# taz.de -- Berichterstattung über das Hantavirus: Das nächste Virus geht schon viral
       
       > Fast kein Thema wurde diese Woche so viel besprochen wie das Hantavirus.
       > Dabei sollten Medien darauf achten, keine alten Ängste zu reaktivieren.
       
 (IMG) Bild: Wecken Erinnerungen: Menschen in Schutzanzügen bei der Evakuierung der „MS Hondius“-Passagiere am 12. Mai in Eindhoven
       
       Hantavirus-Ausbruch: Droht jetzt ein Szenario wie zu Corona-Zeiten?
       Virologe gibt klare Einschätzung“, [1][titelt das Onlinemagazin] Merkur.
       Focus Online und RTL.de schalten Liveticker. Nach Bekanntwerden der Fälle
       auf dem Schiff „[2][MS Hondius]“ veröffentlicht die „[3][Tagesschau“ einen
       langen Beitrag inklusive Expert*innenbefragung]. Die BBC spricht mit dem
       Reiseinfluencer Jake Rosmarin, der Passagier auf dem Expeditionsschiff war,
       wo es zu einem Ausbruch kam. „Seit Tagen redet alle Welt über das
       Hantavirus“, [4][beginnt ein Text] der Zeit. Stimmt das?
       
       Wer aktuell Nachrichten konsumiert oder durch Social Media scrollt, wird
       schnell mit dieser Frage konfrontiert. Die Liste an Schlagzeilen ließe sich
       problemlos fortführen. Ja, auf der „MS Hondius“ ist ein Virus ausgebrochen,
       und es sind, Stand Freitag, drei Menschen gestorben, weitere sind
       infiziert.
       
       [5][Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, für eine weitere
       Pandemie eigne sich das Virus nach aktuellem Stand nicht]. Hantaviren
       werden meist über Ausscheidungen von Nagetieren übertragen und verbreitet
       sich nicht so leicht zwischen Menschen wie Covid.
       
       Trotzdem entsteht das Gefühl, als beginne gerade wieder etwas – eine
       Pandemie? Rosmarin dokumentiert auf Social Media seine 42-tägige Quarantäne
       in Nebraska. Er zeigt sein Zimmer, freut sich über eine
       Starbucks-Bestellung, filmt Malhefte, die ihm Freund*innen geschickt haben.
       Sein erstes Video vom Schiff nach dem Ausbruch erzielte Millionen Klicks.
       Hunderttausende verfolgen nun täglich seine Vlogs.
       
       Eigentlich ist das ein routinierter Vorgang im Umgang mit einem
       Krankheitsausbruch: Menschen werden isoliert, beobachtet, medizinisch
       betreut. Aber die Öffentlichkeit betrachtet diese Bilder nicht neutral. Sie
       erinnern an Masken, Isolation und Fieber messen. Menschen in Schutzanzügen.
       
       ## Witze über leere Supermarktregale
       
       Schlechte Beleuchtung in Quarantänezimmern. Auf Tiktok werden wieder
       Lockdowntänze ausgekramt. Nutzer*innen machen Witze über leere
       Supermarktregale oder darüber, ob es sich lohnen würde, jetzt schon ein
       Testzentrum aufzumachen.
       
       Die Coronapandemie hat nicht nur politische und gesellschaftliche Spuren
       hinterlassen, sondern auch eine Bildsprache. Diese wird jetzt reaktiviert.
       
       Das eigentliche Phänomen ist deshalb nicht das Hantavirus, sondern das
       Tempo, mit der sich seine Erzählung verbreitet. Oft reichen wenige
       Informationen, um alte Reflexe auszulösen. Die Pandemie steckt noch tief im
       kollektiven Kurzzeitgedächtnis – und in den Archiven der Plattformen.
       
       Social Media funktionieren über Wiedererkennbarkeit und Emotion. Ein
       Kreuzfahrtschiff mit Quarantäne, Todesfällen und unklarer Lage liefert
       dafür perfektes Material. Dramatische Geschichten erzeugen Aufmerksamkeit,
       Aufmerksamkeit erzeugt Reichweite, Reichweite wiederum produziert noch mehr
       Inhalte.
       
       Parallel zu den eher harmlosen, fast schon nostalgischen Memes laufen die
       bekannten Mechanismen der Desinformation wieder an. Es kursieren zahlreiche
       Verschwörungserzählungen. Dass das Virus in einem Labor hergestellt worden
       sei. Dass Behörden Informationen zurückhalten würden. Manche posten Videos,
       die wie Wärmebildaufnahmen aussehen, und behaupten, das Virus könne man
       erkennen, falls eine grüne Farbe zu sehen sei.
       
       Diese Muster kommen uns auch deshalb bekannt vor, weil die Infrastruktur
       dafür nie verschwunden ist.
       
       Die Coronapandemie habe ein ganzes Ökosystem an Influencern hervorgebracht,
       die ihre Reichweite mit Desinformation zu Gesundheitsthemen aufgebaut
       hätten, schreibt die New York Times. Während Corona entstanden
       Telegram-Kanäle, alternative „Experten“-Communitys und
       Social-Media-Profile, die aus Misstrauen ein Geschäftsmodell machten. Diese
       Accounts generieren nun bei Meldungen zum Hantavirus wieder viel
       Aufmerksamkeit.
       
       Hinzu kommt KI. Gefälschte Bilder, dramatische Videos oder vermeintliche
       Augenzeugenberichte lassen sich in wenigen Sekunden produzieren und fluten
       alle Kanäle.
       
       ## Unkritisch Informationen übernommen
       
       Die klassischen Medien sollten hier eigentlich dagegenhalten und Ruhe
       bewahren. Aber auch hier wirken die globale Pandemie und ihre Aufarbeitung
       bis heute nach und beeinflussen die Berichterstattung über das Hantavirus.
       Viele Redaktionen mussten sich später vorwerfen lassen, die Gefahr des
       Coronavirus anfangs unterschätzt und im Laufe der Pandemie teilweise zu
       alarmistisch berichtet zu haben.
       
       Viel Kritik gab es auch daran, die Medien seien ihrer Watchdog-Funktion
       nicht nachgekommen und hätten demzufolge unkritisch Informationen etwa von
       Politiker*innen und Gesundheitsbehörden übernommen.
       
       Heute wirken die Schlagzeilen teilweise so, als wolle man dieses Mal auf
       jeden Fall vermeiden, etwas zu spät gewusst zu haben.
       
       Vielleicht werden deshalb bereits bei vergleichsweise wenigen bekannten
       Fällen große Erklärstücke produziert und Liveticker gestartet – auch aus
       Konkurrenzdruck und wegen des Verlusts an Vertrauen in Medien und
       Institutionen seit der Pandemie.
       
       Kann man diesen Vertrauensverlust jemandem verübeln, wenn in der Realität
       mit Robert F. Kennedy Jr. in den USA ein Impfgegner und
       Verschwörungsideologe [6][Gesundheitsminister] geworden ist oder die
       Bundesregierung unter Jens Spahn während der Pandemie Milliarden Masken für
       die Tonne einkaufte? Oder wenn die Pandemie für viele nicht wie für andere
       vorbei ist, etwa für von der schweren postviralen Krankheit ME/CFS
       Betroffene. Sie beklagen fehlende Forschung und machten erst kürzlich mit
       einer „Liegend-Demo“ wieder darauf aufmerksam, dass ihr katastrophaler
       Gesundheitszustand kaum öffentliche Beachtung findet.
       
       Eine selbstkritische Fehlerkultur bei der medialen Begleitung dieser Themen
       wäre angebracht. Dazu gehört, zu zeigen, wo die Medien selbst Teil des
       Systems waren, weil sie über ein Ereignis berichteten, das sie selbst so
       betraf wie ihr Publikum.
       
       Dazu gehört auch, wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst klar zu
       vermitteln und zwischen vorläufigen Hypothesen und belastbaren
       Informationen zu unterscheiden. Vor allem aber hieße das: Ruhe bewahren.
       Bisher gibt es insgesamt elf Fälle, davon drei Todesfälle. Wie darüber
       berichtet wird, sollte nicht im Breaking-News-Modus entschieden werden.
       
       16 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.merkur.de/welt/corona-hantavirus-auf-kreuzfahrtschiff-virologe-mit-klarer-einschaetzung-wie-damals-94301682.html
 (DIR) [2] /-Entwicklungen-zum-Hantavirus-/!6178224
 (DIR) [3] https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1584448.html
 (DIR) [4] https://www.zeit.de/gesundheit/2026-05/hantavirus-kreuzfahrt-infektion-virus-uebertragung-faq
 (DIR) [5] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/hondius-hantavirus-who-100.html
 (DIR) [6] /Sparen-im-Gesundheitssystem/!6172418
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ann-Kathrin Leclère
       
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       Der Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer hat die Berichterstattung
       großer Medienhäuser in der Pandemie untersucht. Die ausgewerteten Daten
       sind überraschend.