# taz.de -- Studie zur Ausbeutung von Migranten: Für verbindliche Qualitätsstandards
       
       > Eine interdisziplinäre Projektgruppe kümmert sich um die Anwerbung und
       > Unterstützung vietnamesischer Auszubildender in Berlin. Das ist bitter
       > nötig.
       
 (IMG) Bild: In vielen vietnamesischen Restaurants arbeiten Auszubildende
       
       Der Senat stellt sich der Problematik der vietnamesischen Auszubildenden.
       Das sagt Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) der taz. Nach einem
       Beschluss des Abgeordnetenhauses wurde im Dezember eine interdisziplinäre
       Projektgruppe eingerichtet, „die die beteiligten Akteure aus Verwaltung und
       Praxis zusammenführen wird“, so Kiziltepe. Ziel sei es, die Anwerbung und
       Unterstützung vietnamesischer Auszubildender zu verbessern. Praktische
       Ergebnisse liegen aufgrund der kurzen Zeit bisher noch nicht vor.
       
       Aufgrund der demografischen Situation ist Berlin dringend auf Zuwanderung
       junger Auszubildender aus dem Ausland angewiesen. Dabei ist die Gruppe der
       vietnamesischen Auszubildenden die am dynamischsten wachsende Gruppe. Gab
       es in Berlin 2013 nur 60 Azubis mit vietnamesischer Staatsangehörigkeit,
       waren es 10 Jahre später bereits 1.600 – Tendenz steigend.
       
       Anders als Auszubildende mit syrischem, afghanischem oder türkischem Pass
       wurden die VietnamesInnen eigens zur Ausbildung aus dem Ausland angeworben.
       Das heißt, sie hatten vor Ausbildungsbeginn in aller Regel nicht in
       Deutschland gelebt und ihre deutschen Sprachkenntnisse in Vietnam in oft
       praxisfernen Deutschkursen erworben und nicht im Alltag erproben können.
       Das führt dazu, dass sie in der Berufsschule oft nicht folgen können.
       
       In der Regel haben die Auszubildenden in Vietnam intensive Sprachkurse mit
       dem dort üblichen sturen Auswendiglernen für die Prüfung belegt. Danach
       mussten sie noch Monate auf die Ausreise nach Deutschland warten, in denen
       sie das mühevoll erworbene Wissen wieder vergessen hatten. In anderen
       Fällen sind die Sprachzertifikate, die die Einreise nach Deutschland
       erlauben, auch gefälscht.
       
       ## Fast ausschließlich in Billiglohnbereichen
       
       Kiziltepe hat eine [1][wissenschaftliche Studie zur Situation der
       vietnamesischen Auszubildenden] in Auftrag gegeben, die nun vorliegt. Sie
       ist weniger aussagefähig als eine Studie der FU, über die die taz bereits
       berichtet hat, weil sie anders als die FU-Studie keine Untersuchungen in
       Vietnam durchführte. Sie bestätigt viele der Befunde der FU-Studie, erhebt
       aber auch objektive Arbeitsmarktdaten.
       
       Die zeigen beispielsweise, dass vietnamesische Auszubildende fast
       ausschließlich im Gastgewerbe und im Gesundheits- und Pflegebereich landen,
       also in Billiglohnbereichen. Sie bestätigt auch die sehr unterschiedlichen
       Erwartungen der vietnamesischen und der deutschen Seite: Den Auszubildenden
       geht es vor allem darum, in Europa zu leben und mit dem hier verdienten
       Geld ihre Familien in Vietnam finanziell zu unterstützen. Das fordert auch
       die staatliche vietnamesische Propaganda immer wieder von Jugendlichen. Der
       zu erlernende Beruf ist in der Regel nicht die Motivation, nach Berlin zu
       kommen.
       
       Um nach Deutschland kommen zu können, werden in der Regel in Vietnam
       Vermittlungsagenturen eingeschaltet. Diese stellen die Kontakte zu
       deutschen Ausbildungsbetrieben her, organisieren das Deutschlernen und die
       Formalitäten der Einreise. Es handelt sich um privatwirtschaftliche,
       vietnamesische Firmen.
       
       Deutschen Behörden und Unternehmen sind die Rekrutierung von Arbeitskräften
       in Vietnam nicht gestattet. Die privaten Firmen in Vietnam, so die Studie,
       hätten vor allem daran Interesse, viele zahlende Kunden zu finden, und
       würden nicht nach der Eignung und dem Interesse der Ausbildungswilligen
       fragen.
       
       ## Auszubildende verschulden sich oft
       
       Von den in Vietnam aufgewachsenen Azubis wiederum wird es als
       gerechtfertigt empfunden, Gebühren für die Vermittlung von
       Ausbildungsplätzen zu zahlen, denn in Vietnam herrsche die Meinung, dass
       kostenlose Angebote nichts taugen würden. Diese Kosten betragen rund 12.000
       Euro, für die sich die Auszubildenden oft verschulden.
       
       Aber auch in Berlin würden Auszubildende ausgenutzt werden. So berichteten
       Azubis den Studienautoren von Ausbildungsbetrieben in der Gastronomie, die
       ihre Azubis nicht übernehmen würden, sondern immer wieder neue Billigkräfte
       aus Vietnam anheuern würden. Das bestätigt Rechercheergebnisse der taz in
       vietnamesischen Facebookgruppen. Oft sei das Verhältnis des
       Ausbildungsbetriebes zu den Azubis aber auch harmonisch. Viele Betriebe
       würden die Pünktlichkeit, den Lernwillen und den Fleiß der VietnamesInnen
       sehr schätzen, so die Studie.
       
       Ein Drittel der von den Studienautoren befragten VietnamesInnen jobben
       neben der Ausbildung, um Geld zu verdienen. Gut die Hälfte muss im
       Ausbildungsbetrieb Überstunden leisten, vor allem im Gastgewerbe. Die
       erfolgen oft ohne Bezahlung oder werden weit unter Mindestlohn vergütet,
       was auch schon mal dazu führt, dass keine Zeit für die Berufsschule bleibt.
       Geschweige denn für zusätzliche Deutschlernangebote, die viele Azubis nötig
       hätten und ihnen auch angeboten werden.
       
       Besonders prekär ist die Wohnsituation der Auszubildenden in Berlin. Die
       Studie beschreibt Unterbringungen in Etagenbetten in Zimmern mit bis zu
       zehn Personen, wobei 300 bis 400 Euro pro Bett bezahlt werden müssen. Da
       die – oft vietnamesischen –Vermieter diese Räume schwarz betreiben, können
       die BewohnerInnen sich dort nicht anmelden. Ihnen wird eine Scheinadresse
       vermittelt, für die sie noch einmal 80 bis 100 Euro bezahlen müssen.
       
       ## Abbruch der Ausbildung
       
       Der finanzielle Druck, die Sprachhürde sowie die prekären Wohnverhältnisse
       führen oft zu einem Abbruch der Ausbildung. Die Studie spricht von 30
       Prozent, während sie beim Durchschnitt aller Auszubildender bei 15 Prozent
       liegt. Doch was passiert dann?
       
       Innerhalb weniger Monate muss man entweder einen neuen Ausbildungsplatz
       finden oder beispielsweise heiraten, um nicht abgeschoben zu werden. Wie
       viele das schaffen, sagt die Studie nicht. Doch die taz hat sich unter
       RechtsanwältInnen umgehört und erfahren, dass inzwischen etliche
       vietnamesische Auszubildende Anwaltsbüros aufsuchen, weil sie genau dazu
       Hilfe brauchen.
       
       Andere, so die Studie, würde in die Illegalität abrutschen. Das bedeutet
       beispielsweise, dass man als Kindermädchen in vietnamesischen oder auch
       deutschen Familien schwarzarbeitet, [2][in Nagelstudios] oder Restaurants
       schwarzjobbt. Eine Sozialarbeiterin hätte den Studienautoren gesagt, dass
       das oft mit einem Abbruch der Kontakte zur Familie in Vietnam einhergeht.
       Denn das Bild des einstigen Vorzeigekindes, das es geschafft hat, ins
       westliche Ausland zu gehen, stimme nicht mehr.
       
       Cansel Kiziltepe sagt der taz: „Mich berührt, was viele vietnamesische
       Auszubildende in Berlin erleben müssen.“ Berlin soll ein Ort werden, an dem
       internationale Auszubildende sicher leben, gut lernen und erfolgreich ihre
       berufliche Zukunft aufbauen können. Dazu sollen, so Kiziltepe, die Beratung
       und Unterstützung für vietnamesische Auszubildende gestärkt werden. „Wir
       setzen uns für verbindliche Qualitätsstandards bei Anwerbeagenturen ein.“
       
       8 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://minor-kontor.de/prekaere-lebensrealitaeten-vietnamesischer-auszubildender/
 (DIR) [2] /Ausbeutung-von-Migranten/!6113888
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marina Mai
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ausbeutung
 (DIR) Auszubildende
 (DIR) Arbeitsmigration
 (DIR) Vietnam
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Duale Ausbildung
 (DIR) Ausbeutung
 (DIR) Arbeitsmigration
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Geflüchtete in der Berufsausbildung: Es gibt noch zu wenige Erfolgsgeschichten
       
       Auf einer Fachtagung ging es um die Probleme von Geflüchteten bei der
       Berufsausbildung. Mahmood Achikzehi kann von einer Erfolgsgeschichte
       berichten.
       
 (DIR) Ausgebeutete Migranten aus Vietnam: Agenturen besser kontrollieren
       
       Über Ausbildungsagenturen kommen vietnamesische Frauen nach Berlin. Einige
       von ihnen landen in der Prostitution. Der Senat will dagegen nun etwas tun.
       
 (DIR) Ausbeutung von Migranten: Azubis im Bordell
       
       Vietnamesische Frauen, die über Ausbildungsagenturen nach Berlin kommen,
       landen in der Prostitution. Wieso? Eine Spurensuche, die bei Facebook
       beginnt.