# taz.de -- Globale Ölkrise: Die Welt braucht einen Verbund für Öl
> Beim Ölpreis gilt das Gesetz des Dschungels: Der Stärkere gewinnt. Eine
> globale Allianz sollte Preisobergrenzen festlegen und gemeinsam Druck
> machen.
(IMG) Bild: Folgen der Sperrung der Straße von Hormus: Lange Schlangen an einer Tankstelle in Kambodscha
Die US-Blockade des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus verschärft die
globale Energiekrise. Wenn neben den Energieexporten der Golfstaaten nun
auch noch die iranischen maritimen Exporte stoppen, wird auf den globalen
Märkten ein Viertel des gesamten gehandelten Rohöls fehlen.
Netto-Ölimportländer wie Deutschland oder China werden am stärksten
getroffen. Länder in Asien und Afrika sind bereits mit einer
Energieverknappung konfrontiert, die sich verschlimmern wird.
In einer derartigen Krise zuzulassen, dass Marktpreise über die Verteilung
des Öls entscheiden, heißt, sich dem Gesetz des Dschungels zu unterwerfen.
Die reichen Länder überbieten die armen Länder, mit der Folge, dass die
[1][Reichen ihren Energieverbrauch aufrechterhalten können], während die
Armen aufgrund der hohen Preise ausgeschlossen werden. In Krisenzeiten
führt der Markt zu [2][grob ungerechten Ergebnissen].
Die extrem volatilen Preise der letzten Wochen sind keine [3][rationalen
Vermittlungsmechanismen], sondern Ausdruck von „animal spirits“, die auf
die jüngsten Social-Media-Beiträge von US-Präsident Donald Trump und
Spekulationen über den weiteren Kriegsverlauf reagieren.
Es gibt einen besseren Weg. Statt zuzulassen, dass Preise von der
[4][Marktpanik] diktiert werden, braucht es eine multilaterale
Koordination. Die sollte eine Preisobergrenze auf den Ölmärkten
verteidigen. So könnte man knappe Ressourcen besser verteilen,
wirtschaftliche Folgen minimieren und grundlegende Bedürfnisse der Menschen
decken. Kurz gesagt: Die Welt braucht einen Einkaufsverbund für Öl. Die EU
sollte die Führung übernehmen.
## Gemeinsam Grenzen setzen
Mit einem Anteil von 23 Prozent an den weltweiten Rohölimporten verfügen
die EU-28 bereits über beträchtliche Kaufkraft. Das haben sie während der
letzten Krise gezeigt, als sie eine europäische Notfall-Obergrenze für
Gaspreise verhängten. Doch diesmal ist der Engpass größer, und Öl ist
weltweit austauschbar, sodass es wichtig wäre, dass sich andere
Nettoimporteure anschließen.
Die EU sollte in erster Linie darauf zielen, andere einkommensstarke Länder
einzubeziehen, die wichtige Raffinerien für importiertes Öl betreiben –
insbesondere Japan, Südkorea und Singapur. Länder niedrigen und mittleren
Einkommens haben kaum Optionen, Ölpreise zu überbieten, und daher allen
Grund, sich zu beteiligen.
Sollte sich auch China – der mit einem Anteil von 23 Prozent am
Gesamtvolumen weltgrößte Ölimporteur – für einen Beitritt entscheiden,
hätte der Importverbund den Markt fest im Griff. Im Jahr 2023 kauften die
Nettoimporteure etwas mehr als 80 Prozent des weltweit gehandelten Rohöls.
Das bedeutet, dass sie gemeinsam effektiv als Monopson agieren könnten –
ein Monopol auf der Nachfrageseite.
Eine Koordinierung zwischen der EU und China würde zudem eine starke
geopolitische Botschaft senden und demonstrieren, dass die EU eine
unabhängige Außenpolitik betreibt. Sollte China nicht beitreten, hätte die
EU die seltene Chance, die Führung einer globalen Allianz zu übernehmen.
Der Einkaufsverbund sollte die Ölpreise für physische Lieferungen auf einem
Niveau begrenzen, das für Exporteure immer noch [5][sehr attraktiv] wäre –
sagen wir, 100 US-Dollar pro Barrel.
## Ein Stopp für Übergewinne
Was die Verteilung betrifft, so sollten die einkommensschwachen Länder, da
auf sie lediglich 0,1 Prozent der weltweiten Importe entfallen, ihr
Importniveau aus der Zeit vor dem Krieg beibehalten. Alle anderen Länder
würden ihre Importe um denselben Anteil reduzieren: Wenn etwa ein Viertel
der weltweiten Exporte fehlen, sollte eine Reduzierung der Importe aus der
Zeit vor dem Krieg vereinbart werden.
Den Raffineriebetrieben im Verbund wäre untersagt, Übergewinne zu erzielen.
Stattdessen müssten sie die üblichen Margen an inländische Käufer und
andere Verbundmitglieder weiterverkaufen, wodurch die Preisobergrenze für
Produkte wie Diesel und Flüssiggas gewahrt bliebe.
Die Alternative – Öl dank der Beteiligung aller zu niedrigen Kosten zu
kaufen, aber einen größeren Anteil selbst zu behalten – würde den Verbund
brechen. Länder mit positiven Nettoexporten von Rohöl könnten auch dem
Verbund beitreten. Für Rohölexporteure wie Angola und Ecuador, die wiederum
viele raffinierte Ölprodukte importieren, ist der niedrige Preis attraktiv.
Allgemein betrachtet könnten Exporteure interessiert sein, die inländischen
Ölpreise an den Verbundpreis zu koppeln. So verhindern sie, dass ihre
Bürger unter teuren Preisen leiden. Würde der Verbund eine Preisuntergrenze
einführen – etwa 65 Dollar pro Barrel –, gäbe es für beteiligte
Ölexporteure mehr Stabilität.
Der Einkaufsverbund würde die [6][Inflation begrenzen] und dazu beitragen,
den [7][Rezessionsdruck einzudämmen]. Er würde zu staatlichen Einsparungen
führen, die in den raschen Ausbau kostengünstiger, kohlenstoffarmer
Alternativen investiert werden könnten.
Der [8][Ausbau erneuerbarer Energie] sollte beschleunigt werden. Der
öffentliche Nahverkehr sollte kostenlos sein. Nationale
[9][Energiesparprogramme] können eine gerechte Verteilung knapper
Ressourcen gewährleisten.
## Keine utopische Idee
Der Einkaufsverbund würde keine Engpässe verursachen; diese bestehen schon.
Er wäre ein Mechanismus, um die Kosten gerechter zu verteilen, Solidarität
zwischen den Importeuren zu schaffen und kostspielige Bieterwettkämpfe zu
verhindern.
Inmitten einer [10][Krise des Multilateralismus] mag ein Einkaufsverbund
für Öl utopisch sein. Doch die Idee ist nicht neu. Ein ähnliches System zur
Verteilung von Rohstoffen wurde während des Ersten Weltkriegs für die
Alliierten [11][umgesetzt].
Ein multilateraler Einkaufsverbund für Öl ist genau die Art mutiger
Initiative, die Länder brauchen, um die aktuelle Krise zu überstehen. Für
die EU wäre die Führung einer auf Verteilungsgerechtigkeit basierenden
Initiative mehr als nur gute Wirtschaftspolitik. Angesichts des Zerfalls
der Weltordnung würde sie ihre Position als globale, für Frieden und
Zusammenarbeit stehende Macht stärken.
Aus dem Englischen von Jan Doolan
Copyright: Project Syndicate, 2026.
Das Project Syndicate mit Sitz in Prag ist eine Non-Profit-Organisation,
die internationalen Medien Essays und Meinungsbeiträge von namhaften
PublizistInnen und WissenschaftlerInnen anbietet.
23 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Konsequenzen-aus-dem-Irankrieg/!6172367
(DIR) [2] /Hohe-Energiepreise/!6171182
(DIR) [3] https://www.iza.org/publications/dp/17043/can-price-controls-be-optimal-the-economics-of-the-energy-shock-in-germany
(DIR) [4] https://www.reuters.com/markets/commodities/iran-war-has-shattered-oils-price-compass-2026-04-16/
(DIR) [5] https://www.npr.org/2026/04/09/nx-s1-5745144/oil-company-profits-high-oil-prices
(DIR) [6] https://academic.oup.com/icc/article/33/2/297/7603347
(DIR) [7] https://www.imf.org/en/publications/wp/issues/2023/08/31/unconventional-fiscal-policy-in-times-of-high-inflation-537454
(DIR) [8] /Hohe-Energiepreise-durch-den-Irankrieg/!6171838
(DIR) [9] https://www.project-syndicate.org/commentary/eu-gas-shortage-contingency-plan-by-karsten-neuhoff-and-isabella-m-weber-2022-05
(DIR) [10] /Von-Hormus-nach-Suez/!6172188
(DIR) [11] https://www.nytimes.com/2020/04/15/opinion/coronavirus-trade-medical-supplies.html
## AUTOREN
(DIR) Gregor Semieniuk
(DIR) Isabella M. Weber
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Ölpreis
(DIR) Straße von Hormus
(DIR) Allianz
(DIR) Benzinpreise
(DIR) Fossile Rohstoffe
(DIR) Diesel
(DIR) Europäische Union
(DIR) Wirtschaftswachstum
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Folgen des Irankriegs: Spritflation drückt auf Kauflaune
Die Konsumbereitschaft in Deutschland ist so niedrig wie seit Anfang 2023
nicht mehr. Nicht nur die Inflation bereitet den Menschen Sorgen.
(DIR) Konsequenzen aus dem Irankrieg: Flugverzicht gegen die Ölkrise
Wer nicht unbedingt fliegen muss, sollte nun darauf verzichten, damit der
Ölverbrauch sinkt. Die Bundesregierung muss mit gutem Beispiel vorangehen.
(DIR) Von Hormus nach Suez: Es geht um globale Machtansprüche
Vor 70 Jahren versetzte Ägypten mit der Übernahme des Suezkanals dem
britischen Imperialismus den Todesstoß. Wiederholt sich mit Iran die
Geschichte?
(DIR) Deutsche Wirtschaft in der Krise: Die Regierung muss gegensteuern – und hat drei Optionen
Die hohen Ölpreise als Resultat aus dem Irankrieg belasten die Wirtschaft.
Der fairste und günstigste Weg: Regelsätze der Grundsicherung erhöhen.