# taz.de -- Sachbuch über Armut und Arbeit: „Wenn ich Geld für Reisen ausgebe, fühle ich mich schuldig“
       
       > Miriam Davoudvandi hat ein Buch über das Aufwachsen in armen
       > Verhältnissen geschrieben. Ein Gespräch über Scham, Aufstieg durch Arbeit
       > und Haftbefehl.
       
 (IMG) Bild: „Wir haben aus den Erfahrungen unserer Eltern gelernt“
       
       taz: Frau Davoudvandi, Sie berichten in Ihrem Buch von eigenen Erfahrungen
       mit dem Aufwachsen in Armut in Rumänien und in Deutschland. Warum war Ihnen
       diese persönliche Perspektive wichtig? 
       
       Miriam Davoudvandi: Gesellschaftliche Analysen und Statistiken zu Armut
       beziehen oft keine Stimmen und Perspektiven von Betroffenen ein, die aber
       nötig sind, um wirkliche Veränderung anzustoßen. Für mich und Millionen
       andere, die [1][von Armut betroffen] sind, ist das Thema immer persönlich.
       Gespräche darüber brauchen beides: persönliche Geschichten, um zu
       verstehen, wie sie sich auf die Leben von Menschen auswirkt, und
       analytische Zugänge, um das Ausmaß und die strukturellen Ursachen dahinter
       zu verstehen.
       
       taz: Wie haben diese Erfahrungen Ihren Blick auf die Gesellschaft geprägt? 
       
       Davoudvandi: Ich habe früh gelernt, dass das sich ewig haltende Narrativ
       der Meritokratie, dass jeder, der hart genug arbeiten würde, es schaffen
       würde, dass „jeder seines Glückes Schmied“ ist, eine gefährliche Lüge ist,
       die politische Wut in Leistung umzuwandeln versucht. Meine Familie hat in
       zwei, drei Jobs bis tief in die Nacht gearbeitet, wir hatten kein Auto,
       keine Urlaube – und trotzdem rote Zahlen auf dem Konto. Ich wüsste nicht,
       wo man da noch härter hätte arbeiten sollen.
       
       taz: Glauben Sie, Teil des Problems ist, dass die Gespräche meistens von
       Nicht-Betroffenen geführt werden? 
       
       Davoudvandi: Ja, auf jeden Fall. Ich sehe kaum Repräsentation von Menschen,
       die Armut tatsächlich erleben. Nicht-Betroffenen fehlt das [2][Verständnis
       für diese Lebensrealität]. Wie sollen ohne dieses Verständnis aber
       grundlegende Veränderungen angestoßen werden? Ein gutes Beispiel davon, wie
       verzerrt das Bild von Armut ist, ist der Bestseller „Klasse – Die
       Entstehung von Oben und Unten“ von Hanno Sauer. In einem Beispiel
       unterteilt er Klassen danach, wer sich Luxusgüter wie Louis-Vuitton-Taschen
       leisten kann und wer nicht. Dabei reden wir hier von Menschen, die nicht
       wissen, wie sie sich am nächsten Tag einen Pack Wasser kaufen sollen. Genau
       so etwas passiert, wenn Betroffene nicht zu Wort kommen.
       
       taz: Wieso kommen Betroffene so selten zu Wort? 
       
       Davoudvandi: Das ist strukturell bedingt. Dass der Diskurs zu Armut oft auf
       der akademischen Ebene von Außenstehenden geführt wird, schließt alle aus,
       die keinen Zugang dazu haben. Gleichzeitig sind arme Menschen oft extrem
       stark belastet. Wer permanent am Malochen ist, hat kaum Zeit oder Energie,
       für politische Kämpfe ein- oder medial aufzutreten. Hinzu kommt die
       Stigmatisierung. Armsein ist weiterhin scham- und schuldbehaftet. Deswegen
       verstehe ich, dass viele Menschen ihre Lebenssituation nicht öffentlich
       diskutieren möchten.
       
       taz: Sie kritisieren die stigmatisierende Darstellung von Armut. Was stört
       Sie genau? 
       
       Davoudvandi: Medien spielen bei der Stigmatisierung eine riesige Rolle.
       Dabei gibt es verschiedene Narrative: Voyeuristisches Draufhalten, wie
       schlecht es armen Menschen geht und dass sie nicht ohne die Hilfe von RTL
       ihre Wohnung einrichten können oder aus den Schulden rauskommen. Genauso
       voyeuristisch ist das ständige Zeigen von Penny-Markt-Dokus oder
       „Asi-Familien“. Diese Sendungen haben den Effekt, dass sich die
       Zuschauer_innen besser fühlen sollen. Nach dem Motto: Uns geht es gar nicht
       so schlecht und wir sind nicht wie die „Schmarotzer“ aus dem Fernsehen.
       Niemand möchte arm sein oder als arm wahrgenommen werden. Eine Abgrenzung,
       die ich auch als Selbstschutzmechanismus verstehe. Auf der anderen Seite
       werden gerne einzelne Aufstiegsgeschichten erzählt. Dort erscheint es so,
       als ob Personen nur genug Fleiß haben müssen, um sich selbst aus der Armut
       zu helfen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass arme Personen selbst schuld
       an ihrer Lage sind. Beide Narrative klammern strukturelle Umstände komplett
       aus.
       
       taz: Wie hängen Scham und Schuld Ihrer Erfahrung nach zusammen, wenn es um
       Armut geht? 
       
       Davoudvandi: Das Schämen beginnt oft schon in der Kindheit. Kinder merken,
       dass es bei ihren Freund_innen zu Hause anders aussieht, dass diese
       Markenschuhe statt Discountersneakers tragen und in den Urlaub fahren. Auch
       ich habe mich in meiner Jugend für die eigenen Verhältnisse geschämt, was
       wiederum Schuldgefühle gegenüber der Familie hervorruft, die sich
       abrackert, um den Lebensunterhalt zu sichern. Beim Klassenaufstieg kommt
       eine neue Form von Schuld dazu. Jetzt merke ich: Wenn ich in Räumen bin,
       die meinen Eltern nie zugänglich waren, [3][Geld in Restaurants] und für
       Reisen ausgebe, fühle ich mich schuldig. Beides, die Schuld und die Scham,
       entstehen dadurch, dass strukturelle Ungerechtigkeiten auf Individuen
       abgewälzt werden. Es wird suggeriert, wir sind selbst an unserer Situation
       schuld, was wiederum Scham darüber erzeugt, sich nicht selbst helfen zu
       können.
       
       taz: Wie kann über Armut gesprochen werden, ohne Betroffenen die
       Handlungsfähigkeit abzusprechen, aber auch ohne in diese
       Selbstverschuldungsnarrative zu verfallen? 
       
       Davoudvandi: Es hilft, mit Betroffenen zu sprechen. Und sich bewusst zu
       machen: Nur weil jemand arm ist, heißt das nicht, dass diese Person ihre
       Situation nicht reflektiert. Begriffe wie „bildungsferne Haushalte“ sind
       irreführend. Viele arme Menschen denken politisch und wissen genau, in
       welchen Strukturen sie feststecken. Wir brauchen Betroffene, die sprechen,
       aber auch ein gesellschaftliches Klima, in dem sie dafür nicht
       stigmatisiert werden. Es sollte nicht darum gehen, wie schlimm die Leute
       leben oder wie beeindruckend einzelne Aufstiegsgeschichten sind, sondern
       darum, Realitäten zu verstehen und so strukturelle Veränderungen
       anzustoßen.
       
       taz: Auf der politischen Ebene gibt es aktuell aber eher Veränderungen hin
       zu weniger Arbeitnehmerrechten und Kürzungen von Sozialleistungen. Glauben
       Sie, der Abbau von Armut ist politisch überhaupt gewollt? 
       
       Davoudvandi: Nein. Aktuell sind mehr als 13 Millionen Menschen in
       Deutschland von Armut bedroht. Die Tendenz ist steigend. Es gibt unzählige
       Ideen und Konzepte, Teile von Armut zu bekämpfen: Kindergrundsicherung,
       keine Sanktionierung von Menschen, die sich ÖPNV-Tickets nicht leisten
       können, Mietendeckel, höhere Reichen- und Erbschaftssteuern, Kulturtickets.
       Stattdessen gibt es gerade Sozialkürzungen, das neue Bürgergeld, Inflation,
       den Wegfall kostenloser, günstiger dritter Räume. Die aktuelle
       Bundesregierung bietet rechten Populisten gerade den saftigsten Nährboden.
       
       taz: Sie beobachten in Ihrem Buch, wie unterschiedlich Generationen mit
       Arbeit und Armut umgehen. Bei Ihren Eltern, die mit der Migration nach
       Deutschland vom Flugzeugtechniker zum Maler und von der Krankenschwester
       zur Putzfrau geworden sind, beschreiben Sie, wie sehr sie sich über die
       eigene Nützlichkeit auf dem Arbeitsmarkt definierten. In Ihrer Generation
       hat sich die Perspektive auf Arbeit verändert: Viele fordern eine neue
       Arbeitskultur. Wie nehmen Sie das wahr? 
       
       Davoudvandi: Ich glaube, meine Generation versteht, dass das
       Sich-Kaputtarbeiten nichts Ehrenhaftes ist, und fordert ein strukturelles
       Umdenken. Wir haben aus den Erfahrungen unserer Eltern gelernt, für die
       Arbeit oft zur Identität geworden ist beziehungsweise dazu gemacht wurde.
       Wir haben gesehen, dass sich abzuarbeiten nicht automatisch finanzielle
       Sicherheit oder Aufstieg bedeutet und wollen so nicht weitermachen.
       
       taz: Haben Sie innerhalb Ihrer Familie Wege gefunden, über dieses Umdenken
       zu sprechen? 
       
       Davoudvandi: Ich habe es versucht und wir haben sehr viele Gespräche
       geführt, aber manche Denkweisen und Gewohnheiten sind zu fest verankert.
       Wir haben über Scham diskutiert und darüber, was ich schreiben darf und was
       nicht. Ich habe gemerkt: Meine politischen Kämpfe lassen sich nicht
       unbedingt auf mein Familienleben übertragen. Ich würde meinen Eltern etwa
       gerne Dinge ermöglichen, die sie sich nie leisten konnten, aber oft wird es
       nicht angenommen.
       
       taz: Hängt der Unterschied in der Wahrnehmung von Armut auch mit wachsendem
       Austausch über digitale Medien zusammen? 
       
       Davoudvandi: Ja und nein. Je mehr Leute in ähnlichen Situationen sichtbar
       sind, desto leichter fällt es, darüber zu sprechen. Das trifft auch auf
       Gespräche zu anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus zu,
       die oft mit Armut zusammenhängen. Rassifizierte Menschen sind zum Beispiel
       statistisch öfter arm. Auch bislang tabuisierte Themen wie mentale
       Gesundheit werden heute in den sozialen Medien verhandelt. Das ist wichtig
       für das Selbstverständnis, denn wer arm ist, dem geht es eher mental
       schlecht und andersherum. Auf der anderen Seite sind dort aber auch neuer
       Konservatismus oder das unkritische Feiern von Luxus zu beobachten.
       
       taz: Sie arbeiten auch als Musikjournalistin und beginnen jedes Buchkapitel
       mit Zitaten aus Rapsongs, etwa von Haftbefehl und Apsilon. Welche Rolle
       spielen Rap und Popkultur in Ihrer Auseinandersetzung mit Armut? 
       
       Davoudvandi: Für mich persönlich war Rap das erste Mal, dass ich meine
       Erfahrungen mit Armut repräsentiert gesehen habe. Mit seinen Wurzeln in der
       Schwarzen Community in den USA hat Rap von Anfang an Armut, Rassismus und
       mentale Gesundheit aus gelebter Erfahrung thematisiert. Das war
       ausschlaggebend für meine Auseinandersetzung damit. Ich glaube, Musik und
       andere künstlerische Ausdrucksformen sind oft ehrlicher als politische
       Debatten und erreichen mehr Leute.
       
       29 Apr 2026
       
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