# taz.de -- Klassenkampf auf der Theaterbühne: Nicht nur die Sessel sind rot
> Olivier David ist in armen Verhältnissen groß geworden und hat darüber
> ein Buch geschrieben. Jetzt bringt er „Keine Aufstiegsgeschichte“ auf die
> Bühne.
(IMG) Bild: Handstand zwischen Getränkekühlschränken und Warenregalen
Ein ungewöhnlicher Anblick bietet sich dem Publikum des Hamburger Ernst
Deutsch Theaters: Zwei junge Männer in Jogginganzügen rappen auf der Bühne
und sind dabei alles andere als peinlich. Es wirkt wie ein echtes
Deutschrap-Konzert: authentisch, ohne auf ein pseudo-akademisches Niveau
überhöht zu sein, wie es bei anderen Inszenierungen zu beobachten ist. Das
Einzige, was stört, sind die roten Samtsessel, in denen alle
Besucher:innen sitzen bleiben müssen.
Die Zuschauer:innen sehen ein Stück über den Autor Olivier David. Nach
einer Kindheit in Armut, einem abgebrochenen Schulbesuch und einigen
Gelegenheitsjobs entschließt sich der gebürtige Hamburger, erst
Schauspieler und später Journalist zu werden. Sein Weg dorthin ist
allerdings geprägt von Panikattacken und Depressionen. Sein Volontariat
muss er aufgrund einer psychischen Erkrankung abbrechen. Er lebt ein halbes
Jahr von Krankengeld – und schreibt ein Buch.
„Keine Aufstiegsgeschichte“ heißt das Memoir, das David 2022 veröffentlicht
hat. Sein Credo: [1][Armut macht in vielen Fällen psychisch krank], sei es
durch ein nicht funktionierendes Elternhaus oder durch Ausgaben, die kaum
zu stemmen sind. Zusammen mit Regisseur Marco Damghani und dem Ensemble des
Ernst-Deutsch-Theaters hat David seine Geschichte nun auf die Bühne
gebracht.
## Kein Geld
Einfach nacherzählt wird diese allerdings nicht. Für die Theateradaption
wurde die Thematik auf einen Tag komprimiert, an dem der Figur des Autors
ein Preis verliehen wird, weil er es „aus der Gosse auf die Theaterbühne“
geschafft hat. Er sei ein Beispiel dafür, dass jeder es schaffen kann.
Olivier David lehnt diese neoliberalen Ideale eigentlich ab, in seinem Fall
könnten sie streng genommen aber sogar zutreffen: Nicht jeder hat das
Privileg, seine Geschichte in einem Buch oder auf der Theaterbühne zu
erzählen.
David ist sich dessen durchaus bewusst. Er verweist jedoch auf die prekären
Verhältnisse, die auch in der Kulturbranche vorherrschen. Somit sei es zwar
ein anderes Milieu, aber immer noch die gleiche Klasse, in der er sich
verortet. [2][„Wenn man wenig Geld hat, steht man auf derselben Seite“],
sagte er dazu 2022 in einem Interview mit der taz.
Auch im Theaterstück hat die Figur des Olivier kein Geld. Einen Anzug für
die Preisverleihung oder ein Bahnticket kann er sich nicht leisten.
Gleichzeitig leidet er an Depressionen, führt eine schwierige Beziehung zu
seiner ebenfalls psychisch instabilen Mutter und fühlt sich von seiner
Schwester im Stich gelassen. Die Beziehung zu seiner Freundin Maryam leidet
unter seinen Problemen.
Gezeigt wird all das in einem Videospiel-Setting. Ein klug gewähltes Bild,
denn es vermittelt das Gefühl des Scheiterns und des Weitermachens trotz
allem. Für seine „Quests“, seine Aufträge, stehen ihm fünf Leben zur
Verfügung, die von fünf Schauspieler:innen verkörpert werden. Nach
jedem „Game Over“ verkörpert eine neue Person die Figur des Olivier. Es ist
kollektives Schauspiel.
Das Stück begleitet Olivier durch seinen aufreibenden Tag. Es ist dabei,
wenn er seiner Mutter von seiner Depression erzählt, keinen Briefkasten
findet, weil die Jugendgangs im Viertel alle abgefackelt haben, oder wenn
er einen Portugalurlaub mit seinen reichen Freund:innen absagen muss,
weil er sich diesen nicht leisten kann.
## Klassenkampf durch und durch
Die wahren Höhepunkte der Inszenierung sind jedoch die Rap-Performances der
Schauspieler José Barros Moncada und Oscar Hoppe. Sie bringen den
[3][kapitalismuskritischen Deutschrap des Hamburger Rappers Disarstar]
überzeugend und authentisch auf die Bühne und kreieren dadurch die
intensivsten und aufrührerischsten Momente des Stücks. Dafür gab es sogar
Lob von Disarstar persönlich auf Instagram.
Die Vorstellung endet mit einer improvisierten Dankesrede auf einer
Preisverleihung, die sich jedoch ziemlich schnell in klassenkämpferischen
Parolen verliert. Es wird gegen die Reichen gehetzt, die auf ihren Yachten
sitzen, während die anderen im Wasser kaum den Kopf über Wasser halten
können. Ein Bild des „Arm gegen Reich“, des „Wir gegen die“. Klassenkampf
eben.
Dabei entsteht ein spannender Konflikt: Das Publikum des
Ernst-Deutsch-Theaters ist trotz einer [4][Neuausrichtung im letzten Jahr]
nach wie vor überwiegend dem gutsituierten Bürgertum zuzuordnen. Inwieweit
sich Teile des Publikums auf Klassenkampf einigen können, ist nicht ganz
ersichtlich. Der Großteil im Saal belohnte die Premieren-Aufführung im
Februar jedoch mit Standing Ovations.
Dennoch bleibt es spannend, ob das Ernst Deutsch Theater zu einem
Anlaufpunkt des „Proletariats“ werden kann. „Keine Aufstiegsgeschichte“
wirkt wie ein Stück, das sein Publikum erst noch finden muss. Seine
Spielstätte setzt dafür bereits erste Anreize: [5][Bis Ende März müssen
Schüler:innen, Studierende oder Auszubildende nur so viel für den Eintritt
zahlen], wie sie aufbringen können. Es scheint zumindest ein Anfang zu
sein.
8 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gesundheit-als-Klassenfrage/!5978639
(DIR) [2] /Autor-ueber-prekaeres-Aufwachsen/!5836827
(DIR) [3] /Hamburger-Rapper-Disarstar-Einer-der-in-kein-Raster-passt/!6108990
(DIR) [4] https://www.ardmediathek.de/video/hamburg-journal/ernst-deutsch-theater-neuer-intendant-daniel-schuetter/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8zYjZkMDE1OS00YTc1LTQ1NGQtYTFiZC0xZWI4NjYzZjk1ZGE
(DIR) [5] https://szene-hamburg.com/pay-what-you-want-winter-ernst-deutsch-theater/
## AUTOREN
(DIR) Johannes Strauch
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