# taz.de -- Schlecken und Tracken: Eismann, wir wissen, wo dein Auto steht!
       
       > Als Schüler hatte unser Autor den besten Sommerjob: mit dem Eiswagen
       > rumfahren und Menschen glücklich machen. Dafür entwickelte er sogar eine
       > App.
       
 (IMG) Bild: Der Sommer kann kommen, denn die App informiert: Eismann, wir wissen wo dein Auto steht
       
       Die nordhessische Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, hat nicht
       sonderlich viel zu bieten. Einen Bahnhof etwa gibt es in Homberg (Efze)
       nicht. Dafür aber den besten Sommerjob der Welt.
       
       Das liegt an dem Eiscafé, das meinen Wachstumsprozess über die Jahre
       [1][mit vielen Kugeln Eis] – hauptsächlich Erdbeere – unterstützt hat.
       Betrieben wird es von Maria und Angelo Bressan, und inzwischen auch von
       ihrem Sohn Simone. Während der Zeit rund um mein Abitur, dieser kuriosen
       Phase zwischen Schule und dem Rest des Lebens, hatte ich dort einen
       Schülerjob. Allerdings nicht einfach nur hinter der Eistheke. Sondern als
       Fahrer des Eiswagens.
       
       An zwei Tagen pro Woche übernahm ich den alten VW-Bus. Ohne Servolenkung,
       ohne Tankanzeige. Auf dem Armaturenbrett klebte ein Kreppband, auf dem
       stand: „Dienstag, Freitag tanken“. Dafür hatte der Bus [2][den gefrorenen
       Sommer] dabei. Mittags wurde er im Eiscafé voll geladen, dann starteten wir
       unsere Route durch die umliegenden Dörfer. Alle paar hundert Meter
       betätigte ich die Klingel, die sich anhörte wie in einer alten Schule:
       rrrrriiiiiiiiiing!
       
       Schon nach wenigen Wochen kannte ich viele Kund:innen entlang meiner
       Strecke, von Verna über Lenderscheid bis nach Großropperhausen. Ich wusste,
       wo ich etwas länger auf Menschen warten musste, die nicht mehr so schnell
       zu Fuß waren. Wer immer drei Kugeln mit Sahne bestellt. Wer wann im Urlaub
       war.
       
       „Nächste Woche brauchen Sie hier nicht warten“, sagten die Leute dann, „Da
       sind wir an der Ostsee.“ Ein älterer Herr verabschiedete sich jedes Mal mit
       „Firma dankt, der Chef lässt grüßen“. Und ein Paar bezahlte immer passend,
       das Kleingeld sammelten sie nach ihren Einkäufen. Wenn mir mal eine Waffel
       beim Befüllen zerbrach, entsorgte ich sie samt Inhalt sicher in meinem
       Magen. Auch sonst aß ich bis zu vier Kugeln täglich.
       
       ## Die programmierte Geheimwaffel
       
       Inzwischen ist meine Zeit als Eiswagenfahrer fast elf Jahre her. Vom
       Schreibtisch aus habe ich trotzdem immer noch mit dem Eisbus zu tun.
       Während meines Sommerjobs riefen nämlich oft Menschen im Eiscafé an, um zu
       fragen, wann der Bus denn kommt. Irgendwann meinte Angelo: „Wenn es da eine
       App gäbe, das wäre doch toll.“ Über Wochen überlegte ich, wie so etwas
       aussehen und funktionieren könnte. Programmieren konnte ich, zumindest die
       Grundlagen. Das Abitur hatte ich inzwischen hinter mir und daher relativ
       viel Zeit.
       
       Vier Wochen später konnte ich Angelo einen ersten Prototyp zeigen: eine
       iPhone-App mit Kartenansicht. Wir überlegten gemeinsam, was noch fehlt –
       und machen das bis heute. Mehr als zehn Jahre später ist die App für
       iPhones und Android-Telefone verfügbar, Nutzer:innen können die
       aktuellen Eissorten sehen und sich für Benachrichtigungen anmelden, wenn
       der Bus in ihren Ort fährt.
       
       Die App erfreut sich großer Beliebtheit. So richtig klar wird das immer
       erst, wenn etwas nicht funktioniert. Zum Beispiel, wenn die schlechte
       Netzabdeckung im Schwalm-Eder-Kreis dazu führt, dass der Eiswagen nicht
       geortet werden kann. Dann schreibt Angelo mir eine Nachricht: „SOS, bitte
       anrufen!“ Wir besprechen kurz das Problem, ich verspreche mich zu kümmern
       und dann reden wir [3][über das Radfahren], Angelos große Leidenschaft, und
       alles andere, was uns gerade beschäftigt.
       
       So hatte ich nicht nur einen Sommer lang den besten Job der Welt, sondern
       habe noch immer einen Teil davon in meinem Leben.
       
       24 May 2026
       
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