# taz.de -- Männlich altern: Der erwachsene Herr Taschenbier
       
       > Männer müssen nicht hässlich, einsam oder unnahbar werden. Dafür müssen
       > sie sich mit toxischen Männlichkeitsbildern auseinandersetzen und Glück
       > haben.
       
 (IMG) Bild: Alter Mann, was nun? Ein clean oder ein dirty old man werden, oder gibt es etwa noch weitere Optionen?
       
       Mit dem Sterben hat sich mein Vater sehr schwer getan. Was vielleicht auch
       daran lag, dass er sich sein Leben scheinbar leicht organisiert hatte. Er
       hatte eine gut bezahlte, krisenfeste, nicht zu fordernde Arbeit, bei der er
       beliebt war, die aber nicht Sinn und Befriedigung stiften musste – dafür
       gab es Schach und Politik, die Berge in jüngeren und den Garten in späteren
       Jahren. Am Wochenende ging er seinen Hobbys nach, meist ohne seine Familie.
       
       Dazu eine Partnerin, [1][die ihm alles Praktische im Leben abnahm, vom
       Haushalt bis zur Kindererziehung]. Sich um die Steuer und Versicherungen
       kümmern, das Auto in die Reparatur bringen, das waren hingegen Tätigkeiten,
       die mein Vater auf sich nahm. Weil sie ihm als männlich galten. Und er
       wollte ein Mann sein, einen Mann darstellen, schließlich war er das einzige
       Kind, der einzige Sohn und auch der einzige Mann im Haus, nachdem sein
       Vater schon kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in
       Gefangenschaft geraten und dort verstorben war.
       
       Die Hypochondrie meines Vaters mit seinen wöchentlichen Arztbesuchen sorgte
       für Heiterkeit in der Familie. Ich glaube, der eigentliche Grund für diese
       Arztsucht war der feste Wille, alt zu werden und eben nicht das Schicksal
       seines Vaters zu teilen. Mein Vater hat seinen Vater überlebt, um mehr als
       40 Jahre war er älter geworden, als er mit 87 starb.
       
       Ein voller Erfolg, könnte man sagen, dieses Leben.
       
       Man könnte aber auch die Bilanz ziehen: Das Männlichkeitsbild, das und dem
       sich mein Vater verschrieb, hat ihn unglaublich viel verpassen lassen. Er
       war bei keiner Geburt dabei, hat kein Kind gewickelt und gepflegt, keinen
       Elternabend und keine Schultheateraufführung besucht, er hat keine
       Kinderkotze weggewischt, nie Essen gekocht. Zärtlichkeit seinen Kindern
       gegenüber fiel meinem Vater schwer. Ich denke, sie war ihm unheimlich,
       peinlich, als könnte ihn einer seiner Hitlerjugenderzieher noch dabei
       beobachten und für sein weibisch-undeutsches Verhalten fertig machen.
       
       Erst mit den Enkeln wurde er weicher. Die Enkel liebten ihren Opa und er
       liebte sie. Er selbst und die Umstände hatten sich offensichtlich
       gewandelt. Gelingt Männlichkeit im Alter, wenn man sich aus einer neuen
       Perspektive von überkommenen Männlichkeitsvorstellungen befreit – oder von
       Männlichkeit überhaupt?
       
       ## „Clean“ oder „dirty old man“?
       
       Es ist wohl jedenfalls kein Zufall, dass es so viele populäre Kunstfiguren
       gibt, die eine solche befreite Männlichkeit propagieren, meist in
       Verbindung mit einem magisch-kindlichen (Enkel-)Wesen. Wir denken an
       [2][Meister Eder und den Pumuckl], den etwas jüngeren Herrn Taschenbier und
       das Sams, Petterson und Findus. Diese Männer sind asexuell, einsam, sie
       haben keine intimen oder familiären Bindungen, als stünden sie unter einem
       Liebesverbot.
       
       Früher hätte man sie Hagestolze genannt. Was sie zudem auszeichnet, ist
       eine enorme Geduld mit den ihnen zugefallenen Wesen, in welch peinliche
       Situationen sie durch sie auch immer geraten. Sie haben Zeit und eine
       kindlich-naive Bereitschaft, sich auf das Neue, Übernatürliche, Ungezogene,
       Unerzogene einzulassen – und sie wollen es auch gar nicht erziehen oder
       bleiben bei ihren Versuchen so halbherzig wie erfolglos. Diese Männer sind
       im Grunde kleine, anarchische Jungs: ewige Bastler, verträumte Angler – nur
       der schüchterne Herr Taschenbier darf sich in einer späten Fortsetzung
       verlieben.
       
       Für unsere Zwecke können wir sagen: Der nette alte Mann, der clean old man,
       hat kein Interesse an Intimität zu einem erwachsenen Partner, ob nun
       freundschaftlich oder in einer Liebesbeziehung. Nur unter dieser
       Voraussetzung kann er sein zärtliches, fantasievolles Wesen entfalten. Ein
       anderes Modell männlichen Alterns, das eher der Realität als der Fiktion
       entnommen ist, ist das Verleugnen des Alterns. Und zwar in dem Sinne, dass
       die Erfahrungen der Jüngeren einfach keine Rolle spielen und die eigene
       Jugend perpetuiert wird.
       
       Es ist das viel erörterte Alt-68er- und Boomer-Verhalten, das nach den
       60ern, 70ern, 80ern schlicht nichts mehr gelten lässt, was die eigene
       Männlichkeit in Frage stellen könnte. „Forever young“ stellt sich dann
       allerdings als ein „plötzlich sehr alt“ heraus, genauso wie das
       hemmungslose Anbiedern an Teens und Trends. Beides verharrt im Kindlichen,
       boys will be boys. Da gibt es für uns Männer nichts zu holen außer
       Fremdscham und Mitleid.
       
       Fragen müssen wir uns also, wie man erwachsen, männlich und alt werden und
       sein kann. Ich sehe hier ein Modell in zwei Ausprägungen. Einmal den dirty
       old man: ein Künstler oder Politiker oft, seiner Passion verschrieben.
       Seine emotional-sexuellen Bedürfnisse kann er in Unverbindlichkeit
       ausleben, weil sein sozialer Status ihn jenseits verfallender
       Körperlichkeit attraktiv macht oder weil er genug Geld hat, sich
       Prostituierte unterschiedlicher Ausprägung und einen Hofstaat leistet.
       
       [3][Wir denken nicht zuletzt an die hässlichen, mächtigen alten Männer]:
       Trump, Putin, Musk usw. Diesen dirty old man gibt es aber natürlich auch
       als Deklassierten, eher schäbig, pornosüchtig und von niedrigpreisigeren
       Drogen abhängig.
       
       ## Kränkung, mangelndes Selbstwertgefühl, Schuldzuweisung
       
       Mir geht es nicht darum, mich über solche Männlichkeiten zu erheben. Aber
       ich will über sie sprechen, wie auch der US-Autor Mark SaFranko, der in
       seinem gerade erschienenen Roman „Dear Professor Romance“ über einen
       schmierigen Internet-Männerberater Beobachtungen über drei normale,
       abstoßende, fatale, suchende Männer macht.
       
       Ein paar Zitate: Die Frauen „schauen durch einen durch, als ob man ein
       blöder Telefonmast wäre“; „Frauen in seinem Alter kamen nicht in Frage. Das
       war einfach eine Frage der Ästhetik“; „Sosehr er sich auch den Kopf
       zerbrach, fiel ihm einfach nicht ein, was er mit sich anfangen sollte“;
       „Doug beobachtete die Szene mit toten Augen. Mit Kindern konnte er nichts
       anfangen“; und schließlich: „Er hätte nicht auf Professor Romance hören
       sollen – an allem war dieser Dreckskerl schuld“.
       
       Zusammengefasst: Kränkung und mangelndes Selbstwertgefühl, fehlende
       Selbstreflexion, Unselbständigkeit und emotionale Verwahrlosung,
       hasserfüllte Schuldzuweisung – das sind zweifellos Elemente gegenwärtiger
       toxischer Männlichkeit, denen jeder Mann sich heute stellen muss.
       
       Und dann wird’s halt individuell. Individuell bedeutet auch immer, ob man
       Glück hat oder Pech. Ich hatte Glück. Ich kam mit 40 an einen Job in dieser
       relativ hierarchiearmen Zeitung, der mich in einen Durchlauferhitzer junger
       Menschen wirbelte. Als ich anfing, war mein Kollegium im Ressort so um die
       10 Jahre jünger als ich, heute sind es 20 oder gar mehr als 30 Jahre.
       [4][Ich arbeite mit Menschen zusammen, die so alt sind wie mein ältestes
       Kind]. Ich kann es mir nicht gemütlich machen.
       
       Manchmal sind diese jungen, klugen Menschen ein wenig herablassend,
       manchmal entzückend fürsorglich, manchmal verstehe ich sie nicht, weil sie
       nuscheln, Begriffe gebrauchen, die ich erst lernen muss, oder weil ich
       schlecht höre, aber das ist nicht der Punkt: Ich darf teilnehmen an einer
       gemeinsamen Arbeit, an einem Produkt, das täglich neu entsteht und für alle
       Beteiligten sinnstiftend ist – und ein Publikum findet.
       
       ## Persönliche Situation hängt von einem selbst ab
       
       Schmerz macht böse, sagt mein Therapeut. Und „Alte Männer sind gefährlich,
       ihnen ist die Zukunft gänzlich gleich“, zitiert Dr. Gottfried Benn in
       seinem Vortrag „Altern als Problem für Künstler“ Bernard Shaw.
       Herumkommandiert zu werden macht böse und herumkommandieren nicht minder,
       würde ich ergänzen (und wenn man will: Beides zu vermeiden, ist mein
       Begriff von Männlichkeit).
       
       Für mich allerdings verblassen Begriffe wie Alter oder Männlichkeit im
       Vergleich dazu, was es bedeutet zu arbeiten, gesund zu sein, Liebe oder
       Begeisterung zu empfinden und zu empfangen, Freiheit zu spüren. Oder noch
       mal anders formuliert, wie ich es in einem Waschzettel zum
       Ausstellungskatalog „Die Macht des Alters“ fand: „Egal in welchem Alter
       sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von
       individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen.“
       
       Leider weiß ich auch durch das Schicksal gleichaltriger Freunde und
       Bekannter, dass es eben nicht nur am Individuellen hängt, sondern nicht
       zuletzt an einem sogenannten Arbeitsmarkt, der Ältere gnadenlos aussortiert
       und isoliert, bei gleichzeitigem angeblichem Fachkräftemangel.
       
       Aber was sage ich – lasst es Goethe sagen: „Altwerden heißt, selbst ein
       neues Geschäft antreten, alle Verhältnisse verändern sich und man muss
       entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue
       Rollenfach übernehmen.“ Und was wäre das alles ohne Menschlichkeit, ein
       Empfinden von Nachsicht, von Verzeihen und auch von Trauer – wenn ich mich
       an die zarten Versuche meines Vaters erinnere, mich zu umarmen, zu
       streicheln.
       
       Und der Hass bleibt auf die, die ihn und mich um mehr Nähe gebracht haben.
       Im wesentlichen Männer, aber nicht nur. Denn Männlichkeit wird ein Problem
       bleiben, solange sie als Sache der Männer verhandelt wird.
       
       9 May 2026
       
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