# taz.de -- Neues Kunstwerk am Humboldt Forum: In der kolonialen Wunde bohren
> Mit dem letzten Kunst-am-Bau-Projekt schließt das Humboldt Forum seinen
> Umbau ab. Der Südpfeil von Jürgen Mayer H. soll den eurozentrischen Blick
> irritieren.
(IMG) Bild: Kunst am Bau: Der Südpfeil von Jürgen Mayer H. an der Nordostfassade des Humboldt Forums
Ein Storch fliegt 1822 nach dem Winter zurück nach Norddeutschland. In
seinem Hals steckt ein afrikanischer Pfeil. Trotzdem überlebt der Vogel die
lange Reise.
Die Entdeckung dieses sogenannten Pfeilstorches sei ein Wendepunkt gewesen,
erzählt der Architekt und Künstler Jürgen Mayer H. am Mittwoch vor dem
Humboldt Forum. „Denn erstmals konnte die Migration von Vögeln
nachvollzogen werden.“ Zuvor habe es lediglich Vermutungen gegeben, wohin
Vögel im Winter verschwinden: „Vielleicht verwandeln sie sich in Fische und
kommen als Vögel zurück. Vielleicht überwintern sie in Baumhöhlen.“
Heute, mehr als 200 Jahre später, ragt ein solcher „Pfeilstorchpfeil“ als
fast vier Meter langes, bronzenes Kunstwerk aus der Nordwand des Humboldt
Forums. Der Pfeil soll nicht nur bloßer Schmuck neben der barocken Fassade
sein. „Auf den ersten Blick erscheint dieser Pfeil wie ein Fremdkörper, ein
abstraktes Zeichen, das in der steinernen Fassade steckt“, erklärt Mayer H.
bei der Präsentation. „Doch genau diese Irritation ist entscheidend.“
Für das Projekt am Nordgiebel des Humboldt Forums sollten sich
Künstler:innen mit der Architektur und Programmatik des Hauses
auseinandersetzen. Unter 130 Einreichungen gewann der „Südpfeil“ von Mayer
H. Laut Jury ist er eine sichtbare Wunde an dem Übergang zwischen der
rekonstruierten Barockfassade und dem modernen Betonbau von Franco Stella.
Das Motiv soll eine Provokation an einem Ort sein, [1][der wie kaum ein
anderer in Deutschland um den Umgang mit seinem Erbe ringt]. Während Karten
üblicherweise genordet sind, zeigt dieser Pfeil demonstrativ nach Süden: um
den Blick wegzulenken von der eurozentrischen Sichtweise. Stattdessen soll
auf die Herkunftsorte der Sammlungen im Inneren und die gewaltvollen Spuren
gedeutet werden, die die europäische Kolonialisierung auf dem afrikanischen
Kontinent hinterlassen hat. Mayer H. versteht seinen Pfeil als
„Akupunktur“, als „präzisen Impuls im Zentrum einer vielschichtigen
Debatte“.
Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, findet, dass das
Werk „bewusst irritiert“. Es sei eine Aufforderung, nicht bei der schönen
Fassade stehenzubleiben, sondern hineinzugehen und sich mit den Inhalten
auseinanderzusetzen.
## Vergebene Chancen
Es ist die achte und letzte künstlerische Intervention im Rahmen des Umbaus
des Humboldt Forums. Die anderen sieben Projekte wurden bereits umgesetzt:
Eine Installation aus 66 Uhren verweist auf die Zeit vor einheitlichen
Zeitzonen 1884, ein Wandbild von Mexiko-Stadt in Blattgold thematisiert
Alexander von Humboldts Reisen sowie Rohstoff- und Machtverhältnisse.
Tiefere Verbindungen zum globalen Süden habe er nicht, räumt Mayer H. ein.
Damit ist er nicht allein: Ein Blick auf die Geburtsorte der weiteren für
die Interventionen engagierten Künstler – Braunschweig, Heiligendorf,
Münster, Saarlouis, Würselen – macht klar, dass vor allem gebürtige
Deutsche sich am Forum verewigen durften.
Es gibt auch einige wenige Ausnahmen: Der in Seoul geborene Künstler Kang
Sunkoo setzt sich in einer Bronzeplastik, einer Fahne auf halbmast,
kritisch mit der deutschen Kolonialgeschichte auseinander. Emeka Ogboh, ein
nigerianischer Künstler, hat koloniale Eingriffe mit einer
Klanginstallation reflektiert. Ihre Kunstwerke sind die einzigen von
Menschen, die in ehemals kolonisierten Ländern geboren wurden.
Jürgen Mayer H. sieht den Südpfeil als „gemeinsamen Nenner“. Er sei ein
Objekt, das fast alle Kulturen auf der Welt kennen. „Wir haben uns für
einen abstrakten Pfeil entschieden, fast wie aus einem Design-Manual“,
ergänzt er. Der Pfeil solle nicht einer bestimmten Kultur zugehörig sein,
sich nicht lokalisieren lassen können. Freudig gibt der Künstler noch
bekannt: „Der Südpfeil hat auch schon eine Google-Location.“ Ob die
[2][Nachfahren von Menschen, die Opfer der Kolonialisierung waren], dem
Pfeil fünf Sterne geben würden, bleibt offen. Sprecher:innen von
betroffenen Communitys waren an diesem Vormittag nicht geladen.
15 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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