# taz.de -- Gewerkschaften in den USA: Klasse sucht Kampf
       
       > In den Vereinigten Staaten organisieren sich junge
       > Arbeitnehmer:innen gegen prekäre Arbeit und soziale Ungleichheit –
       > und entdecken Gewerkschaften als politische Kraft neu.
       
 (IMG) Bild: Bernie Sanders bei der Kundgebung „Union Now“ in New York. Gewerkschaften werden in den USA wieder zur politischen Bühne
       
       Ein schmuckloser Kellerraum der Bibliothek von Kensington, einem ethnisch
       bunten Viertel von Brooklyn, das gefühlt viel weiter als die geografischen
       20 Kilometer von Manhattan entfernt ist. Linoleumfußboden, feuerfeste
       Wandfarbe, keine Fenster. Um drei große Tische sitzen an einem verregneten
       Samstag 16 junge Menschen, niemand über 30, mit gezückten Notizblöcken und
       lauschen aufmerksam einer Powepoint-Präsentation.
       
       Eric Birnbach, ein altgedienter [1][Gewerkschafter] mit grauen Haaren und
       hochgekrempelten Hemdsärmeln, erklärt die Schritte zur Arbeiterorganisation
       am Arbeitsplatz. Wie kommt man mit Mitarbeitern ins Gespräch? Wie erfährt
       man ihre Sorgen und Probleme? Wie überzeugt man sie davon, etwas zu tun?
       Wie kontert man die Einwände der Bosse? Und schließlich der schwerste
       Schritt: Wie überzeugt man sie davon, sich einer Gewerkschaft
       anzuschließen?
       
       Birnbach ist Mitglied der Democratic Socialists of America (DSA), der
       Partei von Bernie Sanders, Alexandria Ocasio-Cortez und Zohran Mamdani, des
       neuen linken Bürgermeisters von New York. Die Versammlung ist Teil eines
       Programms der Partei namens Ewoc – Emergency Workers Organizing Committee.
       Dabei werden Arbeitnehmer geschult, sich am Arbeitsplatz selbst zu
       organisieren, um ihre Rechte zu vertreten, ohne dass eine Gewerkschaft
       beteiligt ist. „Ewoc schließt eine riesige Lücke“, erklärt Birnbach. Die
       Gewerkschaften in den USA seien zu klein und zu schwach, um
       Arbeiter:innen überall zu erreichen – die demokratischen Sozialisten
       helfen nach.
       
       „Die Arbeiterbewegung in den USA ist in einer schweren Krise“, erklärt
       Birnbach nach der Schulung, der die Geschichte der amerikanischen
       [2][Arbeiterbewegung] studiert hat und sich seither in der größten
       Gewerkschaft des Landes, der AFL-CIO, engagiert. Gerade einmal 9 Prozent
       der amerikanischen Arbeitnehmer seien organisiert, im privaten Sektor seien
       es nur 6 Prozent. Gleichzeitig würden die Arbeitsbedingungen für Amerikaner
       immer schlechter. Die Gig-Economy oder das, was Arbeiterführer „Fissuring“
       nennen – die Atomisierung der Arbeiterschaft – leistet ganze Arbeit. Hinzu
       komme eine Regierung, die zwar behaupte, auf der Seite der
       Arbeiter:innen zu stehen, aber das Gegenteil tue.
       
       Doch wenn Birnbach im Kellerraum der Bibliothek von Kensington umherschaut,
       macht ihm das trotz allem Mut. Hier sitzen dieselben jungen Leute, die sich
       im Wahlkampf für Zohran Mamdani engagiert haben. Junge Menschen, die bereit
       sind, etwas zu tun. Und nicht nur das. Es sind junge Leute, denen der gute
       alte Klassenkampf wichtig ist. Denen soziale Gerechtigkeit etwas bedeutet
       und die sich fragen, wo sie anpacken können.
       
       Die angehenden Arbeiterführer, die nach Kensington gekommen sind, arbeiten
       in Restaurants, Kneipen, in Nachtclubs oder im Einzelhandel. Eine ältere
       Frau, eine Professorin, ist auch dabei, sie möchte an der Uni, wo es für
       Akademiker:innen immer schwieriger wird, ihren Lebensunterhalt zu
       bestreiten, die Kolleg:innen mobilisieren. Und ein afroamerikanischer
       Mann mittleren Alters ist da, der für einen multinationalen Konzern
       arbeitet und nach Ansätzen sucht, in einem Riesenunternehmen Solidarität
       unter den Arbeitnehmern herzustellen.
       
       Sie sind Teil einer Sympathiewelle für Gewerkschaften und Arbeiterbelange,
       die nun seit rund zehn Jahren anhält und stetig wächst. Getragen wird sie
       vor allem von der jungen Generation. Im nationalen Durchschnitt stehen 68
       Prozent der Amerikaner Gewerkschaften positiv gegenüber. Unter Gen Z
       Angehörigen sind es 72 Prozent.
       
       Birnbach führt das wachsende Interesse junger Menschen vor allem auf ihre
       eigene ökonomische Unsicherheit zurück. Der Arbeitsmarkt für Millennials
       und Gen Z in den USA ist derzeit verheerend. Arbeitgeber sind nicht dazu
       bereit, in den Nachwuchs zu investieren, weil der ökonomische Ausblick
       unter US-Präsident Donald Trump extrem ungewiss ist. Gleichzeitig frisst
       schon jetzt KI in großem Ausmaß Jobs, insbesondere für gebildete junge
       Menschen.
       
       Doch die schwierige wirtschaftliche Lage ist nicht der einzige Grund, warum
       junge Amerikaner:innen sich für die Arbeiterbewegung interessieren. Es
       ist auch eine wachsende Einsicht, dass die Wirtschaft das zentrale Thema
       ist, an dem es anzudocken gilt, wenn man in den USA soziale Veränderung
       herbeiführen möchte.
       
       In einem Café an der hippen Lower East Side von Manhattan sitzt E. D., die
       ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Seit einem Jahr arbeitet sie
       hauptberuflich für die CPU-UAW, eine Gewerkschaft für Ärzte in Ausbildung.
       E. D. spricht an großen Krankenhäusern mit angehenden Medizinern,
       dokumentiert ihre Arbeitsbedingungen und informiert sie über die
       Möglichkeiten und Vorteile gewerkschaftlicher Organisation.
       
       Zuvor hatte die 26-Jährige in der Universitätsverwaltung gearbeitet und
       sich dort stark in der propalästinensischen Bewegung engagiert. Seit dem
       Sommer der großen Campusproteste und der teils brutalen Räumungen vor zwei
       Jahren sei politische Arbeit an US-amerikanischen Universitäten jedoch
       deutlich schwieriger geworden. Viele Hochschulen und Kommunalverwaltungen
       hätten sich dem Druck der Trump-Regierung gebeugt und die Rede- und
       Versammlungsfreiheit massiv eingeschränkt. „Ich habe mich gefragt, worauf
       es wirklich ankommt“, sagt E. D. „Und am Ende bin ich bei Arbeit und
       wirtschaftlicher Ungerechtigkeit gelandet.“
       
       Das Gefühl, durch Gewerkschaften an einem größeren gesellschaftlichen
       Wandel mitzuwirken, spielt für die neue Begeisterung vieler junger Menschen
       für die Arbeiterbewegung eine zentrale Rolle. Das alte Bild korrupter
       Funktionäre, die in Hinterzimmern um minimale Lohnerhöhungen feilschen,
       verliert an Bedeutung. Stattdessen gelten Gewerkschaften zunehmend wieder
       als Orte politischen Widerstands gegen soziale Ungleichheit, Oligarchie und
       autoritäre Tendenzen.
       
       Dazu haben die demokratischen Sozialisten maßgeblich beigetragen. Bernie
       Sanders war schon in seiner Zeit als Bürgermeister in Vermont
       Gewerkschafter und hat bei seiner Präsidentschaftskandidatur 2016 ein Heer
       junger Anhänger elektrisiert. Alexandra Ocasio Cortez hat ökonomische
       Gerechtigkeit ins Zentrum ihrer Politik gestellt und mit der Tatsache, dass
       sie aus der Arbeiterschicht stammt und sich als Barkeeperin das Studium
       finanziert hat, geworben.
       
       ## Arbeiterpolitik im Kampf gegen Trump
       
       Zohran Mamdani hat nun den Weg für die demokratische Partei gewiesen,
       Arbeiterpolitik zum zentralen Thema im Kampf gegen Trump zu machen. Mamdani
       hat seinen ganzen Wahlkampf auf den Begriff „Bezahlbarkeit“ reduziert und
       die arbeitende Bevölkerung von New York in den Mittelpunkt seiner
       Aufmerksamkeit gestellt. Und als kurz nach seinem Amtsantritt in New York
       die Krankenpfleger:innen streikten, marschierte er an vorderster Front
       mit.
       
       Doch das neue Interesse am Arbeitskampf hat bislang noch nicht zu einem
       landesweiten Zulauf zu den Gewerkschaften geführt. Die linke Zeitschrift
       The Nation bezeichnete den Trend jüngst als vor allem urbanes Phänomen.
       Spürbaren Zuwachs bei der gewerkschaftlichen Organisation gebe es bisher
       hauptsächlich im Bildungs- und Gesundheitssektor. Auch jüngere Erfolge bei
       Unternehmen wie Amazon oder Starbucks blieben weitgehend auf Großstädte wie
       New York, Seattle oder San Francisco beschränkt.
       
       Der Arbeits- und Gewerkschaftshistoriker Nelson Lichtenstein sieht die
       Schwierigkeiten der amerikanischen Arbeiterbewegung auch im fehlenden
       Klassenbewusstsein des Landes. Viele Amerikaner:innen betrachten Armut
       noch immer als vorübergehende Phase und glauben weiter an den alten Mythos
       vom sozialen Aufstieg, auch wenn inzwischen nur noch etwa die Hälfte der
       nach 1980 Geborenen mehr verdient als ihre Eltern. Unter Afroamerikanern
       und Latinos sind die Chancen noch deutlich schlechter.
       
       Deshalb waren Gewerkschaften in den USA historisch nie automatisch links.
       Bis heute sind rund 40 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder Trump-Anhänger.
       Viele spüren zwar den wirtschaftlichen Druck und die wachsende
       Ungleichheit, setzen ihre Hoffnung aber auf Trumps Protektionismus statt
       auf Klassenpolitik.
       
       Auch der Begriff Sozialismus blieb in den USA stets belastet. Spätestens
       seit dem Ersten Weltkrieg galten Sozialisten und Gewerkschafter vielen als
       unamerikanisch – ein Misstrauen, das die Arbeiterbewegung bis heute prägt.
       
       Frances Perkins, die Frau, die wohl mehr als jede andere in den USA für die
       Arbeiterschicht getan hat, stammte aus einer Mittelschichtfamilie von
       Lehrern. Nach dem Feuer in der Triangle-Waistshirt-Fabrik in New York 1911,
       bei dem 146 Arbeiter:innen starben und das bis heute als zentrales
       Ereignis der Arbeitergeschichte gilt, begann sie sich für bessere
       Arbeitsbedingungen und Arbeitssicherheit einzusetzen. Das Engagement
       brachte ihr den Posten der ersten Arbeitsministerin der USA und der ersten
       Frau in einer US-Regierung ein.
       
       Unter Franklin D. Roosevelt, dem Präsidenten der New-Deal-Ära, war sie von
       1933 bis 1945 für eine umfassende neue Sozialgesetzgebung verantwortlich.
       Dazu gehörten neben Arbeitslosen- und Sozialversicherung auch
       Arbeitsgesetze, die bis heute die Rechte organisierter Arbeitnehmer regeln
       und mit dem National Labor Relations Board eine zentrale
       Schlichtungsinstanz schufen. Mit den klassischen Gewerkschaftern wurde
       Perkins trotzdem nie ganz warm. Manche bezeichneten sie abfällig als bloße
       Sozialreformerin. Das Renommee einer echten Arbeiterführerin hatte sie in
       ihren Augen nicht.
       
       ## Patco-Streik als Wendepunkt
       
       In den Wohlstandsjahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die
       US-amerikanische Arbeiterbewegung zu einem festen Bestandteil der
       Gesellschaft. Bis zu 40 Prozent der Arbeitnehmer:innen waren
       gewerkschaftlich organisiert, die Zustimmung in der Bevölkerung war groß.
       Die jährlichen Lohnverhandlungen folgten festen Ritualen und endeten meist
       ohne größere Konflikte. „Die Gewerkschafter waren zahm und nett“, sagt
       Lichtenstein.
       
       Unter Ronald Reagan, dem konservativen Präsidenten der USA von 1981 bis
       1989, kam es schließlich zum Bruch. Als 1981 rund 12.000 Fluglotsen der
       Gewerkschaft Patco (Professional Air Traffic Controllers Organization) in
       den Streik traten, gab Reagan ihnen 48 Stunden Zeit, an den Arbeitsplatz
       zurückzukehren. Als sie sich weigerten, ließ er sie entlassen – ein
       Schockmoment für die US-amerikanische Arbeiterbewegung.
       
       Der Patco-Streik gilt bis heute als Wendepunkt in ihrer Geschichte.
       Unternehmen fühlten sich nun ermutigt, Streiks zu brechen und härter gegen
       Gewerkschaften vorzugehen. Unter dem Druck von Globalisierung, Rezession
       und steigenden Ölpreisen wurden Arbeiterrechte zunehmend dem Profit
       geopfert – der Neoliberalismus hielt Einzug in den USA.
       
       Die Zahl der Streiks fiel zwischen 1979 und 1985 von 235 auf 54.
       Gleichzeitig schrumpfte die gewerkschaftliche Organisierung auf ihr
       heutiges Niveau. „Wir haben uns davon bis heute nicht erholt“, sagt Nelson
       Lichtenstein.
       
       So steht heute eine zunehmend prekäre Arbeiterschaft einem immer
       skrupelloseren Kapital gegenüber. Ein Uber-Fahrer in New York rechnet vor,
       dass ihm nach Abzug aller Kosten kaum mehr als 14 Dollar pro Stunde
       bleiben. Eine Familie lässt sich davon in New York nicht ernähren. Und wenn
       Uber morgen die Preise senkt, kann er nichts dagegen tun. Eine Gewerkschaft
       für Uber-Fahrer, die offiziell nicht als Angestellte gelten, existiert in
       New York bislang nicht. In Kalifornien wurde kürzlich erstmals eine solche
       Interessenvertretung zugelassen; Verhandlungen über Mindesteinkommen und
       Versicherungsschutz sollen dort demnächst beginnen.
       
       Das größte Problem der organisierten Arbeit ist laut Lichtenstein ein
       Arbeitsrecht, das sich im Grunde seit Frances Perkins kaum verändert hat.
       „Keine demokratische Regierung hat sich darangewagt, es zu reformieren –
       weder Clinton noch Obama noch Biden“, sagt der Historiker. So gibt es in
       den USA bis heute weder branchenweite noch konzernweite Gewerkschaften.
       
       Jeder Arbeitsplatz muss sich einzeln organisieren, selbst jede
       Starbucks-Filiale für sich. Gerade einmal 700 von 9.000 Standorten sind
       bislang diesen Weg gegangen. Zwar sind Entlassungen wegen
       gewerkschaftlicher Aktivität illegal, doch die Strafen bleiben meist
       gering. Konzerne wie Amazon lagern zudem große Teile ihrer Arbeit an
       Subunternehmen aus und entziehen sich so der Verantwortung – die
       Beschäftigten bleiben machtlos.
       
       ## Neue Relevanz für die Arbeiterbewegung
       
       Doch die Aktivist:innen der amerikanischen Arbeiterbewegung verlieren
       die Hoffnung nicht. An einem strahlenden Apriltag steht eine kleine Gruppe
       von etwa 100 Gewerkschafter:innen vor der Nummer 345 Park Avenue,
       einem brutalistischen Büroturm im Zentrum Manhattans. Vor nicht einmal
       einem Jahr kam hier bei einer Massenschießerei ein Wachmann ums Leben. Nun
       demonstrieren die Arbeiter für bessere Arbeitssicherheit.
       
       Am Mikrofon steht Julie Su, ehemalige Arbeitsministerin unter Joe Biden und
       heute New Yorks stellvertretende Bürgermeisterin für wirtschaftliche
       Gerechtigkeit unter Zohran Mamdani. „Unser Bürgermeister weiß, wer diese
       Stadt am Laufen hält“, ruft sie. „Wir werden alle Gesetze ausschöpfen, um
       für euch zu kämpfen. Wir wissen, dass es allen besser geht, wenn es den
       Arbeitern besser geht.“
       
       Su steht für ein neues Denken, das gesellschaftlichen Wandel untrennbar mit
       Arbeiterrechten verbindet; das Arbeitskampf wieder politisiert und zurück
       in das Zentrum linker Politik stellt. Und sie bekommt an der im
       Berufsverkehr tosenden Park Avenue dafür lauten Applaus.
       
       Stephanie Luce, Professorin für Labor Studies an der City University of New
       York, spricht derweil davon, dass man unter Experten zur Zeit sehr genau
       den „Minnesota Way“ studiere. In Minneapolis, wo sich die Bevölkerung
       entschlossen und schnell gegen die Übergriffe von Trumps
       Einwanderungspolizei stemmte, gibt es seit langer Zeit eine enge
       Kooperation zwischen den Gewerkschaften verschiedener Branchen. Diese
       Zusammenarbeit habe nicht zuletzt die rasche Mobilisierung gegen die ICE
       ermöglicht, was in einem Generalstreik gipfelte. Das, so Luce, sei der Weg
       zu einer neuen Relevanz für die Arbeiterbewegung.
       
       In Kensington packt derweil Eric Birnbach seine Unterlagen zusammen,
       nachdem die letzten angehenden Gewerkschafter den Raum verlassen,um durch
       den Regen zur U-Bahn zu rennen. Es hat ihm sichtlich Freude bereitet, junge
       Leute in die Welt des Klassenkampfs einzuführen. „Ich mache das jetzt seit
       25 Jahren“, sagt er. „Und wenn ich kann, mache ich es auch noch weitere
       25.“
       
       30 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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