# taz.de -- Landesparteitag in Neukölln: Grüner wird’s nicht
       
       > Die Grünen stellen am Wochenende ihre Kandidatenliste für die
       > Abgeordnetenhauswahl auf. Es soll das bisher größte Treffen der Partei
       > überhaupt werden.
       
 (IMG) Bild: Solche Flaggen und Aufsteller werden am Wochenende den Grünen-Mitgliedern den Weg zu zum Berliner Landesparteitag weisen
       
       Selbst wenn es nichts werden sollte mit einem Erfolg bei der
       Abgeordnetenhauswahl im Herbst, eine Bestmarke werden die Berliner Grünen
       schon auf dem Weg dahin am Samstag verbuchen können. Dann wollen sie ihre
       Kandidatenliste für eben diese Wahl am 20. September aufstellen – und dabei
       sollen so viele Grüne zusammenkommen wie bislang noch nie bei einem Treffen
       der Partei.
       
       Die angestrebten 50 Namen auf der Kandidatenliste sollen nämlich nicht die
       Funktionärsebene von rund 180 Delegierten bestimmen, aus denen sich sonst
       ein Landesparteitag zusammensetzt. Stattdessen soll jedes einzelne Mitglied
       des derzeit rund 18.000 Mitglieder starken Landesverbands in der Convention
       Hall 2 des Neuköllner Estrel-Hotels direkt mitentscheiden können.
       
       Einzige Hürde ist noch, dass [1][laut Parteisatzung 15 Prozent aller
       Berliner Grünen teilnehmen müssen], damit die Versammlung beschlussfähig
       ist. Das ergibt knapp 2.700 Teilnehmer. Nach Einschätzung der
       Grünen-Landesspitze kann das durchaus klappen – festlegen mochten sich die
       Vorsitzenden Nina Stahr und Philmon Ghirmai aber am Mittwoch noch nicht.
       Doch selbst wenn es knapp darunter bleibt, soll es für den Weltrekord
       reichen.
       
       Inhaltlich geht es darum, mit einer Landesliste festzulegen, wer für die
       Grünen ins Abgeordnetenhaus einzieht, falls sie – wovon auszugehen ist –
       über die Zweitstimmen mehr Sitze als Wahlkreise gewinnen. 2023 gewann die
       Partei knapp 20 Sitze direkt und insgesamt 34, was bedeutete, dass mehr als
       ein Dutzend Kandidatinnen und Kandidaten über die Liste ins Parlament
       kamen. Von ihr rücken auch Parteimitglieder nach, wenn Abgeordnete ihr
       Mandat aufgeben. In Berlin nutzt von den im Landesparlament vertretenen
       Parteien außer den Grünen nur die AfD eine Landesliste. SPD, CDU und anders
       als 2023 auch die Linkspartei besetzen freie Parlamentsmandate über zwölf
       Bezirkslisten.
       
       ## Graf soll Regierungschef werden
       
       An der Spitze der Grünen-Liste soll das Duo Bettina Jarasch und Werner Graf
       stehen, das seit drei Jahren auch die Abgeordnetenhausfraktion führt. Graf
       wäre bei einem Grünen-Wahlsieg am 20. September derjenige, der als erster
       Grüner Berliner Regierungschef und das Rote Rathaus von Amtsinhaber Kai
       Wegner (CDU) übernehmen würde. Für die Partei geht es dabei weniger darum,
       vor der aktuell in Umfragen klar führenden CDU zu landen, sondern vor SPD
       und Linkspartei, um danach eine Koalition mit diesen beiden anführen zu
       können.
       
       Diese drei Parteien eines erneut rot und grün gefärbten Bündnisses liegen
       derzeit nah beieinander. „Das Wettbewerbsfeld ist unfassbar eng“, sagte
       Landeschef Ghirmai am Mittwoch. Er will selbst für Platz 6 der Liste
       kandidieren. Rückt er ins Parlament, müsste er als Landesvorsitzender
       aufhören: Parteiamt und Mandat sind bei den Berliner Grünen [2][anders als
       in anderen Landesverbänden nicht miteinander vereinbar].
       
       Stahr und Ghirmai stellen sich den Parteitag als weit mehr als eine
       Kandidatenwählveranstaltung vor. Die bisher unerlebte Größe des Ereignisses
       soll merklich auch motivationsfördernd für neue Mitglieder sein. Weit mehr
       Interessengruppen als sonst sollen im Foyer und Umfeld des Parteitags mit
       Ständen vertreten sein.
       
       Zum Rahmenprogramm soll auch eine als lockerer Plausch angekündigte
       Frage-und-Antwort-Runde mit den Spitzenkandidaten gehören. Bettina Jarasch
       dürfte dabei ziemlich aufpassen, was sie von sich gibt – nicht immer
       leicht, jenseits von Redepult mit Manuskript darauf.
       
       ## Schlechte Erinnerungen für Jarasch
       
       Denn beim Landesparteitag vor der Wahl 2021 – damals wegen der
       Coronapandemie nicht als Mitgliederversammlung möglich – erzählte Jarasch
       unbefangen, sie habe als Kind „Indianerhäuptling“ werden wollen. Das führte
       sogleich zu Reaktionen, die das als rassistisch einstuften – worauf Jarasch
       wenig später korrigierte und von „unreflektierten Kindheitserfahrungen“
       sprach.
       
       Wobei auch der Ort, die Kongresshallen des Estrel-Hotels, für Jarasch keine
       angenehme Erinnerung birgt: Hier erlebte sie 2017 bei der bisher letzten
       Grünen-Mitgliederversammlung vor einer Wahl [3][ihre parteimäßig größte
       Niederlage]. Jarasch hatte Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die
       Bundestagswahl im selben Jahr werden wollen, verlor aber deutlich gegen die
       später zur Bundesministerin avancierte Lisa Paus.
       
       Der Vergleich beider Mitgliederversammlungen verdeutlicht, wie stark die
       Berliner Grünen seither gewachsen sind. 2017 freute sich der
       Landesvorstand, das sechstausendste Mitglied begrüßen zu können – in den
       neun Jahren seither hat sich der Landesverband verdreifacht. Das führte
       unter anderem dazu, dass die Grünen zu Jahresbeginn die über Jahrzehnte
       führende SPD [4][als mitgliederstärkste Partei Berlins ablösten].
       
       15 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://gruene.berlin/fileadmin/BE/lv_berlin/LV_Berlin_Dokumente/LDK/2026_02_LDK/Satzung_Gruene_Berlin_-_11_2025.pdf
 (DIR) [2] https://gruene.berlin/fileadmin/BE/lv_berlin/LV_Berlin_Dokumente/LDK/2026_02_LDK/Satzung_Gruene_Berlin_-_11_2025.pdf
 (DIR) [3] /Gruene-kueren-Spitzenkandidatin/!5392194
 (DIR) [4] /Acht-Monate-vor-der-Abgeordnetenhauswahl/!6144098
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Alberti
       
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