# taz.de -- Neurowissenschaft: Kreativität kann dabei helfen, besser mit Schmerz umzugehen
> Malen, Musizieren und Schreiben aktivieren jene Areale im Gehirn, die
> auch Schmerz verarbeiten. Das könnte Menschen mit chronischen Leiden
> helfen.
(IMG) Bild: Steckt da Kreativität gegen Schmerz in dem Kopf?
Sie kennen ihn vermutlich: den Mythos vom „[1][leidenden Künstler]“. Die
Vorstellung, dass große Kunst aus Schmerz und Leid entsteht, ist tief in
unserer Kultur verankert. Man denke nur an Vincent van Gogh, der sich nach
einem Streit sein linkes Ohr abschnitt.
Doch muss man tatsächlich leiden, um kreativ zu sein? Ein Forschungsteam
kam zu einem überraschenden Ergebnis: Möglicherweise ist es genau
umgekehrt. Kreative Prozesse könnten dabei helfen, besser mit Schmerz
umzugehen.
## Die Studie
Kreative Prozesse und Schmerzverarbeitung beruhen auf ähnlichen neuronalen
Mechanismen – zu diesem Schluss kommt ein Autorenteam unter der Leitung von
Radwa Khalil von der Constructor University Bremen. [2][Die Studie]
erschien im Jahr 2026 im Fachjournal Neuroscience and Biobehavioral
Reviews.
Um die These zu verstehen, lohnt ein Blick darauf, wie Schmerz überhaupt
entsteht. Schmerz ist kein reines Gefühl, sondern eine Wahrnehmung mit zwei
Anteilen: einer sensorischen Komponente, die Art, Ort und Intensität
erfasst, und einer emotionalen Komponente, die bestimmt, wie unangenehm der
Schmerz erlebt wird.
Die Schmerzsignale werden vom Körper über das Rückenmark zum Gehirn
weitergeleitet, wo das bewusste Schmerzempfinden entsteht. Gerade weil die
emotionale Bewertung so entscheidend ist, lässt sich Schmerz auch über
Sinnesreize beeinflussen: angenehme visuelle oder musikalische Eindrücke,
etwa Bilder einer geliebten Person, können die wahrgenommene
Schmerzintensität nachweislich verringern.
An genau diesem Punkt setzen kreative Tätigkeiten an. Malen, Schreiben,
Musik oder Tanz wirken auf zwei Wegen schmerzlindernd: Zum einen lenken sie
die Aufmerksamkeit vom Schmerz weg, zum anderen aktivieren sie die
Belohnungssysteme des Gehirns und setzen Dopamin und Noradrenalin frei.
Entscheidend ist dabei, dass die beteiligten Hirnregionen weitgehend
dieselben sind, die auch an der Schmerzverarbeitung mitwirken – sie steuern
Sinnesverarbeitung, Emotionen und Denken. Diese Überschneidung wird
besonders bei chronischen Schmerzen bedeutsam, da diese die genannten
Netzwerke nachhaltig verändern. Weil [3][kreative Arbeit] dieselben Areale
anspricht, könnte sie helfen, die gestörten Aktivitätsmuster auszugleichen.
## Was bringt’s?
Einen neuen Zugang zur Schmerzbehandlung. Kreative Tätigkeiten könnten
künftig als ergänzende Therapie in der Schmerzmedizin an Bedeutung gewinnen
– möglicherweise auch über chronische Schmerzen hinaus, etwa bei [4][ADHS]
oder Autismus. Die Kunsttherapie zum Beispiel ist schon heute in einigen
Bereichen etabliert und in medizinischen Leitlinien teilweise verankert.
Dort wird sie häufig zusammen mit Musik-, Tanz- oder Theatertherapie
genannt.
15 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gespraech-mit-Billy-Childish/!5923315
(DIR) [2] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41864252/
(DIR) [3] /Arbeiten-im-Kulturbereich/!6147758
(DIR) [4] /ADHS-im-Alltag/!6175821
## AUTOREN
(DIR) Sofia Zharinova
## TAGS
(DIR) Zukunft
(DIR) wochentaz
(DIR) Hirnforschung
(DIR) Schmerzen
(DIR) Kreativität
(DIR) Neurodivergenz
(DIR) Neurologie
(DIR) Gehirn
(DIR) wochentaz
(DIR) Zukunft
(DIR) Klimaforschung
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Studie zu Artenvielfalt: Wie der Regenwald sich selbst heilt
Jedes Jahr schrumpfen Regenwälder und mit ihnen die Artenvielfalt. Aber sie
können sich regenerieren – und dafür muss der Mensch gar nicht viel tun.
(DIR) Kürzere Geburten: Alles eine Frage des Timings!
Die innere Uhr lenkt viele Prozesse in unserem Körper. Eine neue Studie
zeigt nun: Sie scheint auch die Geburt zu beeinflussen.
(DIR) Meeresforschung: Warum der Nordatlantik eine Hitzewelle nicht vergisst
Der Sommer 2003 war besonders heiß. Die Auswirkungen spüren Kabeljau,
Makrele und Buckelwal auch zwanzig Jahre später noch.