# taz.de -- Genozid als Unterrichtsthema: Geschichte vielfältiger lehren
> An Schulen ist der Völkermord an den Christen im Osmanischen Reich kaum
> Thema. Nachfahren der Opfer fordern die Bildungministerkonferenz auf, das
> zu ändern.
(IMG) Bild: An der Gedenkstätte für die im Osmanischen Reich verfolgten und ermordeten Christen zeigen Städtenamen die Herkunftsorte
Menschenrechtsvereine und Bildungsträger fordern, dass Schulen mehr als
bisher über das Thema Genozid im Unterricht lehren sollten. In [1][einem
Brief an die Bildungsministerkonferenz fordert die „Arbeitsgruppe
Anerkennung“], die besonders zu dem Genozid an den Christen im Osmanischen
Reich forscht, sich mit Beispielen von Völkermorden auf dem Gebiet der
heutigen Türkei auseinanderzusetzen.
Dies würde die Geschichte von vielen türkeistämmigen Menschen im
Einwanderungsland Deutschland berücksichtigen. Eine [2][gesellschaftliche
Aufarbeitung oder gar schulische Auseinandersetzung] mit diesen Themen sei
in der Türkei bis heute stark eingeschränkt.
Der Forderung haben sich unter anderem der „Zentralrat der Armenier“, die
„Gesellschaft für bedrohte Völker“ und der „Bund der Alevitischen
Jugendlichen in NRW“ und pontosgriechische Vereine angeschlossen
(Pontosgriechen sind die Nachfahren der Griechen, die im Osmanischen Reich
lebten – sie gelten als die zweitgrößte Opfergruppe). Hintergrund ist die
[3][sogenannte Armenien-Resolution. Der Bundestag hatte diese vor 10 Jahren
verabschiedet] und darin den Völkermord an den Armenier*innen im
Osmanischen Reich als Genozid anerkannt.
In der Resolution hatte der Bundestag damals auch eine bildungspolitische
Forderung festgehalten. Schulischer, universitärer und politischer Bildung
in Deutschland komme die Aufgabe zu, die „Aufarbeitung der Vertreibung und
Vernichtung der Armenier“ als „Teil der Geschichte ethnischer Konflikte im
20. Jahrhundert in den Lehrplänen und Lehrmitteln aufzugreifen“. Bisher ist
der Genozid an den Armenier*innen [4][in keinem Bundesland
verpflichtend im Lehrplan verankert]. In Berlin und Brandenburg sowie in
Baden-Württemberg nennen die Lehrpläne den Genozid als Beispiel für eine
Beschäftigung mit Völkermorden im Wahlbereich. Die Resolution jährt sich am
2. Juni zum zehnten Mal.
Konkret schlägt die Arbeitsgruppe in dem Brief vor, Genozide im Unterricht
vergleichend zu behandeln. Hier böte sich eine Beschäftigung mit Beispielen
an, die mit der deutschen Geschichte verbunden sind: Die Genozide an den
Herero und Nama im heutigen Namibia [5][und der Genozid an den Christen im
Osmanischen Reich, an denen das deutsche Kaiserreich als Bündnispartner
mitschuldig] war.
## Historische Feindbilder
In Deutschland sei das Thema Genozid bisher hauptsächlich am Beispiel der
Shoah unterrichtet worden, stellt die Arbeitsgruppe in ihrem Brief fest.
Doch Schule sei ein „Ort der Zusammenkunft und des Lernens“, an dem
unterschiedliche Perspektiven, Hintergründe und Narrative
aufeinandertreffen – und auch ein Ort, an dem Schüler*innen mit
griechischer, armenischer, assyrischer, aramäischer, kurdischer, ezidischer
oder alevitischer Herkunft von Mitschüler*innen mit türkischen
nationalistischen Ressentiments psychische und verbale Gewalt erfahren
würden.
Schulen sollten Besonderheiten von Shoah und Porajmos – dem Genozid an den
Sinti und Roma im Nationalsozialismus –, aufzeigen, aber auch
Gemeinsamkeiten mit anderen Genoziden herausarbeiten.
„Historische Feindbilder aus der osmanischen und kemalistischen Zeit
bestehen bis heute“, erklärt die Arbeitsgruppe. „Fehlende Information über
[6][transnationale autoritäre Ideologien und die Kontinuität politischer
Realitäten]“ seien eine Herausforderung für Schulen und für Bildung gegen
antidemokratische Tendenzen.
Auch das weitverbreitete Leugnen der Verbrechen sei belastend für
Schüler*innen und könne retraumatisierend wirken. Schulen bräuchten
Wissen über „historische und politische Tatsachen im Türkei-Kontext“ und
müssten diese in ihre Lehrpläne und in ihre Arbeit gegen Diskriminierung
aufnehmen.
2 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.aga-online.org/berlin-goettingen-18-april-2026-aga-appelliert-an-bundesbildungsministerkonferenz-der-osmanische-genozid-an-christinnen-muss-im-schulunterricht-behandelt-werden/
(DIR) [2] /Genozid-Forscherin-erhaelt-hoechste-Ehrung/!6121780
(DIR) [3] https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf
(DIR) [4] /111-Jahre-nach-dem-Genozid/!6174125
(DIR) [5] /Mahnmal-fuer-den-Voelkermord-an-Armeniern/!5927397
(DIR) [6] /Gedenken-an-einen-Voelkermoerder/!6162779
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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