# taz.de -- CDA-Bundestagung: Wie sozial kann Merz?
> Der Arbeitnehmerflügel der CDU trifft sich in Marburg. Merz bemüht sich,
> eine soziale Seite zu zeigen. Nicht alle hat das überzeugt.
(IMG) Bild: Dennis Radtke führt weiter den CDU-Arbeitnehmerflügel an, Friedrich Merz wird damit leben können
Den ersten richtigen Applaus bekommt Friedrich Merz für etwas, von dem er
sagt, es sei immer klar gewesen. „Es wird mit uns keine Kürzungen der Rente
geben“, ruft er in den Saal in Marburg, bei der CDA-Bundestagung. Der
Arbeitnehmerflügel der CDU feiert an diesem Wochenende auch seinen
80-jährigen Geburtstag unter dem Motto „80 Jahre Soziale Marktwirtschaft“
mit einem großen S. Und dieses S soll Merz, dem auch schon soziale Kälte
vorgeworfen wurde, heute zeigen. Vor der Halle haben schon am Morgen der
Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Vereinte
Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) zwei Stände aufgebaut. Zwischen einem
Baum hat man den Banner „Finger weg vom 8-Stunden-Tag“ gespannt. Von der
großen Glasfront bei der Kaffeebar haben die Delegierten der CDA einen
guten Blick darauf. Merz erwartet man hier mit Spannung. Noch am Montag
sagte er bei einer Veranstaltung des Bankenverbands, die Rente könne
künftig „allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“. Der
[1][CDA-Vorsitzende Dennis Radtke] erwiderte vor der Bundestagung bereits
auf Merz Äußerung zur Rente: Der Kanzler solle die Bürger nicht weiter
verunsichern und aufhören, „den Menschen Angst zu machen“. So sagte er es
den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). Radtke und Merz
gelten als Antipoden in der Partei. Radtke ist Industriekaufmann aus
Bochum, kommt aus einer sozialdemokratischen Familie, Merz, ehemals
Aufsichtsratsvorsitzender für die deutsche Tochtergesellschaft von
BlackRock, eng verbunden mit der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT).
## Versöhnende Worte von Merz
Während seiner Rede scheint sich Merz sichtlich zu bemühen, einen guten
Eindruck bei den angereisten Delegierten im Saal zu machen. Oft lässt er
das Stichwort „Soziale Marktwirtschaft“ fallen, meist ist der Applaus
trotzdem kurz angebunden, fast misstrauisch. Im Publikum sitzen auch
führende Gewerkschaftsvertreter wie DGB-Chefin Yasmin Fahimi oder der Chef
der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, Michael Vassiliadis.
Merz unterstreicht: Deutschland brauche Reformen, „aber mit Maß und Mitte“.
Die seit Anfang des Jahres eingesetzte Rentenkommission will ihre
Reformempfehlungen am 30. Juni vorlegen. Mit den Vorschlägen sollen
langfristige Reformen gelingen. Der Krieg im Iran und die steigenden
Energiepreise verschärften aber bereits jetzt die Lage. Daher brauche es
„Zusammenhalt“ auch innerhalb der Union, fordert Merz. Ein Delegierter aus
Duisburg verschränkt die Arme und murmelt, „Sag das mal dem MIT“.
Die wirtschaftsliberale MIT hat [2][in der aktuellen Regierung mehr zu
sagen als die CDA], die Merz weder bei der Regierungsbildung noch bei
Posten im Bereich Arbeit, Soziales oder Wirtschaft berücksichtige. Radtke
sagte damals zur Süddeutschen Zeitung, er fühle sich übergangen und mit dem
Kabinett könne man „die kleinen Leute“ nicht zurückgewinnen – es wirke
kaltherzig und unsozial. Der stark wirtschaftsliberale Flügel sorgt derweil
immer wieder für sozialpolitische Aussetzer: der CDU-nahe
Unternehmerverband, der CDU-Wirtschaftsrat forderte: Zahnarztrechnungen
sollen künftig selbst bezahlt werden. Da war der CDU-Bundestagsabgeordnete
und Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck, der überlegte, ob alte
Menschen immer die teuersten Medikamente bekommen müssten. Die
Mittelstands- und Wirtschaftsunion formulierte einen Parteitagsantrag mit
einer Ablehnung der „Lifestyle-Teilzeit“.
Der Delegierte aus Duisburg klatscht während Merz’ Rede kaum. Er sagt
später, das liegt vielleicht auch an seiner Verletzung und zeigt auf die
Bandage an der rechten Hand. Nur selten klopft er mit der gesunden Hand auf
den Tisch. Zum Beispiel, wenn Merz sich auf Konrad Adenauer beruft und
sagt: „Die Wirtschaft soll den Menschen dienen, nicht die Menschen der
Wirtschaft.“ Oder als Merz verkündet, der AfD „werden wir nicht die
Verantwortung für Deutschland anvertrauen“. Ein anderer Delegierter wird
später auf der Bühne sagen: „Die Worte haben gutgetan“. Als der Saal
aufsteht, um Merz zu verabschieden, bleibt der Delegierte aus Duisburg
sitzen. Die Rede sei etwas zu wenig auf die Menschen fokussiert, findet er.
Ein bisschen mehr zu den Themen Pflege und Wohnen hätte er sich gewünscht,
schließlich hätte die Union auch dort etwas zu bieten.
Nach Merz’ Rede und der Mittagspause spricht auch Dennis Radtke selbst.
„Deutschland hat sich von einer Leistungsgesellschaft zu einer
Erbengesellschaft entwickelt“, ruft er von der Bühne, die ganze Halle
klatscht. Im Leitantrag der CDA fordert man unter anderem eine Reform der
Erbschaftssteuer. Zudem bedankt er sich, dass Merz nochmal klargestellt
habe, dass es keine Rentenkürzungen geben werde. In der Vergangenheit habe
die Partei außerdem unnötig viel Angriffsfläche geboten, findet Radtke. Zum
Beispiel bei der Debatte um mehr Arbeitszeit. Wenn „der Eindruck entsteht,
viele haben keinen Bock und kommen nicht von der Couch“, dann sei das
fatal. Auch wenn Teile der Partei CDU-pur forderten, „da stellen sich mir
die Nackenhaare auf“. Es sei keine Lösung immer konservativer zu werden.
Nach Radtkes Rede steht dann auch der Delegierte aus Duisburg auf. Radtke
wird anschließend mit 87 Prozent der gültigen Stimmen im Amt des
Bundesvorsitzenden der CDA bestätigt.
25 Apr 2026
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(DIR) Jana Laborenz
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