# taz.de -- Misstrauensvotum im ORF: Journalisten schlagen Alarm
> Die Krise des Österreichische Rundfunks legt strukturelle Probleme offen.
> Nun sprach der Redaktionsausschuss vier Mitgliedern des obersten
> Kontrollgremiums das Misstrauen aus.
(IMG) Bild: Roland Weißmann kritisiert die Vorverurteilung vonseiten der Medien und seinem Arbeitgeber
Ein Rücktritt des Generaldirektors, Intransparenz, Vorwürfe über ein
toxisches und sexistisches Arbeitsumfeld: Der österreichische Rundfunk ORF
steckt in der größten Krise seit Jahrzehnten. Nun sprach der
ORF-Redaktionsausschuss, also das gewählte Vertretungsgremium aller
ORF-Redakteur:innen, eine Misstrauenserklärung gegen vier Stiftungsräte
aus. Der 35-köpfige Stiftungsrat ist das oberste Kontrollgremium des
Medienhauses. Ein solcher Schritt ist beispiellos.
Die Krise begann mit dem Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann
Anfang März. Eine Mitarbeiterin hatte gegenüber den beiden
Stiftungsratsvorsitzenden angegeben, dass Weißmann sie 2022 sexuell
belästigt habe. Sie forderte unter anderem Weißmanns Rücktritt und legte
Beweismaterial in Form von Chats und Fotos vor. Die beiden Stiftungsräte
konfrontierten Weißmann damit und forderten ihn zum Rücktritt auf,
angeblich um Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Weißmann trat daraufhin
als Generaldirektor zurück, wies die Vorwürfe jedoch zurück und sprach von
einer freiwilligen, beidseitig gewollten Beziehung.
Wenige Tage später wählte der Stiftungsrat die frühere Journalistin und
Radiodirektorin Ingrid Thurnher einstimmig zur interimistischen
Generaldirektorin. Sie versprach umfassende Transparenz und Aufklärung,
davon ist jedoch bis heute nichts zu sehen. Weder sind die Vorwürfe gegen
Weißmann im Detail bekannt, noch die genauen Abläufe, die zu seinem
Rücktritt geführt haben.
Auch den eilig angefertigten Compliance-Bericht zur Causa Weißmann hält die
ORF-Führung unter Verschluss. Dieser kam zum Ergebnis, dass keine sexuelle
Belästigung „im rechtlichen Sinne“ vorliege. Dennoch kündigte der ORF die
Kündigung Weißmanns an, weil interne ethische Standards verletzt worden
seien. Der vollständige Compliance-Bericht liegt bisher jedoch nur bei
Thurnher. Der Stiftungsrat erhielt lediglich ein anwaltliches
Begleitschreiben mit Kernergebnissen, obwohl er ausdrücklich Einsicht
fordert.
## Widerspruch werde bestraft
Die fehlende Information führt zu reichlich Spekulationen – ebenjene wollte
das Medienhaus ja eigentlich vermeiden. Während die betroffene Frau
weitgehend im Hintergrund blieb, gibt sich Weißmann in
Hintergrundgesprächen und Zeitungsinterviews als Opfer. Er kritisiert eine
Vorverurteilung vonseiten Medien und seinem Arbeitgeber, denn in der
ORF-Presseaussendung vom 9. März ist von „Vorwürfen der sexuellen
Belästigung“ die Rede, bevor das entsprechend geprüft worden sei. Er klagt
auf Lohnfortzahlung und Schadenersatz. Streitwert: bis zu vier Millionen
Euro.
Weißmann erstattete zudem über seinen Anwalt Strafanzeige gegen die
Mitarbeiterin und ihren Rechtsbeistand, unter anderem wegen des Verdachts
der Erpressung. Die betroffene Frau wies seine Darstellungen zurück und
fordert ihrerseits Schutzmaßnahmen sowie 25.000 Euro Schadenersatz. Die
Causa droht damit zum jahrelangen Rechtsstreit auf mehreren Ebenen zu
werden.
Seit Bekanntwerden wurden zahlreiche weitere Vorwürfe sexueller Belästigung
und Machtmissbrauchs im ORF publik. Mehrere [1][Mitarbeiterinnen
berichteten gegenüber dem Magazin News] von systematischer Schikane,
ausgenutztem Machtgefälle und einem Arbeitsklima, in dem Widerspruch mit
Konsequenzen bestraft wurde. Das alles, obwohl der ORF über eine
Compliance-Stelle, einen Betriebsrat, eine Gleichbehandlungskommission und
eine Whistleblower-Hotline verfügt. Auch im Falle Weißmanns hat sich die
Mitarbeiterin, wie es heißt, bewusst nicht an diese internen Stellen
gewandt, was grundlegende Fragen zu deren Funktionsweise aufwirft.
Daneben schwelt ein strukturelles Problem, das der Weißmann-Rücktritt neu
entfacht hat: Interessenskonflikte im Stiftungsrat. Viele Mitglieder
arbeiten als PR-Berater, teils für ORF-Geschäftspartner oder
Konkurrenzmedien. Dabei unterliegen sie jedoch nicht den Compliance-Regeln,
die für ORF-Mitarbeiter:innen gelten. Ein weiteres Problem ist die
parteipolitische Besetzung: 21 der 35 Stiftungsräte werden direkt von
Bundesregierung, Landesregierungen und Parlamentsparteien entsandt.
ORF-interne Entscheidungen, allen voran zur Führung des Hauses, werden seit
jeher parteipolitisch ausgehandelt.
Besonders ins Visier geraten sind die beiden Vorsitzenden. Heinz Lederer
leitet den Stiftungsrat und gleichzeitig den roten „Freundeskreis“, also
die Gruppe der SPÖ-Stiftungsräte. Im österreichischen Lobbying-Register
erscheint er für 2025 mit zwölf Aufträgen und 280.000 Euro Umsatz. Seine
Auftraggeber nennt er nicht öffentlich. Dem Redaktionsausschuss zufolge
soll er beim Verkauf des ORF-Funkhauses die Interessen der Käuferin
vertreten und einen Beratungsvertrag mit dem Skiverband ÖSV unterhalten
haben, einem wichtigen ORF-Partner bei Übertragungsrechten.
## Druck auf Redaktion für zahlende Kunden
Sein Stellvertreter Gregor Schütze führt den ÖVP-nahen „Freundeskreis“ und
betreibt eine PR-Agentur. Ihre Kunden, darunter Casinos Austria, Mediaprint
und Raiffeisen, haben laut Redaktionsausschuss „massives Interesse daran,
ob und wie der ORF über sie berichtet“. Im April 2020 soll Schütze mehrfach
in der [2][ZiB-Redaktion für seinen Kunden Rewe interveniert haben], wenn
auch ohne Erfolg, wie es vonseiten des Redaktionsausschusses heißt.
Besonders brisant ist demnach ein Fall aus dem Sommer 2025. Der Präsident
der Wiener Ärztekammer bat seine beiden PR-Berater – Lederer und Schütze –
ihren Einfluss geltend zu machen, nachdem er mit der Berichterstattung im
ORF-Radio unzufrieden war. Schütze leitete das Schreiben „wie besprochen“
an Generaldirektor Weißmann weiter, von wo es zur Chefredaktion gelangte,
die die Vorwürfe zurückwies. Aufsichtsratsmitglieder nutzten also ihre Nähe
zum Generaldirektor, um für zahlende Kunden Druck auf die Redaktion
aufzubauen, wie der Redaktionsausschuss kritisiert. Lederer und Schütze
bestreiten, je redaktionell interveniert zu haben.
Der Redaktionsausschuss fordert nun eine Neuaufstellung des Stiftungsrates
mit fachlich unbestrittenen Expert:innen ohne politische Schlagseite.
Die neue ORF-Führung solle festgestelltes Fehlverhalten konsequent ahnden,
statt Berichte verschwinden zu lassen. Und die Bundesregierung wird
aufgefordert, die lang versprochene Entpolitisierung der Gremien
umzusetzen.
Für die Neubestellung der ORF-Führung ab 2027 dürfe es „keine anderen
Kriterien geben als Kompetenz, Erfahrung und eine überzeugende Vision“.
Diese Forderung überhaupt explizit stellen zu müssen, sagt einiges über den
Zustand des Hauses und seiner Aufsichtsgremien aus.
20 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.news.at/politik/machtmissbrauch-orf-weissmann-mitarbeiterinnen-stimmen-2026
(DIR) [2] https://www.derstandard.at/story/3000000316787/orf-redaktionsausschuss-spricht-vier-stiftungsraeten-misstrauen-aus?ref=nl
## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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