# taz.de -- Trendsport Tischtennis: Tischi mit Punkrock
> Auch in der Hamburger Subkultur wird gern zum Schläger gegriffen: ein
> Tischtennisabend beim „Punkerstammtisch mit Rundlauf“ im Hafenklang.
(IMG) Bild: Am Anfang geht es an der Platte im Hafenklang noch zahm zu
Um das Hafenklang herum gibt es kaum Wohnraum, dafür links ein Möbelhaus,
rechts ein Design-Einkaufszentrum und gegenüber einen Raumausstatter. Mit
seiner alten Backsteinfassade und den schlampig aufgeklebten
Konzertplakaten passt der Club nicht zur örtlichen Idee eines
Nobelgewerbegebiets. Man könnte auch sagen: Er sticht heraus.
Durch den zugestickerten Eingang geht es die Treppen hoch in den
sogenannten Goldenen Salon, dem kleineren von zwei Konzerträumen. Es ist
ein räudiger Montag, es regnet und es ist dunkel – erst um 21 Uhr werden
die Türen geöffnet. Für einen Montag in einer durchschnittlichen
Arbeitswoche ist das spät, für eine Veranstaltung mit dem Namen
„Punkerstammtisch mit Tischtennis-Rundlauf“ wiederum nicht.
Im Goldenen Salon ist rechts eine Bar, vorne eine Bühne, in der Mitte eine
Fläche für die Besucher*innen und etwas abgetrennt dahinter ein Separee
mit alten Ledersesseln und Tisch – bei Konzerten verkaufen sie dort die
Bandshirts der Punk-, Hardcore- und Experimentalbands, die an anderen Tagen
im Hafenklang spielen. Aber heute ist kein Konzert, sondern Tischtennis.
Und deshalb steht mitten im Raum eine Tischtennisplatte und auf der Bühne
steht ein Pult für die beiden DJs. Alles ist in rot-braunes Licht getaucht.
Bis 22 Uhr füllt sich der Raum mit zumeist paarweise eintrudelnden Menschen
mittleren Alters. Es sind ganz normale Hipster, Individualisten und
Post-Ökos. Nur Punks sind augenscheinlich fast keine dabei, allenfalls mal
ein Mensch in Schwarz oder jemand mit Nietengürtel. Die
Geschlechterverteilung entspricht dem demografischen Durchschnitt.
Auffällig ist, dass geraucht wird. Aber mehr noch als der Rauch ummantelt
die Musik die Anwesenden: sehr lauter Hardcore-Punk prügelt aus den Boxen,
aggressiv und düster. Einem Abgrund entsprungen, in den man lieber nicht
schauen möchte.
Macht aber nix. Denn die Leute [1][sind zum Tischtennisspielen da], zwei
stehen schon an der Platte und haben sichtlich Spaß dabei. Ein Wettkampf
findet nicht statt. Erst mal.
Mit der Zunahmen an Menschen wird die Musik sanfter, wechselt ins
Punkrockige, lädt ein, sich zu bewegen. Das tun die Leute und versammeln
sich nach und nach um die Platte zum Rundlauf. Neun, zehn Leute sind es
meist, die sich um die Platte bewegen, nachdem sie sich aus der Schachtel
am Fenster einen Schläger geholt haben. Nicht alle der Schläger haben noch
einen Belag, und die, die noch einen haben, sind gerade dabei, ihn zu
verlieren.
Rundlauf heißt: Eine*r macht Angabe, eine*r spielt zurück. Dann laufen
alle im Kreis um die Platte und jed*r ist mal dran mit dem Zurückspielen.
Wer das nicht schafft, scheidet sofort aus. Die letzten beiden spielen ein
Finale, wer zuerst drei Punkte hat, gewinnt.
Interessant ist die Frage, wie viel Ehrgeiz die Beteiligten in das Spiel
mitbringen. Beim Punkerstammtisch ist die ungeschriebene Regel: In der
Rundlaufphase werden keine fiesen Bälle gespielt. Jede*r spielt möglichst
harmlos, niemand will andere raushauen. Erst im Finale kommt so etwas wie
Wettbewerb auf, erst da packen die Leute aus, was sie können. Aber es gibt
eine Regel: Wer das Finale verliert, kriegt einen Schnaps (Oldesloer). Der
Gewinner kriegt nix.
Gespielt wird mal mit Bierflasche, mal mit Zigarette in der Hand. Einer ist
auf Krücken unterwegs, das Bein ist geschient. Er läuft trotzdem mit, was
lustig aussieht, aber nicht lange gut geht – beim zweiten Ballkontakt ist
Schluss.
Das Gute ist: Man kommuniziert automatisch miteinander. So weit es geht
sogar in Form des gesprochenen Wortes: Ein Satz wie „Verlierer kriegt
Schnaps, muss aber nicht“ geht, aber für längere Wortwechsel ist die Musik
zu laut. Viele greifen deshalb auch auf Zeichensprache zurück.
Während drinnen gespielt wird, leuchten draußen die Hafenkräne und die
Schiffe fahren die Elbe entlang. Man kann ihnen durch die nicht ganz frisch
geputzten Fenster dabei zusehen. [2][Das Hafenklang existiert schon ewig]
und hat vergangenes Jahr mal wieder zwei Auszeichnungen beim Hamburger
Clubaward bekommen, es gewann in den Kategorien „Bester Club“ und „Beste
Nachwuchsförderung“. „Bestes Sportprogramm“ war nicht dabei. Aber das kann
noch werden.
18 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Tischtennis-im-Trend/!6148153
(DIR) [2] /Konzertclub-kaempft-gegen-die-Pleite/!6025612
## AUTOREN
(DIR) Klaus Irler
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Kolumne Großraumdisco
(DIR) Tischtennis
(DIR) Clubszene
(DIR) Hamburg
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Kolumne Großraumdisco
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Metal-Kneipe in Straubing: Subversiv in Niederbayern
Wer im mittelalterlich geprägten Straubing nach Subkultur sucht, findet sie
auch. Es gibt ein Leben jenseits des Biergartens: die Metal-Kneipe Hanne's
Chaos.
(DIR) Treffen in der Hamburger Handelskammer: Charity und die deutschen Tugenden
Die Hamburger Handelskammer lädt zum Ukraine-Business-Forum ein. Dort geht
es in erster Linie um Investmentsicherheit, aber auch um Tränen und Moral.
(DIR) Freiburger Hausberg Schauinsland: Wenn die Gondeln Wanderer tragen
Auf den Freiburger Hausberg Schauinsland fährt eine alte Seilbahn.
Natürlich kann bei der Fahrt überhaupt nichts passieren.
(DIR) Mit Country sich der Welt stellen: Verlassen werden, saufen, schlecht drauf sein
Das Oklahoma Lone Star Heartbreak Institute feiert Jubiläum. Beim Konzert
im Berliner Monarch zeigt die Band, dass man Country-Musik gern haben muss.