# taz.de -- Ermittlungen gegen den ORF: Ein Sender wehrt sich
       
       > Die Staatsanwaltschaft ermittelt, Anwälte streiten um Chats und
       > Redaktionsgeheimnis: Der ORF steckt in der Krise. Die Mitarbeitenden
       > setzen sich zur Wehr.
       
 (IMG) Bild: Der ORF richtet im Mai den Eurovision Songcontest in Wien aus, momentan hat er aber andere Probleme
       
       Eigentlich sollte längst der [1][Songcontest] dominieren, der kommende
       Woche in Wien stattfindet und vom österreichischen ORF organisiert wird.
       Stattdessen bestimmt weiter der ORF selbst die Schlagzeilen.
       
       Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Österreichs kommt nicht aus der Krise.
       Es geht um mutmaßliche sexuelle Belästigung seitens des ehemaligen
       Generaldirektors, ein toxisches Arbeitsklima, politische Einflussnahmen.
       
       Nun haben sich mehr als 500 der insgesamt rund 4.000 Mitarbeitenden in
       einer konzertierten Aktion in den sozialen Medien positioniert. Unter dem
       Motto [2][„Nicht mit uns“] sprechen sie sich gegen Machtmissbrauch und
       politische Einflussnahme aus.
       
       Die Botschaft ist unmissverständlich: „Wir wollen uns nicht für Skandale
       und Missstände rechtfertigen müssen, mit denen wir nichts zu tun haben.“ Es
       ist eine der größten koordinierten Aktionen in der Geschichte des Senders
       und ein Zeichen dafür, wie tief das Vertrauen in die Führung erschüttert
       ist.
       
       ## Seit Jahrzehnten kritisiert
       
       Zuletzt sprach der ORF-Redaktionsausschuss [3][eine Misstrauenserklärung
       gegen vier Stiftungsräte aus], ein beispielloser Schritt. Der Stiftungsrat
       ist das oberste Kontrollgremium des ORF und wird zu großen Teilen
       parteipolitisch besetzt, was seit Jahrzehnten kritisiert wird. Eine
       konkrete Folge gab es bereits: Am Dienstag trat Thomas Prantner als
       Stiftungsrat zurück.
       
       Die Krise nahm ihren Ausgang Anfang März mit dem Rücktritt von
       Generaldirektor Roland Weißmann. Eine Mitarbeiterin hatte angegeben, dass
       Weißmann sie 2022 sexuell belästigt habe und forderte seinen Abgang.
       Weißmann wies die Vorwürfe zurück und sprach von einer freiwilligen,
       beidseitig gewollten Beziehung. Die Stiftungsratsvorsitzenden drängten ihn
       dennoch zum Rücktritt.
       
       Wenige Tage später wählte der Stiftungsrat Ingrid Thurnher zur
       Generaldirektorin bis Ende 2026. Sie versprach volle Aufklärung, doch diese
       blieb bis dato aus. Thurnher wollte mehrere interne Berichte rasch
       offenlegen, mittlerweile ist die Rede von Juni.
       
       Neben Weißmann geht es auch um Peter Schöber, den Geschäftsführer von ORF
       3. Ihm werden gleich mehrere Vorwürfe gemacht: toxisches Führungsverhalten,
       Mobbing, Einschüchterungen und sexuelle Belästigung. Mehr als 50
       Mitarbeitende sagten bei einer internen Compliance-Untersuchung aus. Laut
       Betriebsrat wurden die Vorwürfe „großteils bestätigt“. Dennoch behielt der
       damalige Generaldirektor Weißmann Schöber im Amt.
       
       ## Redaktionelle Unabhängigkeit unterlaufen?
       
       Laut Recherchen von Der Standard und des Podcasts „Die Dunkelkammer“
       reichen die Vorwürfe noch weiter: Schöber soll wiederholt interveniert
       haben, etwa um ein Interview mit dem Wiener Bürgermeister Michael Ludwig
       nachträglich in eine fertige Doku schneiden zu lassen.
       
       Auch bei einer Dokumentation über den früheren niederösterreichischen
       Landeshauptmann Erwin Pröll soll Schöber die redaktionelle Unabhängigkeit
       unterlaufen haben. Für diese Doku dürfte außerdem der ÖVP-nahe
       niederösterreichische Bauernbund den Großteil der Produktionskosten
       getragen haben, ausgewiesen wurde das aber nicht.
       
       Ein weiterer Fall betrifft Robert Ziegler, den ehemaligen Direktor des
       Landesstudios Niederösterreich. Unter seiner Führung sollen Redakteure
       [4][angewiesen worden sein, Politiker bestimmter Parteien zu
       benachteiligen] – während ÖVP-Termine unabhängig vom Nachrichtenwert
       abgedeckt werden mussten. Ziegler trat 2023 zurück und erhielt prompt eine
       andere Leitungsfunktion im Haus. Beide Männer weisen die Vorwürfe zurück.
       Ihre Fälle stehen sinnbildlich dafür, wie mutmaßliches internes
       Fehlverhalten im ORF lange folgenlos bleiben konnte. In beiden Fällen hat
       Thurnher Aufklärung angekündigt.
       
       Auch in der Causa Weißmann bleiben viele Fragen offen. Da niemand den
       gesamten Sachverhalt kannte, war es dem früheren Generaldirektor ein
       leichtes, sich in Hintergrundgesprächen mit handverlesenen Journalisten und
       in großen Interviews in den Boulevardzeitungen Kurier und Kronen Zeitung
       als Opfer darzustellen. Die betroffene Mitarbeiterin hatte keine solche
       Bühne, weil sie anonym bleiben möchte.
       
       ## Die Chats
       
       Es stand Aussage gegen Aussage, die [5][Chats] blieben lange unter
       Verschluss – bis die betroffene Frau sie der Wochenzeitung Falter zuspielte
       und diese Teile davon wortwörtlich veröffentlichte. Die teilweise intimen
       Nachrichten lassen zumindest den Eindruck entstehen, dass Weißmann die
       Mitarbeiterin wiederholt bedrängte, was diese in mehreren Fällen deutlich
       zurückwies.
       
       Diskutiert wird seitdem weniger der Inhalt als die Frage der
       journalistischen Zulässigkeit. Andere Medien, denen die Chats ebenfalls
       vorlagen, verzichteten auf eine Veröffentlichung. Die Falter-Redaktion kam
       zum Schluss, dass eine Veröffentlichung sogar geboten sei: Wer selbst an
       die Öffentlichkeit trete und dabei eine andere Person belaste, könne sich
       nicht auf den Schutz seiner Privatsphäre berufen. Zudem stelle er nun
       Forderungen über Schadenersatz und Lohnfortzahlung in Millionenhöhe. Eine
       Gratwanderung bleibt es dennoch: Weißmanns Anwalt klagt und will die
       Herausgabe des Materials erzwingen, der Falter pocht auf das
       Redaktionsgeheimnis. Eine gerichtliche Entscheidung steht noch aus.
       
       Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft Wien Ermittlungen gegen die
       Mitarbeiterin und ihren Anwalt aufgenommen, wegen des Verdachts der
       schweren Erpressung und des Missbrauchs von Tonaufnahmen. Die Frau soll
       Gespräche mit Weißmann heimlich aufgezeichnet und Dritten vorgespielt
       haben.
       
       Laut Ermittlungsanordnung soll Weißmann mit der Vernichtung seiner
       wirtschaftlichen Existenz und gesellschaftlichen Stellung gedroht worden
       sein, sollte er nicht zurücktreten und Schadenersatz leisten. Die
       Staatsanwaltschaft bestätigte, dass ein hinreichender Anfangsverdacht
       gegeben sei.
       
       Inzwischen wurde die Wahl der nächsten Generaldirektion für die Periode ab
       2027 vorgezogen. Sie findet am 11. Juni statt, deutlich vor der von
       Medienminister Andreas Babler angekündigten Grundsatzdebatte über die
       Zukunft des ORF im Herbst. Damit wird die künftige Generaldirektion
       entschieden, bevor das neue Leitbild des Senders überhaupt erst feststeht.
       Gewählt wird vom 35-köpfigen Stiftungsrat in alter, parteipolitisch
       gefärbter Besetzung.
       
       5 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Israel-doch-beim-ESC-in-Wien/!6135592
 (DIR) [2] https://nichtmituns.net/
 (DIR) [3] /Misstrauensvotum-im-ORF/!6172337
 (DIR) [4] /Urteil-des-Verfassungsgerichtshofs/!5963827
 (DIR) [5] https://www.falter.at/podcasts/radio/20260423/die-weissmann-chats
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Florian Bayer
       
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