# taz.de -- Neumitgliedertreffen von SPD und Linken: Käsebrezeln und Weltrevolution
       
       > Die Linke erlebt einen Mitgliederboom, aber auch in die SPD treten neue
       > ein. Wie werden sie von ihren Parteien begrüßt, was bewegt sie zum
       > Engagement?
       
 (IMG) Bild: Alte und neue Mitglieder der Linken und ihr Kernthema bezahlbare Mieten für die Menschen
       
       Die Lage, in der sich die Linke und die SPD in Berlin gerade befinden,
       könnte kaum unterschiedlicher sein: Die eine regiert mit, die andere nicht.
       Die eine bricht Mitgliederrekorde, die andere hat [1][ihren Rang als
       mitgliederstärkste Partei Berlins verloren]. Doch in beide Parteien treten
       weiterhin neue Mitglieder ein. Wie empfangen die zwei Parteien in so
       unterschiedlichen Situationen neue Mitglieder?
       
       Punkt 18 Uhr stehe ich vor dem Kurt-Schumacher-Haus in Wedding. Hinter
       einer Glastür stehen fein säuberlich aufgereiht Snacks und Getränke auf
       einem Tisch. In wenigen Minuten beginnt hier das Neumitgliedertreffen der
       Berliner SPD. Ein freundlich lächelnder Mann mit Bart öffnet mir die Tür.
       Ich bekomme einen Jutebeutel mit dem Konterfei [2][von Steffen Krach
       gereicht, dem Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl] im September.
       Darin Flyer mit noch mehr Krach-Konterfeis.
       
       In einem weitläufigen Raum mit dunkelgrauem Teppichboden sind Stehtische in
       SPD-rot mit kleinen Schildchen darauf verteilt. Für jeden Bezirk ein Tisch,
       manche teilen sich einen. An dem Stehtisch meines Bezirks wartet ein Mann
       im Hemd, Kevin-Kühnert-groß. Lächelnd erklärt er mir, wann und wo die
       nächste Mitgliederversammlung in meinem Bezirk stattfindet.
       
       Um uns herum füllt sich der Raum langsam, ein Social-Media-Team wuselt
       durch die Reihen. Eine Jura-Studentin im ersten Semester stößt zu uns. Sie
       wirkt etwas unentschlossen. Den Jusos möchte sie sich jedenfalls nicht
       anschließen, die seien zu radikal, ihr Vorsitzender Philipp Türmer zu alt
       und Forderungen wie das bedingungslose Grundeinkommen Unsinn.
       
       Ein älterer Herr hört lange zu, isst eine Käsebrezel. Die könne er sehr
       empfehlen. Warum er in die SPD eingetreten ist? In seinem Alter habe er auf
       Politik eigentlich keinen Heißhunger mehr, aber irgendeine Beschäftigung
       habe er mit Beginn der Rente nun mal gebraucht. Er zählt dann doch einige
       Probleme auf: die Autobahnen, die Gleise, die Wohnungsnot. Eigentlich könne
       ihm das alles aber egal sein, das betreffe ihn gar nicht mehr. Mit einem
       20- oder 30-jährigen „würde ich wirklich nicht tauschen wollen“, sagt er.
       
       ## Irgendwas muss man doch machen
       
       Viele nennen den Rechtsruck und die zunehmenden Angriffe auf die Demokratie
       als Grund. Irgendwas müsse man in der aktuellen Situation doch machen,
       meint eine quirlige Frau mittleren Alters. Ob die SPD-Mitgliedschaft dafür
       der richtige Weg ist, damit hadert sie aber noch. Ihr Sohn solle besser
       nichts davon erfahren. Der wähle die Linke. Doch die sei für sie immer noch
       zu sehr SED.
       
       Überhaupt die Linke. Dass die Linke mit ihrem voll auf Mieten und andere
       klassische SPD-Themen zugeschnittenen Wahlkampf der SPD das Rathaus
       streitig machen könnte, das ahnen auch schon die Neumitglieder. Zu
       populistisch seien die, hört man immer wieder. Manche stören sich an der
       prominenten Rolle, die der Nahostkonflikt in der Partei eingenommen hat.
       
       Mittlerweile haben sich gut 60 Menschen im Erdgeschoss des
       Schumacher-Hauses versammelt. Es herrscht leichter Männerüberschuss, der
       Altersdurchschnitt liegt zwischen 40 und 50. Ein Querschnitt durch die
       Gesellschaft ist es nicht, aber eine akzeptable Annäherung.
       
       [3][Landesvorsitzende Bettina König], die sich selbst in der Vergangenheit
       als „sehr linke Frau“ beschrieben hat, begrüßt mit breitem Lächeln die
       Neulinge. Wer sich ohnmächtig fühle und etwas zum Positiven bewegen möchte,
       der sei hier genau richtig. Sie wechselt routiniert in den Wahlkampfmodus:
       Wegners Tennisdebakel, die vereisten Straßen. Berlin werde „wirklich
       schlecht regiert“. Dass die SPD Teil der Regierung ist, erwähnt sie nicht.
       
       ## Tom Cruise trifft Alexander Marcus
       
       Jetzt wäre eigentlich [4][die Zeit für Spitzenkandidat Steffen Krach]
       gekommen. Da der aber noch im Stau steht, bekommen die Neumitglieder die
       Chance zu erzählen, warum sie in die SPD eingetreten sind. Niemand traut
       sich so recht, dann ergreift doch noch ein junger Mann mit dunklem Haar das
       Mikrofon. Der Bildungsbereich sei ihm wichtig, Stichwort KI. Auch bei der
       BVG könne man was machen und die Silvesterparty gehöre wieder nach Berlin.
       Ansonsten möchte sich niemand mehr vorstellen, wir gehen wieder in den
       „Unter-uns-Austausch“.
       
       Der Gesprächspegel wird wieder lauter, viele unterhalten sich angeregt. Ein
       leichter Schweißgeruch liegt in der Luft. Dann kommt Steffen Krach.
       Dunkelblauer Anzug, das Gesicht Tom Cruise mit einem Hauch Alexander
       Marcus. In die SPD ist er eingetreten, weil ihn Ende der neunziger Jahre
       die BAföG-Reform der rot-grünen Regierung überzeugte. Überhaupt gebe es
       viele Gründe, Mitglied in der SPD zu sein. Und – so schlägt Krach den Bogen
       – deshalb gehe es darum, bis zur Wahl wieder mitgliederstärkste Partei in
       Berlin zu werden.
       
       Umso mehr werden jetzt die Neuankömmlinge gebraucht. Jeder verteilte Flyer,
       jede beklopfte Haustür zählt. Krach möchte keine lange Rede über das
       Wahlprogramm halten, nennt dann aber doch ein paar Themen. Beim Wohnraum
       habe man in den letzten Jahren nicht immer alles richtig gemacht, aber
       jetzt ein gutes Konzept gefunden. Schade nur, dass es noch nicht während
       der letzten zwanzig Jahre Regierungsbeteiligung geklappt hat.
       
       Anschließend läuft Krach durch den Raum, schüttelt Hände. Kleine Trauben
       bilden sich um ihn, das Social-Media-Team filmt mit. Der ältere Herr, dem
       eigentlich alles egal sein könnte, steht neben ihm und öffnet eine Tüte
       Gummibärchen.
       
       ## Ein Gregor, aber kein Gysi
       
       Rund 24 Stunden später hängen die Neuankömmlinge im Karl-Liebknecht-Haus,
       der Parteizentrale der Linken am Rosa-Luxemburg-Platz, ihre Jacken auf.
       Vorbei an Wasser, Tee und Snackboxen geht es in einen größeren Saal. Über
       100 Neumitglieder zwängen sich in enge Stuhlreihen. Neben dem Eingang
       bildet sich vor einer Anwesenheitsliste eine Schlange, es läuft leise
       Musik. Klingt nach Phil Collins. Trotz der vielen Menschen herrscht
       schüchterne, fast andächtige Stille. Das Publikum ist jung. Als später
       jemand nach den unter 35-Jährigen fragt, gehen gut drei Viertel der Hände
       hoch.
       
       Begrüßt werden wir von Gregor. Er spricht mit sanfter Stimme, so, als würde
       er die neuen Kinder einer Kitagruppe begrüßen. Ein bisschen müde wirkt er.
       Die vielen Neumitgliederversammlungen scheinen ihm in den Knochen zu
       stecken. Kurz darauf ergreift [5][Landeschefin Kerstin Wolter] das Wort und
       kommt gleich auf die mittlerweile 17.200 Mitglieder zu sprechen: [6][Die
       Linke hat jetzt mehr Neumitglieder in ihren Reihen, als sie noch vor zwei
       Jahren insgesamt hatte], auch wenn der Boom zuletzt ins Stocken gerate ist.
       
       Wolter nennt das vorsichtig eine „interessante Situation“. Als wir im
       Anschluss Fragen stellen dürfen, gehen aus dem eben noch so ruhigen
       Publikum sofort mehrere Hände hoch. WBS-Subventionierung, [7][Mietendeckel
       für kommunale Wohnungen] und so weiter. Die Neuen sind vorbereitet.
       
       Wir werden für eine Vorstellungsrunde in kleine Gruppen eingeteilt. Ich
       lande in einer Gruppe mit drei anderen. Warum sie in die Linke eingetreten
       sind? „CDU, ne?“ sagt ein Mittdreißiger, die Cap tief ins Gesicht gezogen,
       Blickkontakt vermeidend. Was der Friedrich Merz von sich gebe, sei schlimm,
       sagt er, „immer nur nach unten treten“, und fügt dann noch ein vielsagendes
       „BlackRock“ hinzu.
       
       ## „Die einzig vernünftige Partei“
       
       „Die Weltlage“ antwortet ein anderer. So viel passiere gerade. Da habe er
       den Entschluss gefasst „in die einzige vernünftige Partei“ einzutreten. Nur
       mit der Haltung der Partei im Ukrainekrieg habe er gehadert, da stimme er
       eher der „pragmatischeren“ Haltung der Grünen zu. Die anderen beiden
       möchten über das Thema Ukraine lieber nicht reden, eine „schwierige Lage“
       sei das, man hätte es gar nicht erst so weit kommen lassen sollen.
       
       Dann unternimmt Gregor mit uns einen Ausflug in die Parteiorganisation,
       Gremien, Ausschüsse, AGs. Kurz darauf erscheint die Fraktionsvorsitzende
       eines Berliner Bezirks und wird von ihm befragt („Welchen Baustein liefert
       Kommunalpolitik für die Weltrevolution?“). Sie wirkt etwas gehetzt, kommt
       von einem Termin und muss gleich zum nächsten. Das Thema ist aber ein
       Selbstläufer: Das Publikum stellt nicht nur die Fragen („Warum ist die
       Fahrradinfrastruktur auch in früher links regierten Bezirken miserabel?“)
       sondern gibt auch gleich die Antworten („Die Partei ist jetzt eine ganz
       andere“).
       
       Nach zwei intensiven Stunden findet die Veranstaltung ihr Ende. Kleine
       Grüppchen bilden sich um Vertreter der Bezirksverbände, die den Neuen die
       nächsten Schritte erklären. Aus meinem Bezirk ist niemand da. Vor einem
       Tisch mit Stickern wie „Queer Space Communism“ oder „1312 Straßenbande“
       unterhalte ich mich mit einer jungen Frau, aus deren Bezirk auch kein
       Vertreter gekommen ist. Gut aufgehoben fühlt sie sich hier – nur ihre
       Mutter, die würde durchdrehen, wenn sie wüsste, dass sie der Linken
       beigetreten ist. Die sei nämlich eine richtige „SPD-Maus“.
       
       Gegen 20 Uhr stehe ich wieder draußen vor dem Karl-Liebknecht-Haus. Ich
       frage mich, was die beiden Parteien wohl aus ihren neuen Mitgliedern bis
       zur Landtagswahl machen. Oder machen die Neuen etwas aus ihnen?
       
       22 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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