# taz.de -- 111 Jahre nach dem Genozid: Noch immer nicht auf dem Lehrplan
       
       > Der Völkermord an den Armeniern gehört in den Geschichtsunterricht. Und
       > er sollte auch Thema im Deutschunterricht sein. Gute Literatur wäre
       > vorhanden.
       
 (IMG) Bild: Vor dem Besuch von J. D. Vance in der Völkermord-Gedenkstätte Zizernakaberd treffen Soldaten der Ehrengarde letzte Vorbereitungen
       
       Es sind 111 Jahre nach dem Völkermord an den Armenier:innen und es
       stellt sich für uns die Frage, wie viel Verantwortung für uns daraus heute
       noch folgt. Rund 1,5 Millionen Armenier:innen wurden im Osmanischen
       Reich ermordet. Keine abstrakten Zahlen, keine bloße Statistik – Menschen.
       Deutschland leistete damals Beihilfe: Armenisches Geld und Gold landeten
       auch in deutschen Kreditinstituten, armenische Zwangsarbeiter wurden auf
       deutschen Bahnstrecken eingesetzt.
       
       Der Völkermord an den Armenier:innen von 1915 sollte verbindlich [1][im
       Schulunterricht] behandelt werden. Auch die Resolution des Deutschen
       Bundestages von 2016 unterstreicht dieses Anliegen. Doch die Realität in
       vielen Klassenzimmern sieht anders aus: Überlastete Lehrpläne, fehlende
       Zeit, [2][unzureichende Materialien] und begrenzte fachliche Ressourcen
       führen dazu, dass das Thema allzu oft ausgespart wird.
       
       Das Thema gehört nicht nur in den Geschichtsunterricht. Gerade der
       Deutschunterricht bietet die Möglichkeit, sich emotional und reflektiert
       mit Literatur zu diesem Völkermord auseinanderzusetzen. Das kann über eine
       reine Faktenvermittlung hinausgehen und Empathie fördern. Der Reclam Verlag
       geht hier voran: Im März erschien der Roman „Auf der Straße heißen wir
       anders“ von [3][Laura Cwiertnia] als Schullektüre.
       
       Swantje Ehlers, Literaturwissenschaftlerin und Literaturdidaktikerin, hat
       dazu Kommentare und Kontext geliefert – besser geht es kaum. Das Buch
       erzählt vom Genozid und von den Überlebenden, von Gewalt und Konflikten,
       von den Pogromen an der christlichen Bevölkerung in der Türkei und von
       Diskriminierung im heutigen Deutschland. Es handelt von Heimat und
       Heimatlosigkeit, von Einwanderung und den Erfahrungen von
       Gastarbeiter:innen aus der Türkei in den 1960ern.
       
       Laura Cwiertnia erzählt Geschichten von Frauen mehrerer Generationen. Und
       es geht um die Lebenswelten und Kulturen von Millionen Menschen, die Teil
       der deutschen Gesellschaft sind. Diese Literatur muss nicht erst entdeckt,
       sie muss nur ernst genommen werden. Ausreden gibt es jedenfalls kaum noch.
       Es fehlt nicht an Möglichkeiten, sondern am Willen, diese Literatur
       konsequent zu nutzen – zumindest oder zuerst in den Schulen.
       
       27 Apr 2026
       
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