# taz.de -- Séance-Performance in Hamburg: „Die Geister, die wir rufen, kontrollieren wir auch“
       
       > Geister beschwören gegen die Monster der Gegenwart? Das versuchen Ruby
       > Behrmann und Barbara Schmidt-Rohr mit einer Séance im Hamburger
       > Heine-Haus.
       
 (IMG) Bild: Geister beschwören, die für das Publikum herumwüten: „Haunted“-Performerin Amanda Babaei Vieira
       
       taz: Ruby Behrmann, Barbara Schmidt-Rohr, wann ist Ihnen zuletzt ein Geist
       erschienen? 
       
       Barbara Schmidt-Rohr: Mir vor sechs Jahren. Ich hatte in meinem Leben zwei
       Geistererscheinungen, beide Male Menschen, die nicht lange davor verstorben
       sind. Solche Geschichten kenne ich von relativ vielen Leuten.
       
       taz: Muss ich als Zuschauer an Geister glauben? 
       
       Ruby Behrmann: Das ist keine Voraussetzung. Wir versuchen das Publikum
       vorzubereiten: Es gibt unterschiedliche Stationen, bis man dann in den
       Séance-Raum darf. Und im besten Fall lässt das Publikum sich dann ein auf
       Irrationalität.
       
       taz: Welche Rolle spielt der besondere Ort, das ehemalige Gartenhaus der
       Bankiersfamilie Heine? 
       
       Behrmann: Wir hatten Lust auf eine bestimmte Art von Aufführungsort, einen
       Salon aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Wir sind beim Heine-Haus
       gelandet und ich habe mit Beate Borowka-Clausberg gesprochen, [1][die das
       Haus betreut], das zum [2][Altonaer Museum] gehört. Sie sagte: Das gibt es
       ja nicht – ihr Mann, Professor für Kunstgeschichte, beschäftigt sich mit
       dem Thema Geister. Sie hat auch gleich noch erzählt, dass [3][Kaiserin
       Elisabeth – „Sissi“] – an Séancen teilgenommen hat; ihr sei sogar Heines
       Geist erschienen. Es gab also Berührungspunkte, fast ein bisschen spooky.
       
       Schmidt-Rohr: Eine interessante Geschichte haben wir relativ spät erfahren:
       Sofort nachdem er gestorben war, wurde Heine in der internationalen
       Séance-Szene als zukünftiger Wiedergänger und Geist gehandelt. Und er
       erschien dann auch in allen möglichen bürgerlichen Séancen, die seinerzeit
       sehr populär waren.
       
       Behrmann: Er selbst hätte das wohl für absoluten Spuk gehalten.
       
       Schmidt-Rohr: Er war ja eine sehr umstrittene Figur, auch damals schon.
       Seine romantischen Gedichte haben sie geliebt, aber ihn als politischen
       Kritiker abgelehnt. Er war der Teufel!
       
       taz: In den Augen von Konservativen und Nationalisten. 
       
       Schmidt-Rohr: Und der Teufel kann natürlich sehr gerne bei einer Séance
       erscheinen. Also, wir haben recherchiert und waren erstaunt darüber, wie
       gut das Haus passt. Wir haben eigentlich mit einem feministischen Thema
       angefangen, weil wir auf die „Fox sisters“ gestoßen waren: drei
       US-amerikanische Schwestern, die Mitbegründerinnen der öffentlichen Séancen
       …
       
       taz: … [4][manchen zufolge] die Erfinderinnen gleich des ganzen
       [5][Spiritismus], Mitte des 19. Jahrhunderts. 
       
       Schmidt-Rohr: Séancen waren in den USA nicht unbedingt eine bürgerliche
       Angelegenheit. Erst als das Phänomen nach Europa geschwappt ist, wurde es
       zu einem Unterhaltungsding in den Salons. Aber [6][es entstammt einem
       Volksglauben]. Das waren Versammlungen, nicht nur ein kleiner Zirkel um
       einen Tisch herum. Frauen haben da öffentlich gesprochen und teilweise sehr
       interessante Dinge erzählen dürfen, [7][progressive Positionen vertreten] –
       die Geister gingen dann durch sie hindurch.
       
       taz: Ist „Haunted“ nun der Versuch, eine richtige Séance durchzuführen –
       mit den Mitteln des Theaters? Oder eine Art Beforschung?
       
       Behrmann: Wir gehen da schon richtig rein. Das Publikum wird in eine Séance
       hineingezogen. Wobei es nicht darum geht, eigene Verstorbene zu rufen. Das
       könnten wir, glaube ich, emotional nicht auffangen.
       
       Schmidt-Rohr: Ich habe einem Freund davon erzählt, der hat gesagt: Da komme
       ich – und rufe [8][Jimi Hendrix]. Den wollte ich immer schon mal fragen,
       was er damals für ein Riff gespielt hat. Da haben wir gesagt: nein!
       
       Behrmann: Wir betrachten das Ganze schon auch aus einer politischen
       Perspektive. Uns geht es darum, Geister zu rufen, um dem Verrückten auf
       dieser Welt zu begegnen, dem Monströsen. Im besten Fall geht man raus mit
       einem Gefühl von: Da sind Geister, die für mich herumwüten!
       
       Schmidt-Rohr: Wir wollen eine Séance inszenieren. Das Publikum ist Teil
       dieser Inszenierung. Wir rufen aber nicht irgendwelche Geister. Die
       Geister, die wir rufen, kontrollieren wir auch.
       
       15 Jun 2026
       
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