# taz.de -- Menschen ohne Krankenversicherung: Keine Kasse machen
> Hunderttausende leben in Deutschland ohne Krankenversicherung. In einer
> Hamburger Praxis versuchen ehrenamtliche Ärzt:innen, ihnen trotzdem zu
> helfen.
(IMG) Bild: Arzt Hermann Müller-Dornieden misst während der Sprechstunde den Blutdruck eines Patienten
Wer hier reinkommt, steht mittendrin. Links vor den Fenstern eine lange
Bank, auf der vier Männer warten, bis sie an der Reihe sind. Das kleine
Rezeptionspult rechts ist nah an die Tür herangerückt, helles Deckenlicht,
Büropflanzen in jenem Graugrün, das immer etwas staubig aussieht. Ein Mann
sieht besonders mitgenommen aus, vermutlich ist er krank. Seine
Körperhaltung und seine Stirnfurchen erzählen aber auch von einem Leben
harter Arbeit. Jetzt sitzen er und die drei anderen hier in dem kleinen
Warteraum einer Praxis in Hamburg-Willhelmsburg.
In den gedrängten Räumen von westend open.med gibt es jede Woche eine
allgemeinmedizinische und alle zwei Wochen eine gynäkologische
Sprechstunde. Kinder und Erwachsene, die aus dem Regelsystem herausgefallen
sind und nicht einfach zum Haus- oder zur Fachärztin gehen können, kommen
hierher. Ärzt:innen, Pfleger:innen, Medizinstudierende behandeln sie hier
ehrenamtlich, kostenlos und wenn sie wollen auch anonym.
Wie ein Oktopus mit hundert Armen fühle sie sich an solchen
Sprechstundentagen, sagt Bronwyn-Maria Margolis, eine von zwei Leiterinnen
der Praxis. Ihre langen Haare hat sie zurückgebunden, auf ihrer Daunenweste
ist „westend open.med“ gestickt. An diesem Dienstag läuft Margolis ständig
zwischen Wartezimmer, Behandlungsraum und Küche hin und her. Sie spricht
mit dem Arzt, der Sprachmittlerin und den Patient:innen. Sie kontaktiert
Fachärzt:innen, führt Erstberatungsgespräche, allein heute sind es fünf.
Manchen Patientinnen können sie durch eine ebenfalls angebotene
Sozialberatung sogar wieder zurück in die reguläre Krankenversicherung
helfen.
Seit 2009 gilt in Deutschland die Versicherungspflicht. Doch laut
Statistischem Bundesamt leben mindestens 62.000 Menschen ohne
Krankenversicherung. Die Dunkelziffer dürfte sogar weit höher liegen. Die
Organisation Ärzte der Welt schätzt, dass es Hunderttausende sind.
## Seit 20 Jahren nicht versichert?
Die Wege in diesen Ausschluss sind verschieden: Manche Versicherte haben
seit Jahrzehnten, noch vor Einführung der allgemeinen Versicherungspflicht,
aufgehört, ihre Krankenversicherungsbeiträge zu bezahlen und stehen dann
vor einer akuten Gesundheitssituation. „Das sind oft die, die fest im Leben
standen, hauptberuflich selbstständig, die Familie geht davon aus, es läuft
alles. Und dann hat plötzlich der 85-Jährige einen Schlaganfall, muss ins
Krankenhaus und die Angehörigen kriegen mit: Oh Gott, der ist ja gar nicht
krankenversichert seit 20 Jahren“, erzählt Beraterin Petra Heinevetter von
der [1][Stiftung Unabhängige Patientenberatung Deutschland].
Andere waren in Deutschland noch nie krankenversichert. EU-Bürger:innen
ohne Sozialleistungsanspruch oder Menschen aus Drittstaaten, mit oder ohne
Aufenthaltsstatus. Diese Menschen kommen oft nach Deutschland, um zu
arbeiten. Dann geraten sie in prekäre, teils illegale
Beschäftigungsverhältnisse. Sie übernehmen Jobs, die viele Deutsche nicht
mehr machen wollen: auf dem Bau, in der Reinigung oder in der
Fleischindustrie. Das kann eine Zeit lang gutgehen.
Zum Problem wird es, wenn es nicht mehr gut geht. Wenn der Körper schmerzt
oder nicht mehr funktioniert, vielleicht schon lange. „Die Menschen, die
hierherkommen sind unglaublich vulnerabel“, sagt Margolis, als sie sich
kurz in die Teeküche mit den sonnengelben Schränken setzt. Heißes Wasser
röchelt durch die Kaffeemaschine.
Oft fehlt den Menschen nicht nur die Krankenversicherung. Es fehlt auch
legalisierte Arbeit, [2][eine feste Unterkunft] oder ein Aufenthaltsstatus.
43 Prozent der Menschen, die hier behandelt werden, kommen aus anderen
EU-Ländern, vor allem aus Bulgarien, Rumänien und Polen. 53 Prozent kommen
aus Drittstaaten, 4 Prozent aus Deutschland. Für all diese Menschen ist die
Praxis ein Schutzraum. Deshalb bittet Margolis auch die taz, nicht direkt
mit den Patientinnen und Patienten zu sprechen.
## Assistentin, Arzt, Patientin, Freundin, Sprachmittlerin
In einer Pause zeigt sie den Behandlungsraum. Dort stehen Geräte und eine
dunkelblaue Multifunktionsliege, die sich zu einem gynäkologischen Stuhl
umbauen lässt. „Da sind wir sehr stolz drauf“, sagt Margolis. Die
gynäkologische Sprechstunde, zu der viele Schwangere kommen, findet am
nächsten Tag wieder statt.
In der anderen Ecke des Raums, neben einem leise surrenden Kühlschrank für
Impfstoffe, sitzen die heutigen Ehrenamtlichen: der pensionierte
Allgemeinarzt Hermann Müller-Dornieden und die Anästhesieassistentin Annett
Morawietz-Grau. Vor ihnen stehen vier leere Stühle. Gerade saß hier noch
eine Patientin aus Georgien, die über Kribbeln in den Fingern klagte. Neben
ihr übersetzte eine Freundin ins Türkische, was die Sprachmittlerin dann
ins Deutsche übertrug. „Da geht leider immer viel verloren“, sagt
Müller-Dornieden, der sich seit 2016 [3][beim westend open.med engagiert].
Vieles sei wie in jeder allgemeinmedizinischen Praxis, sagt
Müller-Dornieden: „Rücken, Blutdruck, Zucker.“ Häufig blieben die
Krankheiten aber längere Zeit unbehandelt als im Regelbetrieb, seien
fortgeschrittener. Auch schwere Erkrankungen begegnen den Ärzt:innen
immer wieder – Menschen mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen oder
Menschen, die sie notfallmäßig in die Psychiatrie vermitteln müssten.
## Den Leuten hier vertrauen die Patient:innen
Margolis erinnert sich an einen Fall vor einiger Zeit. Ein Mann konnte seit
Samstag seine linke Körperhälfte nicht mehr spüren. „Am Dienstag ist er
dann erst zu uns gekommen.“ Viele Patientinnen und Patienten wissen nicht,
dass Krankenhäuser in Notfällen alle Menschen behandeln müssen. Auch
Aufklärung gehöre zum Job, sagt Margolis. „Den haben wir natürlich sofort
ins Krankenhaus geschickt.“ Doch das sei inzwischen nicht mehr so leicht
wie früher.
Seit der umstrittenen Schließung der Notaufnahme im Krankenhaus Groß-Sand
in Wilhelmsburg ist die Vermittlung an Krankenhäuser in Hamburg schwieriger
geworden. Und auch ihr Netzwerk an Ärzten sei kleiner geworden, berichtet
Margolis. Ärzte gingen in Rente, die Nachfolger arbeiten nicht mehr mit
ihnen zusammen, oder Praxen würden zu medizinischen Versorgungszentren und
es ändere sich die Inhaberkonstellation. Darüber hinaus habe sich die
politische Stimmung gegenüber Menschen ohne Krankenversicherung und gegen
illegalisierte Menschen gewandelt so Margolis, vor allem durch die AfD:
„Der Alltagsrassismus nimmt zu, das bekommen die Patient:innen zu
spüren, auf der Straße, im Bus.“
## Balanceakt zwischen Schutz und Ermutigung
Dann muss Margolis wieder los, vorne im kleinen Beratungsraum herrscht
Durcheinander. Eine Patientin soll zum Facharzt überwiesen werden, doch
dafür muss es erst Absprachen mit der sogenannten Clearingstelle geben, mit
denen die Praxis eng zusammenarbeitet. Diese Stelle vermittelt Menschen
ohne Krankenversicherung, die dringend medizinische Hilfe benötigen, aber
keinen regulären Zugang haben. Die Patientin wird unruhig, sie müsse doch
jetzt zum Arzt, sie sei jetzt krank. „Der Leidensdruck ist in einer solchen
Situation immens hoch“, erzählt Margolis später zurück in der Teeküche, als
der Trubel wieder vorbei ist. Gleichzeitig kämen die Informationen durch
die Sprachbarrieren nicht immer an.
Die Rolle der Praxis ist in solchen Lagen ein Balanceakt. „Wir dürfen keine
falschen Erwartungen wecken, wir sind nicht die Lösung“, sagt Margolis. Vor
allem bei Menschen mit chronischer Erkrankung könne die Praxis lediglich
eine Überbrückung in das richtige System sein. Irgendwann suchten sie das
Gespräch, sagt die 36-Jährige. „Denn wenn wir die Lösung werden, dann
verhindern wir, dass mehr Energie reingesteckt wird, einen
Krankenversicherungsschutz zu bekommen.“ Sie könnten keine Abhängigkeit
erhalten, weil das dieses kleine Projekt überfordern würde.
Schon jetzt leisten die Ehrenamtlichen enorm viel. Dutzende
[4][Ärzt:innen und Pflegekräfte schenken ihre Zeit], um das zu tun, was
eigentlich das Sozialsystem leisten sollte. Der Trägerverein hoffnungsorte
hamburg sucht jedes Jahr Spenden, um den Betrieb, Medikamente und
Taxifahrten ins Krankenhaus zu finanzieren. Eine Studie der Universität
Witten/Herdecke zeigt: Menschen ohne Krankenversicherung sind fast
ausschließlich auf Hilfsorganisationen angewiesen.
## Ziel ist die Selbstauflösung
Und das, obwohl Gesundheit und medizinische Versorgung ein Menschenrecht
ist, das auch die EU-Charta garantiert. „Unser Ziel ist die
Selbstauflösung, das ist klar“, sagt Margolis. Bis dahin müssen für die
heterogene Patient:innenschaft noch viele Barrieren abgebaut werden.
Manche deutsche Staatsbürger brauchen schlichtweg mehr Information, andere
EU-Bürger brauchen versicherungspflichtige, legale Arbeit.
Menschen aus Drittstaaten ohne geregelten Aufenthaltsstatus wiederum
benötigen Zugang zum Gesundheitssystem, ohne dass ihre Daten an die
Ausländerbehörde weitergegeben werden. Bereits [5][2024 hatte die
Gesellschaft für Freiheitsrechte] zusammen mit 46 weiteren Organisationen
Beschwerde bei der EU-Kommission gegen diese Meldepflicht eingelegt.
Geändert hat sich seitdem nichts.
Wenn man Bronwyn-Maria Margolis nach ihren schönsten und ihren
schwierigsten Gefühlen bei der Arbeit fragt, weiß sie die schönsten sofort:
eine Krankenversicherung. „Da freue ich mich immer sehr drüber, wenn wir es
als Team und mit der Sozialberatung geschafft haben, dass jemand integriert
wird.“ Bei den schwierigsten spricht sie lange. Von chronisch Erkrankten,
die ihre Tabletten nur jeden zweiten Tag einnehmen, um zu sparen. Und von
Schwangeren in Abhängigkeitsverhältnissen, von denen sie nichts mehr gehört
hat. „Es ist einfach Sorge“, sagt Margolis.
Dann erzählt sie noch von einer Frau, die sie mit Gallensteinen ins
Krankenhaus geschickt hat, die nicht wollte, dass man ihr ein Taxi ruft:
„Ich glaube nicht, dass sie hingegangen ist.“ Ein hilfloses,
entschuldigendes Lächeln. Dann braucht wieder jemand etwas von ihr.
18 Aug 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Amelie Sittenauer
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