# taz.de -- Rechter Talkshowhost: Tucker Carlson ist für Linke kein Verbündeter
> In einem Interview schlägt Tucker Carlson scheinbar linke Töne an, vor
> allem in Außen- und Wirtschaftspolitik. Fallt nicht drauf rein!
(IMG) Bild: Tucker Carlson hat nach dem Irankrieg mit Trump gebrochen
Lasst uns weniger über „race“ und Gender reden und mehr über die Nato und
die Kapitalertragsteuer. Einen solchen Appell konnte man am Wochenende von
dem [1][rechten Talkshow-Host Tucker Carlson] hören, den eine Reporterin
der New York Times [2][ausführlich interviewte]. „Das ist der falsche
außenpolitische Kurs. Dieses Wirtschaftssystem schadet jungen Menschen“,
sagte Carlson – und darum solle es in der öffentlichen Debatte wirklich
gehen. Carlson, so mutmaßen manche, könnte 2028 selbst das Präsidentenamt
anstreben. Auch wenn er das noch pflichtschuldig leugnet.
Wir reden hier von jenem Tucker Carlson, der 2003 noch den Irakkrieg
unterstützte und heute von seiner Läuterung spricht. Der auf seinem
Kreuzzug gegen die Neokonservativen in Washington auch nicht davor
zurückscheut, sich in Moskau von Wladimir Putin die Welt erklären zu
lassen. Jener Carlson, der Trump noch im letzten Wahlkampf unterstützte,
nach dem US-israelischen Angriff auf Iran aber öffentlich mit ihm brach.
Er weiß, was er tut, wenn er jetzt den kaum subtilen Aufruf zur Querfront
in der New York Times unterbringt, wo neben dem liberalen Stammpublikum der
Zeitung auch einige Linke zuhören. Auf Letztere kann ein solcher Aufruf
durchaus ansprechend wirken. Besonders wenn sich die Demokraten in ihrer
grenzenlosen Weisheit entscheiden sollten, im Präsidentschaftswahlkampf mit
einer Kamala Harris 2.0 oder gar mit dem Original anzutreten (sie erwägt
offenbar eine erneute Kandidatur).
Carlson – oder ein anderer MAGA-Kandidat – könnte den Linken dann ein
verlockendes Angebot machen: Lasst uns zusammen arbeiten für die
Restaurierung der heimischen Wirtschaft und gegen die zerstörerischen
Kriege. Schließen wir die Reihen gegen den elitären Blob in der Hauptstadt.
## Instrumentalisierung der Palästinenser
In den vergangenen Monaten konnte man diese Quersympathien bereits mit
Blick auf Israel/Palästina beobachten. So macht Carlson regelmäßig auf die
[3][israelischen Verbrechen in Gaza, im Libanon oder in Iran] aufmerksam.
Während die Trump-Regierung Völkermord und Vertreibung unterstützt, nutzt
Carlson seine Plattform, um das zu skandalisieren. Das rechnen ihm einige
in der palästinasolidarischen Ecke hoch an.
Doch Carlsons Israelkritik mieft. Zuhörer dürfen mit Recht bezweifeln, dass
er jüngst sein Mitgefühl und seine Solidarität für arabische Zivilisten
entdeckt hat. Sein Fokus liegt vielmehr vor allem auf den palästinensischen
Christen und ihrem Leid – das zweifelsfrei real ist.
Doch dieses Leid nutzt nun [4][der Christ Carlson], um seine eigenen
religiösen Wertvorstellungen gegen eine vermeintlich jüdisch-israelische
Moral in Stellung zu bringen. Die Einäscherung Gazas ist für ihn eine
alttestamentarische Kollektivbestrafung – eine Praxis, die das Christentum
mit dem Universalismus des Neuen Testaments überwunden habe.
Carlson instrumentalisiert so die Palästinenser, um seinen eigenen
[5][christlichen Nationalismus] zu formen. Und der bietet
selbstverständlich keinen Platz für neue Migranten, schon gar nicht aus
„fremden Kulturkreisen“.
## Kuschelinterview mit Neonazi
Da hilft es auch kaum, wenn Carlson jetzt der NYT sagt, es sei eine
„Ablenkung“ gewesen, dass er den Neonazi und Holocaustleugner Nick Fuentes
zum Kuschelinterview empfangen hat. Der betreibe zu viel Kulturkampf, meint
Carlson, aber nicht ohne hinzuzufügen, dass „race“ durchaus ein wichtiges
Konzept sei: „Es ist kein soziales Konstrukt. Es ist eine biologische
Realität. Es gibt ethnische („racial“) Unterschiede, echte ethnische
Unterschiede. Sie sind zwar viel geringer als Geschlechterunterschiede,
aber dennoch real.“ Ah ja. Wie war das jetzt noch mal mit dem „christlichen
Universalismus“?
Schließlich ist Carlson auch in Wirtschaftsfragen kein Verbündeter. Es ist
ja schön, dass er nach eigener Aussage Sympathien für die
Occupy-Wall-Street-Bewegung 2008 hatte. Doch sein rechter Populismus bleibt
am Ende immer bei einer Kritik gewisser Eliten stehen, ohne sich ernsthaft
mit der Ausbeutung von Arbeit zu befassen.
Statt Klassenanalyse präsentiert er ein neues nationales „Wir“, während er
das Sozialprogramm von New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani
erklärtermaßen „komplett“ ablehnt. Carlson bezeichnete Mamdani letztes Jahr
noch als „im Ausland geborenen Dummkopf“.
So viel zur linken Anschlussfähigkeit von Tucker Carlson. Sollte er oder
eine Version von ihm 2028 kandidieren, bleibt nur zu hoffen, dass die
Demokraten es schaffen, ihn trotz alledem nicht noch gut aussehen zu
lassen.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurde Carlson
als „Katholik“ bezeichnet. In Wahrheit ist Carlson jedoch episkopal
getauft. Wir haben den Fehler im Text korrigiert.
4 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Umstrittener-US-Moderator/!5929806
(DIR) [2] https://www.nytimes.com/2026/05/02/magazine/tucker-carlson-interview-trump-iran.html
(DIR) [3] /MAGA-Influencer-kritisieren-Irankrieg/!6169726
(DIR) [4] /Evangelikale-US-Christen-und-Irankrieg/!6162022
(DIR) [5] /Oberster-US-Terrorbekaempfer-tritt-zurueck/!6163697
## AUTOREN
(DIR) Leon Holly
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