# taz.de -- Modersohn-Becker-Munch-Schau in Dresden: Stehen sie nebeneinander, gibt es keine Ruhe
       
       > Das Albertinum Dresden zeigt zu ihrem 150. Geburtstag die Malereien von
       > Paula Modersohn-Becker gemeinsam mit denen Edvard Munchs. Funktioniert
       > das?
       
 (IMG) Bild: Fjord von ihr: Paula Modersohn-Becker, Norwegische Fjordlandschaft (Vorderseite: Bildnis des Bruders Kurt Becker), Juni/Juli 1898
       
       Es mutet auf den ersten Blick wie eine ungewöhnliche Paarung an, die
       derzeit im Dresdener Albertinum zu sehen ist: zum einen Edvard Munch, der
       norwegische Ausnahmekünstler, der nahezu die gesamte europäische Moderne
       begleitete. Seite an Seite mit ihm hängt die Malerin Paula
       Modersohn-Becker, deren künstlerisches Drängen während ihres allzu kurzen
       Lebens stets vom Ruhm ihrer männlichen Kollegen überschattet wurde. Durch
       die Nebeneinanderstellung zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen
       [1][Modersohn-Becker zu ihrem 150. Geburtstag i]n neuem Licht: als Munch
       absolut ebenbürtig.
       
       „Die großen Fragen des Lebens“ lautet der wuchtige Titel der Schau, die
       derzeit 151 Werke der beiden Künstler:innen vereint. Die Bilder sind
       thematisch sortiert, denn trotz ihrer konträren Malweise teilen sich die
       Zeitgenoss:innen Modersohn-Becker und Munch viele Sujets. Dabei kommt
       es auch zu interessanten Überschneidungen.
       
       Dass die Dresdnerin den Osloer künstlerisch wahrnahm, lässt sich gut
       belegen. „Sie hatte 1898 eine Zeichnung angefertigt, die stark an Munchs
       Madonna aus dem Vorjahr angelehnt ist“, so Ausstellungskurator Andreas
       Dehmer. Munch wiederum konnte Modersohn-Becker kaum kennen, wurde ihr Werk
       zu Lebzeiten doch völlig zurückgewiesen und ihre bis dato einzige
       Gruppenschau in der Bremer Kunsthalle vernichtend verrissen.
       
       ## Beide wurden verspottet
       
       Auch er musste 1892 harte Kritik einstecken, als sein entfesselter
       Postimpressionismus in Berlin verspottet und schnell wieder abgehangen
       wurde. Der Skandal machte den bis dahin [2][unverkauften Norweger über
       Nacht zur Berühmtheit] und ebnete der deutschen Malerei den Weg in die
       Moderne. Modersohn-Beckers breite Rezeption nimmt hingegen gerade erst
       richtig Fahrt auf. Zum Festjahr warten neben Dresden auch Bremen und
       Worpswede mit umfassenden Schauen auf.
       
       Den Fokus beider Œuvres bilden zweifelsohne die Porträts. Modersohn-Beckers
       Protagonist:innen wirken nicht wie malerische Objekte, sondern
       plastische Körper mit all ihren Maserungen und Unebenheiten, die aus den
       Bildern herausragen und der Neuen Sachlichkeit ihren Schatten vorauswerfen.
       Etwa der „Stehende und kniende Mädchenakt vor Mohnblumen II“, der fast
       schon ikonenhaft anmutet.
       
       Dass Paula eine Visionärin war, ist heute kunsthistorisch unstrittig. Ihr
       „Selbstbildnis zum 6. Hochzeitstag“ aus dem Jahr 1906 gilt als erster
       gemalter Selbstakt einer Frau überhaupt. In ihrem Streben ließ sie viele
       ihrer Weggefährten, inklusive ihres Maler-Ehegatten Otto Modersohn,
       künstlerisch im Staub zurück.
       
       Drei gute Bilder 
       
       Die Doppelausstellung im Albertinum entwickelt ein vielseitiges Bild der
       beiden Künstler:innenleben und ihrer Motive. Hier spricht nicht die
       „Angst“ aus Munch wie etwa in der [3][Chemnitzer Kunstsammlung zum
       Kulturhauptstadtprogramm], sondern eine Bandbreite an Stimmungen. Von der
       beschwingten Lebensfreude beim „Tanz am Strand“ bis hin zur
       fiebrig-farbexplosiven Milieustudie des „Kranken Kindes“.
       
       Ebenso klar erkennbar wird Modersohn-Beckers Ziel, das Leben in all seinen
       Auswüchsen in ihre Bilder zu bannen. Sie malt das Worpsweder Teufelsmoor
       mit genauso viel Verve wie die spektakulären Fjorde Norwegens und steigt
       mit ihren Porträts tief in ihre Protagonist:innen ein, ohne sie
       sentimental zu verklären.
       
       Deshalb ist es auch keine Ruhe, die aus den nebeneinandergestellten Werken
       der beiden Avantgardist:innen strahlt, sondern ein ständiges Suchen,
       Wachsen und Hinterfragen.
       
       Ihre Antwort auf zumindest die letzte große Frage des Lebens hielt
       Modersohn-Becker schon früh fest: „Ich weiß, ich werde nicht sehr lange
       leben“, schrieb sie nach einem ihrer Paris-Besuche und wenige Monate vor
       ihrer Verlobung mit Otto Modersohn in ihr Tagebuch. Die arbeitswütigen
       Aufenthalte in ihrer Herzensstadt zehrten ihre Kräfte stark auf. Sieben
       Jahre später wird sie kurz nach der Geburt ihres Kindes einer Embolie
       erliegen. Hinterlassen hat sie ein großes, malerisches Erbe. Aus dessen
       Vollen schöpft ihre Dresdner Heimat nun.
       
       27 Apr 2026
       
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