# taz.de -- Die Wahrheit: Die Ungesundes mit den Händen machen
       
       > Clash der Kulturen: Ein Intellektueller trifft auf die Arbeiterschaft,
       > die im Haus des Intellektuellen Arbeitertätigkeiten verrichten soll.
       
       Wegen eines Wasserschadens sind echte Arbeiter bei uns zu Hause. Das finde
       ich total spannend, weil ich im normalen Leben null Kontakt zur
       Arbeiterklasse habe. Das ist eine völlig fremde Welt für mich.
       
       Ich bin ja Intellektueller. Meine Hände habe ich nur zum klugen
       Gestikulieren. Selbst Naturwissenschaften sind mir noch zu praktisch. Wenn
       mich jemand fragt: „Was ist sechs mal sieben?“, antworte ich so clever wie
       verschmitzt: „Sorry, aber ich bin eher geisteswissenschaftlich unterwegs.“
       
       Es ist jetzt allerdings nicht so, dass ich groß die Klassiker gelesen
       hätte. Klassiker bin ich selber, sag ich immer. Ich habe einen tollen
       Humor. Aber Fremdsprachen, Philosophie und Geschichte sind jetzt auch nicht
       so mega mein Ding. Mit den „Geisteswissenschaften“ will ich eigentlich nur
       ausdrücken, dass ich wie ein Vampir zu Staub zerfalle, sobald ich eine
       mathematische Gleichung oder ein physikalisches Gesetz nur von Weitem sehe.
       
       Ich habe ja auch nicht studiert. Das musste ich nicht. So ein Studium ist
       eher was für Leute, die nicht von Natur aus intellektuell sind, sondern es
       erst werden wollen. Was dann meistens auch nicht klappt. Dressierst du
       einen Affen, wird er dadurch kein Professor. Das musst du im Blut haben. So
       wie ich. Ich hab alles schon von Anfang an gewusst. Das Denken fällt mir
       unvergleichlich leicht.
       
       Kein Wunder also, dass ich den Anschluss zur Arbeiterschaft verloren habe.
       Das ist ein bisschen schade, weil die ist ja irgendwie schon auch ein Teil
       unserer Welt. Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, mal aus der Nähe ihre
       Gewohnheiten, ihre Mentalität und ihre Sprache zu studieren. Früher kam so
       was ja noch öfter im Fernsehen: die Arbeiterromantik, das viele Bier,
       Hosenanzüge, singende Arbeiter am Lagerfeuer. Könnten aber auch „Indianer“
       gewesen sein – so genau weiß ich das nicht mehr. Ich bin ja so gespannt.
       
       Als die Maler kommen, bin ich deshalb schon ein bisschen aufgeregt. Ich
       lasse mir aber nichts anmerken und sage: „Guten Tag. Wie geht es Ihnen?
       Haben Sie gut hierher gefunden? Konnten Sie die Namen auf dem Klingelschild
       lesen?“ Wahrscheinlich nicht, doch bestimmt hat sie ihr Instinkt
       hergeleitet, der bei ihresgleichen sicher noch relativ ausgeprägt ist.
       
       ## Animalischer Orientierungssinn
       
       Dieser animalische Orientierungssinn wie bei einer Biene oder Fledermaus,
       ist uns hochgezüchteten Geistesmenschen leider völlig verloren gegangen.
       Wir müssen immer auf Google Maps nachgucken, wo’s langgeht. In der Hinsicht
       sind wir so wie degenerierte Möpse, die nicht mehr jagen können. Oder eben
       keine Decken mehr streichen und Nägel in die Wand schlagen.
       
       Bevor die Arbeiter anfangen, sprechen wir kurz über die anstehende Arbeit.
       „Können Sie mich verstehen?“ Ich spreche extra laut und langsam. „Kennen
       Sie die Wörter? Wissen Sie, was ich meine? Wo Sie sind? Wer ich bin? Was
       Ihr Auftrag ist?“
       
       Als Antwort kommt nur ein diffuses Nuscheln. Vielleicht tauschen sie sich
       auf diese Weise über ihre Arbeit aus. Für solche Themen bin ich als
       Kopfmensch ja gar nicht geschaffen. Aber interessant finde ich das schon:
       Warum nuscheln Arbeiter immerzu? Ist das ein interner Code, damit Feinde
       sie nicht verstehen? Aber ich bin doch gar nicht ihr Feind. Eventuell
       nehmen Sie auf diese Weise auch weniger Giftstoffe über den Mund auf. Diese
       Mit-der-Hand-mach-Sachen sind ja oft sehr ungesund: Kohle, Stahl, Feuer,
       Lacke, Radioaktivität.
       
       Daher sicher auch die häufigen und langen Pausen. Das beobachte ich
       nämlich. Wahrscheinlich, dehydrieren und unterzuckern Arbeiter unheimlich
       schnell. Jedenfalls schneller als wir Intellektuellen, die wir ja eher
       geistige Nahrung zu uns nehmen.
       
       „Stimmt’s, Sie dehydrieren recht schnell bei der Arbeit?“, frage ich
       neugierig, und wieder kommt nur so ein Gebrumm zurück, das alles oder
       nichts bedeuten kann. Ich tippe eher auf nichts. Dann arbeiten sie eine
       Zeitlang weiter, schnell und konzentriert, ich könnte das ja nicht. Mir
       wird immer alles schnell langweilig, außerdem hab ich selbstverständlich
       tausend andere Sachen gleichzeitig im Hirn, wie den Sinn der Welt und den
       Sinn des Lebens und solches. Ohnehin würde ich alles falsch anmalen, und
       wie herum die Nägel jetzt in die Wand gehören, weiß ich ebenfalls nicht.
       
       Ich mustere sie unauffällig von der Seite. Faszinierend. Diese
       kontrollierten Bewegungen. Unglaublich geschickt, wie so geschäftige kleine
       Haselmäuse, die sich aus Zweigen und Blättern ein Nest bauen.
       
       Aber sonst scheint es ihnen ja ganz gut bei uns zu gefallen. Ständig koche
       ich ihnen neuen Kaffee. Sie haben es nicht eilig, und nach einer halben
       Stunde ist es wieder so weit: Rauchpause. Arbeiter müssen anscheinend in
       festen Abständen rauchen, vielleicht ist das so eine Art Ladefunktion. Auch
       wieder interessant! Selten habe ich in so kurzer Zeit so viel gelernt.
       
       ## Pech beim Rauchen auf dem Balkon
       
       Zum Rauchen gehen sie jedes Mal runter auf die Straße, obwohl ich ihnen
       gesagt habe, dass sie auf dem Balkon rauchen können. Aber vielleicht gilt
       das in ihren Kreisen als Pech bringend. Womöglich sind schon mal Arbeiter
       beim Rauchen vom Balkon gefallen. Man steckt nicht drin – das ist ja eine
       ganze eigene Kultur. Oft beherrscht der Aberglaube alles, gerade bei
       einfachen Leuten.
       
       Offenbar bin ich ihnen ebenso suspekt wie sie mir. Dabei habe ich heute
       extra für sie einen Arbeiterhut mit Bommeln in Regenbogenfarben aufgesetzt.
       Immer wenn ich auftauche, nuscheln sie einander etwas zu, leise und fast
       ängstlich. Das muss das über Jahrtausende aufgebaute Misstrauen sein, der
       Gutsherr könne sie um ihren Lohn prellen, und dazu gibt es überall diese
       merkwürdigen Gegenstände, deren Zweck ihnen fremd sein dürfte: Möbel,
       Bücher, Bilder, Espressomaschinen. Dabei müssten sie im Zuge ihrer Arbeit
       doch eigentlich an bürgerliche Haushalte gewöhnt sein, wo sie automatisch
       mit solchen Dingen in Berührung kommen.
       
       Da könnten sie langsam ruhig mal ihre Scheu ablegen. Ich meine es
       schließlich nur gut mit ihnen und halte mich ganz bewusst mit irgendwelchem
       Denkkram zurück, den sie eh nicht kapieren würden. Authentisch zu sein ohne
       Arroganz, das ist meine Devise; offen zu bleiben für das Andere,
       Ungeschlachte, Primitive und auch dessen Stärken und schlichte Schönheit zu
       sehen.
       
       25 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uli Hannemann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Satire
 (DIR) Arbeiter
 (DIR) Rollenklischees
 (DIR) Intellektuelle
 (DIR) Bildung
 (DIR) Handwerker
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Gesundheit
 (DIR) Satire
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Zur Hölle mit der Meinung
       
       Immer mehr Menschen müssen alles teilen mit anderen. Auch den eskalierenden
       Wüterich in sich. Versuch eines Psychogramms.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Jung ins Heim
       
       Abtreten aus dem Alltag und Einrücken ins Altersheim ist angesagt –
       möglichst bevor die ganzen Gebrechen beginnen
       
 (DIR) Die Wahrheit: „Warum machen die das immer?“
       
       Die Wutbürger-Anklage abseits globaler Krisen und Kriege:
       Fahrradkorbvermüller sind die Allerallerschlimmsten auf der ganzen großen
       Welt.