown gespielt.
       Bei mir hat’s eigentlich immer nur zum Clown gereicht. Dass wir jetzt, nach
       all den Jahren, von Thees zum Klassensprecher ernannt werden, das sehe ich
       mal als zweifelhafte Ehre.
       
       taz: [1][Die Toten Hosen] wurden 1982 gegründet, damals galten sie als
       anarchische Spaßpunks. Mittlerweile kämpfen sie für Demokratie. War das
       eine bewusste Entscheidung? 
       
       Campino: Weniger. Am Anfang haben wir die Texte noch zusammen gemacht. Wir
       saßen bei einem von uns im Wohnzimmer auf dem Fußboden, nach zwanzig
       Minuten hatte keiner mehr Bock – und dann sind wir halt Fußballspielen
       gegangen. Irgendwann war mir das nicht mehr genug, ich fing an alleine
       rumzugrübeln, von da an hat sich etwas verschoben.
       
       taz: Die Texte wurden ernsthafter? 
       
       Campino: Es gibt da eine gewisse Parallele zu den Grünen, die ja zu
       ähnlicher Zeit gegründet wurden wie wir. Die waren auch mal
       Anti-Establishment, es gab den „Turnschuhminister“ und all den anderen
       ganzen Quatsch. Heute gelten ausgerechnet die Grünen als die Spaßbremsen.
       Genauso haben wir irgendwann feststellen müssen, dass wir, ohne es zu
       merken, Schritt für Schritt in die Verantwortung gegangen sind. Diese
       Rollenverschiebung, dass wir heute glauben, die Demokratie verteidigen zu
       müssen, die hätten wir uns 1982 nicht träumen lassen.
       
       taz: Die Toten Hosen haben diesen Wandel gut verkraftet. Sie sind
       jedenfalls deutlich [2][beliebter als die Grünen]. 
       
       Campino: Ja, unsere Umfragewerte stimmen noch.
       
       taz: Wann wurde klar, dass man nicht mehr die lustigen Punks mit den bunten
       Hosen spielen kann? 
       
       Campino: Vieles hat sich unbemerkt gewandelt, aber ein Moment, in dem es
       Klick gemacht hat, war unser tausendstes Konzert. Es kam im Publikum zu
       einem Todesfall.
       
       taz: Im Juni 1997 im Rheinstadion in Düsseldorf starb die 16-jährige Rieke
       Lax aus den Niederlanden im dichten Gedränge vor der Bühne. 
       
       Campino: Genau. Spätestens da wurde uns bewusst, dass es Unsinn ist, was
       wir lange als Motto auf unsere Fahnen geschrieben haben: Hier sind die
       Toten Hosen – betreten auf eigene Gefahr! Nein, wir sind für jeden
       verantwortlich, der zu uns kommt, wir müssen alles dafür tun, damit jeder
       wieder gesund nach Hause geht. Von diesem Tag an haben wir eine andere
       Position vertreten, eine sehr viel kontrolliertere und auch
       kontrollierende, an die wir uns erst gewöhnen mussten.
       
       taz: Wie machte sich das bemerkbar? 
       
       Campino: Im Jahr danach, als wir in Deutschland die ersten Shows nach
       diesem Vorfall spielten, haben wir auf Konzerten, wenn uns irgendetwas zu
       wild vorkam, häufiger besorgt ins Publikum gefragt: „Ist alles in Ordnung
       bei euch? Passt aufeinander auf!“ Darüber machte man sich in der Presse
       lustig: Bei den Toten Hosen ist jetzt Kindergarten, der große Onkel ruft
       jetzt immer dazwischen, dass ihr euch nicht wehtun sollt.
       
       taz: Damals wurde festgestellt, wir tragen Verantwortung, wir sind jetzt
       eine staatstragende Band? 
       
       Campino: Verantwortung ja, aber staatstragend? Wir versuchen immer noch,
       uns von Politikern fernzuhalten. Es gibt doch relativ wenige Fotos von uns,
       auf denen ein Politiker neben uns steht. Aber wir haben kapiert, dass auch
       wir Teil der Gesellschaft sind. Wenn es zum Beispiel in Düsseldorf um
       soziale Hilfsaktionen geht, dann bin ich froh, dass ich den
       Oberbürgermeister anrufen kann und der abhebt. Oder wenn wir ein
       Benefizkonzert für Erdbebenopfer planen, dann können wir eventuell eben
       auch die Unterstützung von Herrn Wüst und der Landesregierung gewinnen –
       und wenn die nur eine Halle zur Verfügung stellen. Also: Man lebt
       miteinander, und irgendwann gibt es den Moment, in dem es schön ist, wenn
       man sich aufeinander verlassen kann.
       
       taz: Nun könnte man sagen, die Fans können sich nicht mehr auf Die Toten
       Hosen verlassen. Die haben ja einer gewissen Generation, einem gewissen
       Spektrum eine Stimme gegeben. Wird diese Stimme nicht fehlen, gerade in
       schwierigen Zeiten? 
       
       Campino: Ach, das glaube ich nicht. So wichtig sind wir nun auch nicht. Und
       ganz ehrlich: Wenn das jetzt hier richtig anfängt zu scheppern im Land,
       Stichwort nächste Wahlen, dann werden wir uns nicht raushalten.
       
       taz: Das heißt, es wird Die Toten Hosen doch weiter geben? 
       
       Campino: Nein, so wie bisher gibt es uns bald nicht mehr. Als Band fahren
       wir unsere Aktivitäten Stück für Stück runter und werden sicher nicht mehr
       lange Touren machen. Aber wir bleiben ja Freunde und werden sicherlich auch
       noch miteinander in den Urlaub fahren und solche Sachen. Außerdem haben wir
       ein gemeinsames Grab auf dem Düsseldorfer Südfriedhof, da liegen auch schon
       drei von unserer Gang. Und wenn einem von uns noch irgendeine Flause
       einfällt, dann machen wir, worauf wir Lust haben.
       
       taz: Eigentlich sind Sie jetzt Rentner? 
       
       Campino: Na ja, insofern nicht, als dass wir nie einen ordentlichen Beruf
       hatten. Ich glaube kaum, dass uns im Ruhestand langweilig wird. Ich habe
       großen Spaß gehabt an den Büchern, die ich geschrieben habe. Wenn der
       Verlag möchte, dann wird das vielleicht eine Möglichkeit. mich zu
       beschäftigen – neben vielen anderen, also: Langeweile wird nicht aufkommen.
       
       taz: [3][Mick Jagger] ist 19 Jahre älter als Sie. 
       
       Campino: Der ist jenseits von Gut und Böse. Die Rolling Stones kriegen es
       irgendwie immer hin, unterhaltend zu sein, aber die sind auch weltweit ein
       Begriff. Da spielen wir doch in einer ganz anderen Liga. Ich hätte auch
       keinen Spaß daran, mich so fit halten zu müssen wie Jagger, der dann mit
       Ü80 noch den großen Feger auf der Bühne gibt.
       
       taz: Hat das Alter den Ausschlag gegeben aufzuhören? 
       
       Campino: Klar, das Alter macht auch vor uns nicht Halt. Ich weiß ja, wie es
       uns geht. Grundsätzlich halte ich mich da an die Regel der Royal Family:
       Never complain, never explain. Wir werden schon unsere Gründe haben.
       
       taz: Es ist auffällig, dass Die Toten Hosen über das Musikmachen immer
       gesprochen haben wie Leistungssportler über das letzte Spiel. Es ging
       darum, sich fit zu halten, immer 100 Prozent für die Fans zu geben. 
       
       Campino: Das stimmt. Im Gegensatz zu einer Fußballmannschaft können wir
       während des Spiels niemanden aus- oder einwechseln. Wir werden auch nicht
       vom Verein gefeuert wie ein Spieler, sondern wir müssen selbst die Kraft
       und den Weitblick haben, im richtigen Moment loszulassen und vom Platz zu
       gehen.
       
       taz: Was jetzt geschieht. 
       
       Campino: Es gab schon ein bisschen die Sorge, dass wir den Absprung im
       richtigen Moment verpassen könnten. Wenn Leute entscheiden, die Bühne erst
       im Sarg zu verlassen, dann ist das zu akzeptieren, aber ich würde es für
       mich selbst nicht so wollen. Ich bin auch kein Nick Cave, der in seinem
       Anzug am Klavier sitzt und tolle Geschichten erzählt. Da braucht es diese
       Körperlichkeit nicht, der kann das machen, bis er 90 ist, und er wird dabei
       immer kraftvoll und gut aussehen.
       
       taz: Hat die Band es verpasst, eine weniger körperliche Ausdrucksform zu
       finden? 
       
       Campino: Das Wort „verpasst“ würde ich nicht wählen. Natürlich könnten wir
       auch Unplugged-Konzerte spielen, haben wir ja gemacht, so würde man es auch
       noch ein paar Jahre hinkriegen. Aber unser Verständnis von dem, was wir
       sind, ist eben nicht unplugged, jedenfalls nicht hauptinhaltlich. Das wären
       dann nicht mehr Die Toten Hosen.
       
       taz: Die Toten Hosen, das war hauptsächlich Energie und Power? 
       
       Campino: Das ist schwer zu erklären, es war einfach in uns. Vielleicht ist
       dieses Umherrennen auf der Bühne auch ein Trick, dass man sich dem Publikum
       nicht so frontal stellen muss. Da hat man immer was zu tun. Es war am
       Anfang auch eine Methode, auf der Bühne zu überleben. Mit der Zeit haben
       wir das verinnerlicht und fühlen uns damit bis heute wohl.
       
       taz: Ende Mai erscheint das letzte Album. Darin wird viel zurück auf die
       Vergangenheit geblickt – und im Song „Lass mal nicht machen“ versprochen,
       dass Die Toten Hosen nicht in Shows wie „Sing meinen Song“ landen werdet.
       Gab es schon Anfragen? 
       
       Campino: Hört es sich überheblich an, wenn ich behaupte, dass es kaum ein
       Format im deutschen Fernsehen gibt, für das wir noch nicht angefragt
       wurden? Da muss man jetzt nicht stolz drauf sein, die Entertainment-Welt in
       Deutschland ist überschaubar. Eins ist auf jeden Fall klar: Jury-Sendungen
       würde ich niemals machen, schon weil mir das peinlich wäre, irgendjemanden
       nach Hause zu schicken, weil er angeblich kein Talent hat. Schließlich
       waren wir die talentloseste Truppe, die es jemals gab. Wir hätten damals
       niemals irgendeinen Wettbewerb gewonnen. Ich meine, in Widersprüchen leben
       wir alle – und Die Toten Hosen sind, weiß Gott, nicht frei davon. Wir sind
       [4][bei „Wetten, dass ..?“ aufgetreten], wir haben mit der Bravo
       zusammengearbeitet. Wir haben immer wieder Dinge getan, für die wir uns im
       Anschluss selbst gern verprügelt hätten. Über die Jahre haben wir auch
       Kompromisse gemacht, die wehtaten.
       
       taz: Ich habe diese Widersprüche eher als Teil einer Strategie gesehen:
       Dass Die Toten Hosen bewusst über Grenzen gegangen sind, nicht mal so sehr
       um zu provozieren, sondern weil Grenzen sie aus Prinzip nicht interessiert
       haben. 
       
       Campino: So könnte man sich das schönreden. Wegen der Bravo zum Beispiel,
       da haben sich Andi …
       
       taz: … Bassist Andi Meurer … 
       
       Campino: … und ich ganz konkret dermaßen geprügelt, dass unser Roadie
       Bollock, Gott hab ihn selig, uns auseinanderziehen musste und danach sofort
       abreisen wollte. „Für solche Idioten will ich nicht arbeiten“, rief er
       verzweifelt, und es kostete eine Menge Überredungskünste, ihn umzustimmen.
       Ja, es ging eine Zeit lang echt hoch her, aber das sind wohl
       Wachstumsschmerzen, die gehören dazu.
       
       taz: Gibt es denn etwas, das Sie wirklich bereuen? 
       
       Campino: Es gibt haufenweise Dinge, die schiefgegangen sind, die musst du
       als Moment nutzen, aus dem man lernen kann. Wir sind zufrieden mit dem, was
       wir erreicht haben. Wir konnten aber nur im Hier und Jetzt landen, weil wir
       Lehrgeld bezahlt haben. Vielleicht haben uns manche Sachen, die echt
       scheiße gelaufen sind, vor Schlimmerem in der Zukunft bewahrt.
       
       taz: Bereuen Sie im Nachhinein, dass Sie 2014 die Schirmherrschaft für die
       deutsche Version von Band Aid 30 übernommen haben? Sie haben organisiert,
       dass der Song „Do They Know It’s Christmas“ mit Udo Lindenberg, Peter
       Maffay, Jan Delay, Joy Denalane und vielen anderen neu aufgenommen wurde,
       um Geld zu sammeln für die Bekämpfung der Ebolaepidemie in Westafrika. 
       
       Campino: Über dieses Thema könnte ich mich heute noch aufregen. Ja, man
       kann den Song durchaus miserabel finden, aber darum ging es nie. Es war nur
       eine Möglichkeit, Spendengelder zu sammeln. Das Projekt zu verhöhnen, hat
       wahrscheinlich viele Spenden gebremst oder gar verhindert.
       
       taz: Vor allem [5][Jan Böhmermann], aber auch andere haben das Projekt
       damals heftig kritisiert. 
       
       Campino: Um Hilfsbereitschaft zu entfachen, musst du die Empathie der
       Menschen gewinnen. Wenn da die Behauptung aufgestellt wird, die
       Spendengelder kämen eh nicht an, bremst du die allgemeine Hilfsbereitschaft
       brutal aus. Wenn solche Zweifel berechtigt sind, ist Kritik völlig okay,
       aber das waren sie nicht. Und wenn jemand aus einer Laune heraus oder weil
       er irgendwas uncool findet, solche Projekte sabotiert, finde ich das nicht
       in Ordnung. Aber ich habe aus dieser Sache damals auch viel gelernt.
       
       taz: Es lief nicht immer alles nach Plan. Dass der Song „Tage wie diese“
       [6][bei der CDU-Wahlparty 2013] gespielt wurde, war sicherlich auch nicht
       im Sinne der Band, oder? 
       
       Campino: Wer ein Lied veröffentlicht, muss akzeptieren, dass es ein
       Eigenleben entwickeln kann. Ein Versuch zu steuern, wer den Song hört oder
       nicht, wäre kindisch. Dass es auch Applaus von der falschen Seite geben
       kann, damit muss man leben. Uns ist dieses Lied ja zugelaufen. Irgendwie
       haben wir es hingekriegt, etwas zu erschaffen, was vielen Leuten aus der
       Seele gesprochen hat – und immer noch spricht. Das ist ein Geschenk, diesen
       Erfolg konnte niemand so erwarten. Dass „Tage wie diese“ groß werden
       könnte, habe ich zuerst bemerkt, als die Mannschaft von Borussia Dortmund
       nach einem DFB-Pokalsieg im „Aktuellen Sportstudio“ saß und das ganze Team
       den Song sang. Für Fortuna Düsseldorf wurde es dann die Hymne zum Aufstieg,
       bis das Lied schließlich bei der Nationalmannschaft landete. Überall wurde
       es gedudelt.
       
       taz: Das muss ein gutes Gefühl gewesen sein. 
       
       Campino: Ich fand das schön. Irgendwann hat mir jemand erzählt, es würde
       sogar auf dem Oktoberfest gespielt. Ich bin dann hingefahren, um das zu
       checken, und tatsächlich: Alle zwanzig Minuten lief in jedem Zelt dieses
       Ding. Leider hat mich jemand nach meinem fünften Starkbier dort auf eine
       Bühne geschoben und mir ein Mikrofon in die Hand gedrückt, als der Song
       wieder ertönte. Mir fiel beim Singen mein eigener Text nicht mehr ein – das
       war selbst für mich als alten Punk richtig schlimm.
       
       taz: Das war der Punkt, wo Ihnen das Lied peinlich wurde? 
       
       Campino: Nein, ich war peinlich, aber nicht das Lied. Ich habe auch kein
       Problem damit, dass bei einer Party im Überschwang der Gefühle nach einem
       Wahlsieg jemand den Song auflegt und dazu schief mitsingt. Etwas anderes
       ist es, wenn unsere Lieder als Einmarschmusik für Politiker verwendet oder
       auf Wahlveranstaltungen bewusst und geplant als Soundtrack eingesetzt
       werden.
       
       taz: Die CDU hatte den Song schon vorher bei Wahlveranstaltungen verwendet,
       wovon Sie sich distanziert haben. 
       
       Campino: Es ist uns scheißegal, welche Partei das macht, dagegen gehen wir
       immer vor, denn in dem Moment werden wir missbraucht, als Wahlwerbung für
       irgendeine Figur, mit der wir nichts zu tun haben.
       
       taz: Dass die CDU den Song dann bei der Feier nach der Wahl gespielt hat,
       fanden Sie nicht so schlimm, Angela Merkel anscheinend schon. Die Kanzlerin
       rief bei Ihnen an. 
       
       Campino: Als Frau Merkel anrufen ließ, da haben wir natürlich erst mal
       gedacht, am anderen Ende ist die Titanic mit einem ihrer lauwarmen Witze.
       Also haben wir vorgeschlagen: Sie soll eine Nummer hinterlegen, wir rufen
       zurück. So haben wir uns versichert, dass die im Kanzleramt Bescheid
       wussten. Und irgendwann war sie wirklich an der Strippe …
       
       taz: … um mit „Herrn Campino“ zu sprechen und sich zu entschuldigen. Sie
       selbst hat das nie öffentlich gemacht. Warum, denken Sie, hat die Kanzlerin
       angerufen? 
       
       Campino: Ich habe lange geargwöhnt, ob eine Strategie dahintersteckte. Aber
       offensichtlich war es ihr wirklich ein Anliegen. Vielleicht fand sie es
       selbst doof, dass ihre Parteikollegen da etwas kindisch mit den
       Deutschlandfähnchen gewedelt und dabei unseren Song gesungen haben. Sie hat
       wörtlich zu mir gesagt: „Es tut mir leid, dass wir da so auf ihrem Lied
       rumgetrampelt sind.“
       
       taz: Ist Merkel durch dieses Telefonat in Ihrer Achtung gestiegen? 
       
       Campino: Ich war zunächst misstrauisch, konnte das nicht richtig
       einschätzen. Rückblickend muss ich sagen: einwandfreie Aktion, denn sie hat
       dieses Telefonat nie erwähnt oder medial ausgeschlachtet. Im Übrigen bin
       ich im Gegensatz zu vielen Menschen der Meinung, dass [7][ihr Ausspruch
       „Wir schaffen das“] eine Sternstunde der deutschen Politik war.
       
       taz: In der CDU sehen das inzwischen viele anders. 
       
       Campino: Man kann drüber streiten, was man anschließend hätte alles besser
       machen können, doch das ist nicht der Punkt. Dass Merkel bereit war, diesen
       humanistischen Gedanken so auszusprechen – das ist einfach genial. Und
       jeder, der das Gegenteil behauptet, macht diesen Moment in meinen Augen
       klein. Ja, Merkel war sicher keine Visionärin, aber ihr Pragmatismus und
       ihr Umgang mit diesen testosterongesteuerten Trotteln, die da sonst ganz
       oben in der Politik rumlaufen, das würde ich mir herzlichst zurückwünschen
       – gerade auch im Vergleich zum heutigen Kanzler.
       
       taz: Diese Anekdote mit Angela Merkel ist ein Beispiel dafür, wie sich Die
       Toten Hosen verändert haben über die Jahrzehnte. Oder ist es umgekehrt, und
       dieses Land hat sich verändert, aber Die Toten Hosen gar nicht so sehr? 
       
       Campino: Das ist ganz einfach zu beantworten. Beide haben sich stark
       verändert. Und das ist auch gut so.
       
       23 May 2026
       
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