# taz.de -- Buch über Kreuzberger Gang 36 Boys: Von der Gang zur Gentrifizierung
       
       > Das Buch „36 Boys“ von Paul Christoph Gäbler erzählt die Geschichte der
       > Berliner Straßengangs der 80er und 90er Jahre. Geprägt waren diese von
       > „Gastarbeiter“-Söhnen.
       
 (IMG) Bild: Kreuzberg im Mai 1987: Ruine des in der Nacht abgebrannten Discountgeschäfts Bolle am Görlitzer Bahnhof
       
       „Was tun Jugendliche, die sich in ihrer Heimat nicht akzeptiert fühlen?“
       Dieser Frage geht Paul Christoph Gäbler in seinem Buch „36 Boys – Wie eine
       Kreuzberger Gang zur Legende wurde“ am Phänomen der Berliner Straßengangs
       der 80er und 90er Jahre nach. Jedem der zwölf Kapitel steht eine Fotografie
       voran: „Neues Kreuzberger Zentrum“, die Gangmitglieder in schwarzen
       Bomberjacken oder die während der anarchischen 1.-Mai-Feierlichkeiten im
       Jahr 1987 geplünderte und ausgebrannte Filiale der Supermarktkette „Bolle“.
       
       Im damaligen Kreuzberg – eingekeilt zwischen Spree, Mauer und Abrisshäusern
       – war die Gentrifizierung des Bezirks zum teuersten Berlins nicht
       abzusehen: die Wiener Straße, schreibt Gäbler, sei die mit dem geringsten
       Pro-Kopf-Einkommen Berlins gewesen, die Jugendarbeitslosigkeit habe bei 50
       Prozent gelegen (70 bei migrantischen Jugendlichen) und Westberlin sei
       offiziell nicht Teil der Bundesrepublik gewesen – man wurde nicht zur
       Wehrpflicht eingezogen, konnte jedoch auch nicht an der Bundestagswahl
       teilnehmen.
       
       In diesem Klima eines von der Politik vergessenen, sich selbst überlassenen
       „Hinterhof Berlins“ – Kreuzberg 36, benannt nach dem ehemaligen
       Postzustellbezirk Südost 36 – gründeten „Gastarbeiter“-Söhne die Gang, aus
       der unter anderen HipHop-Pionier Attila Murat Aydın aka „Mighty Maxim“,
       Kickbox-Weltmeister Muzaffer „Muci“ Tosun, Rapper Killa Hakan, Film- und
       Theaterregisseur Neco Çelik sowie Sternekoch Tim Raue hervorgingen.
       
       Dass nun ausgerechnet ein Zehlendorfer ihre Geschichte erzählt, bringt das
       Publikum bei der Buchpremiere in der „Bar Fahimi“ am Kottbusser Tor zum
       Schmunzeln. Er habe das Buch mit den 36 Boys geschrieben, betont Gäbler
       mehrfach und gibt zur Gesichtswahrung eine Anekdote zum Besten: Er komme
       aus Zehlendorf, Wiege der CDU-Wähler, habe er dem ehemaligen „Thirtysixer“
       Tuncay aka „Tuci“ beim ersten Treffen selbstironisch offenbart. Der
       wiederum hätte erwidert: „Schon mal drüber nachgedacht, dass ich vielleicht
       auch CDU wähle?“
       
       ## Viele Parallelen zur Gegenwart
       
       Das Buch, das szenische Passagen wie Tim Raues Aufnahmeritual mit
       dokumentarischen verwebt, evoziert beim Lesen immer wieder Entsetzen: wie
       im juristischen Gerichtsurteil zur Tötung Attila Murat „Mighty Maxim“
       Aydins, der im Zuge eines Disputs von einem Rentner in Köpenick auf offener
       Straße erstochen wurde. Der Angeklagte, entschied das Gericht, habe aus
       Notwehr gehandelt, da „er sich von der Erscheinung Maxims eingeschüchtert
       gefühlt“ habe, und wurde freigesprochen.
       
       „Während Helmut Kohl 1983 plante, jeden zweiten Türken zurückzuschicken,
       wuchsen die 36 Boys in Berlin auf. Während die SPD den Begriff
       ‚Einwanderungsland‘ ablehnte, gehörten sie längst dazu“, schreibt Autor
       Gäbler über „ein Land, das Weltoffenheit und Toleranz erst erlernen musste“
       – und aktuell wieder große Schwierigkeiten damit habe. Auch die damaligen
       Äußerungen von Altkanzler Helmut Schmidt hätten ihn überrascht, sagt Gäbler
       auf der Buchpremiere: „Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze“, zitiert
       er und verweist auf die Entsprechung zu Scholz’ Forderung, „endlich im
       großen Stil abschieben“ von 2023.
       
       Die Recherche habe viele Parallelen zur Gegenwart offengelegt: Umgang mit
       aus Syrien geflüchteten Menschen nach dem Sturz des Assad-Regimes,
       verheerende Kürzungen in der Jugendsozialarbeit, Immobilienspekulation.
       „Wie viele 36 Boys leben denn heute noch in Kreuzberg?“, fragt eine junge
       Anwohnerin. Fast alle und manch einer ärgere sich, damals nicht über den
       Kauf einer Eigentumswohnung nachgedacht zu haben.
       
       Auch diese Wandlung des Bezirks – von der autonomen Kampfzone
       „Krawall-Kreuzberg“ mit legalisierten „Instandbesetzungen“ hin zu teuer
       sanierten Altbauten inmitten von Verwahrlosung und Drogen – zeichnet Gäbler
       nach. Die Ursprungsidee der „36 Boys“ – Präsenz zeigen und den Kiez gegen
       Nazis verteidigen – wurde ebenfalls von einigen ehemaligen Gangmitgliedern
       „kommerziell ausgeschlachtet“ („36 Boys-Shop“, „36 Döner“, „36 Burger“),
       lamentiert Neco Çelik, der mit dem damaligen Sozialarbeiter des
       Jugendzentrums „NaunynRitze“ Horst als einziges „36er“-Urgestein bei der
       Buchpremiere anwesend ist. Nahezu jeder Jugendkultur sei es so ergangen:
       „Es begann als Idee auf der Straße, dann kam das große Business dazu.“
       
       Doch auch Çelik hat einen Traum: eine eigene Serie über die Zeit damals.
       Vielleicht gelingt es ihm, den blinden Fleck in Gäblers Buch – die nahezu
       gänzliche Abwesenheit von Girls – sichtbar zu machen. Denn die damalige
       Kreuzberger Mädchengang „Ghetto Sisters“ hätte sicher auch Geschichten zu
       berichten.
       
       19 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marielle Kreienborg
       
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