# taz.de -- Erste Malerin der Moderne wird 150: Glückwunsch, Paula!
       
       > Sieben Ausstellungen begehen Paula Modersohn-Beckers 150. Geburtstag. In
       > deren oft verwurstetem Werk hat eine drängende Suchbewegung überlebt.
       
 (IMG) Bild: Kein Hintergrund, keine Perspektive: Paula Modersohn-Beckers Moorgraben ist eine Antilandschaft
       
       Die Mehrheit der Geburtstagsausstellungen nennt sie einfach nur Paula. Das
       könnte plump vertraulich klingen, aber andererseits heißt bei uns ja auch
       [1][Giotto] einfach Giotto und [2][Rembrandt] nur Rembrandt. Und um Paula
       Modersohn-Becker zum 150. Geburtstag hochleben zu lassen, ist es
       praktischer, den Doppelnamen mal beiseitezulegen: „Happy Birthday, Paula“,
       sagen gegenwärtig Ausstellungen in Fischerhude, Bremen, Worpswede und
       Dresden, sieben sind es mindestens.
       
       „Frauen haben keinen Nachnamen“, stellt Marie Darrieussecq [3][in ihrem
       feinen Porträt-Essay „Hiersein ist herrlich“ über Modersohn-Becker schon
       2014 mit sanftem Spott fest]. Aber Paula hatte sich ja auch eigenhändig aus
       der Väterreihe herausgeschrieben: In einem Brief hatte sie Rainer Maria
       Rilke während ihres letzten Parisaufenthalts 1906 eröffnet, fortan weder
       die höhere Tochter Becker noch die angetraute Gattin Modersohn sein zu
       wollen. Sondern halt nur sie selbst: „Ich bin ich“, schreibt sie, wie
       Rimbaud, nur umgekehrt, und dass sie hoffe, „immer mehr es zu werden“.
       
       Es geht um Eigenständigkeit. Dabei ist egal, dass die Bande, die sie
       loswerden muss, aus Liebe geflochten sind. Paula wird von den Eltern –
       Eisenbahningenieur Carl Woldemar und Mathilde Becker née von Bültzingslöwen
       – nicht verstanden, aber unterstützt. Ihr Mann, der arrivierte Maler Otto
       Modersohn, ist ihr begeisterter Fan. Und noch als sie ihn 1906 kurzzeitig
       verlässt, finanziert er sie treu weiter.
       
       Zugleich hat wohl keine Frau ihrer Zeit ihr Recht auf die eigene
       unabhängige Künstlerinnenexistenz selbstverständlicher für sich in Anspruch
       genommen als Paula. Seltsam wirkt daher, dass ihr die Staatlichen
       Kunstsammlungen in ihrer Geburtsstadt Dresden zum Geburtstag Edvard Munch
       an die Seite stellen, für den sie sich null interessiert hat.
       
       ## Die Erfinderin der Frau
       
       Fast mag man darin einen unbewussten kunsthistorischen Zähmungsversuch der
       solitären Malerin vermuten, die Diane Radycki „the first modern woman
       artist“, [4][die erste moderne Künstlerin nennt]. Die amerikanische
       Kunsthistorikerin meint das ernst, [5][und sie hat weder Käthe Kollwitz
       noch Berthe Morisot vergessen].
       
       Sie begründet ihre These aus dem Werk heraus. Für entscheidend hält sie die
       Aktbilder, die im Paula Modersohn-Becker Museum in der Bremer
       Böttcherstraße zu sehen sind: Wichtig ist, na klar, das berühmte
       „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“, das als erster weiblicher Selbstakt der
       Kunstgeschichte gilt.
       
       Aber mehr noch bezieht sich Radycki auf die monumental-innige Darstellung
       der liegenden Mutter und ihres Babys, fern aller
       Maria-mit-dem-Kinde-Konvention. Und auf die nackten Dörflerinnen. Gerade in
       der Gestaltung dieser schamhaft entblößten Mädchen aus dem Armenhaus
       erfindet Paula den weiblichen Körper neu und eben – [6][im Gegensatz zu
       beispielsweise Morisots sexy Schäferin] – jenseits des männlichen
       Blickregimes neu.
       
       Er ist hier kein Objekt mehr, sondern autonome und tendenziell
       überpersönliche Komposition aus Formen, Farben und Valeurs. Angedeutete
       Schattierungen erzeugen keine drallen Volumina. [7][Nichts an diesen
       Bildern ist lieblich, auch die Kinder nicht,] vor allem die Kinder nicht.
       Gerade das macht sie zu einer Wucht, immer noch.
       
       Bremen war die Stadt von Paulas Jugend – und ist die ihres Nachruhms. Dort
       war schon 1927, als kaum 20 Jahre nach ihrem frühen Tod, das
       Paula-Becker-Modersohn-Haus eröffnet worden. Es ist das erste einer
       Künstlerin gewidmete Museum. Es verfügt zusammen mit der Paula
       Modersohn-Becker Stiftung über die größte Sammlung ihrer Werke.
       
       Aus der hat man, bereichert um selten ausgestellte Leihgaben und kluge
       Akzente heutiger Rezeption, eine spannungsreiche Retrospektive arrangiert.
       Unter dem Titel „Becoming Paula“ ermöglicht sie, die Wege des Schaffens zu
       erkunden. Sie lässt dabei weder die ersten Gehversuche im Kunstunterricht,
       den Teenager Paula in London und Berlin erhält, noch überraschend
       akademische Wiederaufnahmen im Spätwerk aus.
       
       ## Kunst ist Wurst
       
       Das ist sinnvoll. Denn [8][eine Masse populärer Schriften und Filme] hat
       Paulas Werk zwar bekannt, aber sehr häufig auch unsichtbar gemacht. In die
       lineare Entwicklungslogik einer Lebenserzählung gepresst wie Brät in einen
       Saitling, dienen jener Rezeptionsweise die einzelnen Gemälde bestenfalls
       als dramaturgische Speckstückchen. In der Bremer Zusammenschau hingegen
       treten sie als Protagonisten einer einzigartigen künstlerischen
       Suchbewegung auf.
       
       Das ist im durch Rilke berühmt gewordenen Künstlerdorf Worpswede bei Bremen
       nicht so. Hin muss man da ja schon: „Hier“, ruft Beate Arnold, die das
       Heinrich-Vogeler-Museum Barkenhoff leitet, in Erinnerung, „hat sich Paula
       auch bewegt.“
       
       Und es stimmt. Die meisten ihrer 734 Gemälde entstanden im Torfstecherort
       im Teufelsmoor. Hier hat sie Otto geheiratet; und ja, sie hat gerne hier
       gelebt. Auch ist sie hier 1907 gestorben, mit 31 Jahren, weshalb sich
       Bildhauer Bernhard Hoetger 1919 auf dem Zionskirch-Friedhof mit einem
       kotzhässlichen Grabmal für sie verewigt hat.
       
       Und immer wieder sinkt die Rezeption dieser Malerin, trotz
       Auktionsweltrekorden – für eine deutsche Künstlerin der Moderne – und
       [9][Ausstellungen in New York], [10][Chicago] oder Paris zurück in die
       regionale Enge der nordwestdeutschen Heide- und Moorleichenlandschaft.
       
       Zu buchen gibt es dort daher das Arrangement „auf Paulas Spuren“, Frühstück
       vom Genießerbuffet und Eintritt in die vier örtlichen Museen inklusive. Sie
       vermarkten unter dem Titel „Impuls Paula“ heterogene Ausstellungen. Diese
       binden jedoch die Jubilarin nur mithilfe aufwendiger kuratorenlyrischer
       Assoziationsketten an sich: Das lässt sie wie verzweifelte Versuche wirken,
       auch ein Stückchen Geburtstagstorte zu ergattern.
       
       ## Perspektiven verweigern ist schön
       
       Denn natürlich kann eine Gemeinde mit weniger als 10.000
       Einwohner*innen nicht auf Paula als touristisches Zugpferd verzichten,
       wenn sie vier Museumsbetriebe am Laufen halten muss. Bloß fehlen hier halt
       Paulas Werke: Witwer Otto hatte diejenigen Gemälde, die nicht nach Bremen
       oder zum Sammler August von der Heydt nach Wuppertal gegangen waren, mit
       nach Fischerhude genommen, 20 Kilometer südlich.
       
       Dort hatte er nach Paulas Tod ab Sommer 1908 einen Neuanfang unternommen.
       Und dort, im Otto-Modersohn-Museum nahe der Wümme, findet sich die
       konzentrierteste Jubiläumsausstellung. In spröder Sachlichkeit heißt sie
       „Die Landschaften“, und immerhin 32 dieser Arbeiten sind zu sehen, laut
       Kurator Rainer Noeres so viele wie noch nie in einer Ausstellung.
       
       Sie werden seltener gezeigt. Dabei diente doch Landschaft überall, wo
       Malerei in die Moderne drängt, bei Piet Mondrian, Wassily Kandinsky,
       [11][bei Hilma af Klint], und, warum denn nicht, [12][auch schon bei Munch]
       als entscheidendes Experimentierfeld.
       
       Paulas Landschaften folgen weder dem Wunsch, die eigene Seele in den Raum
       zu krempeln, noch gehorchen sie der in Worpswede herrschenden
       Realismus-Doktrin.
       
       Den Eindruck von Perspektive verweigern sie oft, manchmal sogar energisch,
       per Bildausschnitt: Da dominiert dann statt Hinter- und Vordergrund an den
       Rändern des Bildes ein sattes Blaugrün mit Schwarzbeimischungen, unten
       rechts als Auskragung, oben über die ganze Breite als angeschrägtes
       Rechteck und links als krummer Keil.
       
       Dazwischen ziehen sich schmale unregelmäßige Flächen, auf die wilde
       Pinselstriche pastöses Blau geklatscht haben, plus ein paar schmutzweiße
       Kräusel. Das Werkverzeichnis fordert dazu auf, in dieser Antilandschaft
       einen Moorgraben zu sehen, und das muss stimmen: Schließlich gab es 1900
       noch keine abstrakten Gemälde, und diesen Weg hat Paula auch nicht
       weiterverfolgt.
       
       „Ich fühle“, schreibt sie schon 1899 in Bezug auf ihre sie selbst
       befremdenden Ziele als Malerin, „dass alle Menschen sich an mir
       erschrecken, und doch muss ich weiter.“ Dieser Drang teilt sich hier noch
       immer mit. Er berührt noch heute. Ihn zu feiern, gibt es also allen Grund.
       
       9 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pasolini-und-Carpaccio-im-Museum/!6131344
 (DIR) [2] /Debatte-um-einen-Rembrandt-im-Starkregen/!5944689
 (DIR) [3] https://secession-verlag.com/buecher/hiersein-ist-herrlich
 (DIR) [4] /Die-Malerin-Berthe-Morisot/!5612938
 (DIR) [5] http://dianearthistory.com/
 (DIR) [6] https://www.latribunedelart.com/spip.php?page=docbig&id_document=13480&id_article=3736&lang=fr
 (DIR) [7] /Analogie-des-Gefuehls/!671229&s=Paula+Modersohn+Becker+Biografie/
 (DIR) [8] /Das-Paula-Modersohn-Becker-Rennen/!305843&s=Paula+Modersohn+Becker+Biografie/
 (DIR) [9] https://www.neuegalerie.org/collection/modersohnbecker2024
 (DIR) [10] https://www.artic.edu/exhibitions/9592/paula-modersohn-becker-i-am-me
 (DIR) [11] /Die-Malerin-Hilma-af-Klint/!5065222
 (DIR) [12] https://www.museum-barberini.de/de/ausstellungen/9500/munch-lebenslandschaft
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Bildhauerei
 (DIR) Biodiversität
       
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