# taz.de -- Mafia auf Social Media: Wenn der Gangsterboss absichtlich seinen Standort teilt
       
       > Organisierte Kriminalität agiert im Verborgenen? Von wegen! Die Mafia
       > droht und prahlt inzwischen auch auf Social Media. Das spricht viele an.
       
 (IMG) Bild: Außendarstellung auf Social Media ist auch für die Mafia immer wichtiger
       
       Die Mafia war schon immer schnell, oft schneller als viele andere Akteure,
       Gesetzgeber und Polizei inbegriffen. So haben die kriminellen
       Organisationen einst den Markt für geschmuggelte Zigaretten aufgegeben und
       sind zum Drogenhandel übergegangen, als die Zeit dafür reif war. Sie haben
       den Staat offen angegriffen, aber auch mit Teilen von ihm kollaboriert. Und
       in den letzten Jahren haben sie vor allem weiterentwickelt, wie sie
       sprechen.
       
       Da ist zum einen die interne Kommunikation. Es mag paradox erscheinen, aber
       in der Mafia ist fast alles Kommunikation. Das gilt einmal für die Worte.
       Einige davon sind Jargon oder Dialekt, oft schwer zu entschlüsseln, selbst
       für die Ermittler. Andere glauben wir zu kennen, halten sie für neutral
       oder sogar positiv besetzt. Doch innerhalb der Organisationen bedeuten sie
       etwas ganz anderes. Dazu kommen die Gesten, die Blicke, die Küsse. Sogar
       das gemeinsame Essen und andere Zusammenkünfte haben eine nicht zu
       unterschätzende kommunikative Bedeutung.
       
       Und dann gibt es die Art und Weise, wie die Mafia ihre Präsenz nach außen
       vermittelt, wie sie über sich selbst spricht. Zum Beispiel das Phänomen der
       „Lieder der Unterwelt“ mit Texten, in denen die Größe eines Mafiabosses
       gefeiert, der Tod oder eine lange Haftstrafe beklagt, von einer
       abenteuerlichen Flucht erzählt wird. Oder wo die Schweigepflicht, die
       Omertà, eingefordert wird und der Staat und seine Organe verhöhnt werden.
       
       Die Mafia ist archaisch, aber sie ist auch modern. Es wird immer
       schwieriger, die neuen Mafiosi zu identifizieren. Die Mafia steckt heute im
       sozialen und wirtschaftlichen Gefüge, in der „sauberen“ Gesellschaft; sie
       muss nicht mehr schießen, aber sie muss sich die tödliche Gewalt immer als
       Option, als letztes Mittel vorbehalten. Wenn die Mafia nicht tötet, wenn
       sie mit dem Tod kein „Spektakel“ bietet, arbeitet sie nicht an ihrem
       Mythos. Und doch ist sie gerade dort, wo sie nicht schießt, am mächtigsten.
       
       ## Drohungen via Social Media
       
       Mafiosi nutzen sehr häufig Instant-Messaging-Anwendungen. Sie überwachen
       Portale, die über Zwangsversteigerungen informieren. Sie konsultieren die
       Websites von Behörden, auf denen Ausschreibungen und öffentliche Aufträge
       zu finden sind.
       
       Am 15. Juni 2022 ging die italienische Polizei gegen fünfzehn Personen vor,
       die dem [1][Ciarelli-Clan aus Latina i]n der Region Latium angehören.
       [2][Kronzeugen] hatten zahlreiche Erpressungen durch Personen gemeldet, die
       aus der Haft heraus weiterhin versuchten, Unternehmer zu erpressen.
       
       Auch Drogenhändler haben begonnen, Social Media zu nutzen, nicht nur, um
       neue Mitglieder zu rekrutieren, sondern auch, um ihre „Ware“ zu verkaufen.
       Als er 2012 festgenommen wurde, konnten die Strafverfolgungsbehörden
       feststellen, dass der aus Palermo stammende [3][Mafioso Salvino Bonomolo,
       der lange Zeit in Venezuela untergetaucht war,] Facebook nutzte, um sein
       Business zu steuern. Über die sozialen Netzwerke gelang es ihm, mit
       italienischen und südamerikanischen Drogenhändlern zu kommunizieren.
       
       Immer häufiger nutzen die Mafiaorganisationen VoIP-Kommunikation, die nicht
       so einfach abgehört werden kann. Die Kriminellen haben Experten und
       professionelle Hacker in ihre Reihen integriert. Nicht nur, um Kontrollen
       zu umgehen, sondern auch, um Informationen über ihre Opfer zu erlangen,
       etwa um das Geschäftsvolumen eines Unternehmens zu bewerten, das erpresst
       werden soll, oder um Unternehmer und Politiker unter Druck setzen zu
       können.
       
       US-amerikanische Wissenschaftler bezeichnen diese Vorgehensweise als
       „Cyberbanging“. Im Netz werden Ziele gefunden und getaggt – die neue
       Dimension der alten Auftragsmorde.
       
       ## Bosse als Helden
       
       Die Mafia ist mittlerweile zu einer Marke geworden, und die sozialen Medien
       sind ihr ungestörtes Propagandainstrument. X wird zu ihrer Presseagentur,
       Instagram zu einer Illustrierten, in der sie ihre luxuriösen Urlaubsziele
       präsentieren, Facebook zu einem Sammelsurium, in das man so ziemlich alles
       hineinwerfen kann, TikTok zur Reality-Show, vor allem für die Jüngsten.
       
       Die Mafia ist eine Macht, sie kontrolliert die Wirtschaft und das
       Territorium, lenkt aber auch gesellschaftliche Phänomene, mit ihrer
       Fähigkeit, junge Menschen anzuziehen. Auch die Jugendlichen im Umfeld der
       Clans sind Digital Natives. Und so stellen sie ihre neuesten Anschaffungen
       in Sachen Kleidung und ihren neuen Haarschnitt zur Schau, glänzende Anzüge
       und Jacken, bunte Schuhe oder die teuerste Flasche Champagner.
       
       Ein besonderer Fall ist der Babyboss Emanuele Sibillo, der mit neunzehn
       Jahren ermordet wurde und Roberto Saviano zu [4][„La paranza dei bambini“]
       („Paranza – Der Clan der Kinder“) inspirierte. Sibillo ging so weit, sich
       in den sozialen Medien zu geolokalisieren, als Provokation für seine
       Rivalen, die ihn ausschalten wollten. Er nannte sich ES17 und war vor allem
       auf TikTok der Renner.
       
       ES17, das Akronym seines Namens, Emanuele Sibillo, gefolgt von der Nummer.
       Genau wie ein Fußballstar. Ein großer Champion wie Cristiano Ronaldo zum
       Beispiel hat auch aus Marketinggründen sein eigenes Akronym CR7 geschaffen.
       Und ES17 hatte Zugriffszahlen wie ein Weltklassespieler oder ein
       Hollywoodstar, mit Hunderttausenden von Aufrufen.
       
       In den sozialen Medien werden die sogenannten stese verewigt: Schüsse, die
       von Scootern wild abgefeuert werden, vor allem von sehr jungen Leuten –
       manchmal sogar Minderjährigen – auf den Straßen von Neapel und darüber
       hinaus. Seiten und Videos, die Tausende von Fans und Aufrufen zählen.
       
       Sehr beliebt ist auch die Verwendung von Emojis wie Ketten, die für das
       Gefängnis stehen, oder das schwarze Herz, ein Symbol der Traurigkeit über
       die Inhaftierung eines Freundes – oder vielmehr eines „Bruders“.
       
       Dieses Konzept von Brüderlichkeit und Zugehörigkeit kommt durch bestimmte
       Bekleidungsmarken, aber auch durch Tattoos zum Ausdruck – ein Jesusgesicht,
       die Madonna oder eine andere religiöse Figur, eine Pistole, eine
       Kalaschnikow, ein [5][aufgeklapptes Rasiermesser] oder die Gravur der Namen
       verstorbener Freunde oder Daten, die auf den Tod einer Person, das Datum
       der Einlieferung ins oder der Entlassung aus dem Gefängnis hinweisen
       können.
       
       Das gilt für junge Menschen. Aber nicht nur. Die sozialen Medien widerlegen
       nämlich das Klischee der schweigsamen Mafia, das jedoch eben nur ein
       Klischee war. Denn die Mafia hat schon immer zu allen gesprochen.
       
       29 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=3fjWNXXzNHE
 (DIR) [2] /Mafia-Kronzeuge-im-Film-Il-Traditore/!5702271
 (DIR) [3] https://tg24.sky.it/cronaca/2012/08/28/mafia_cattura_boss_latitante_venezuela_salvatore_bonomo
 (DIR) [4] /Spielfilm-ueber-italienische-Mafia/!5617426
 (DIR) [5] https://emojigraph.org/it/razor/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudio Cordova
       
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