# taz.de -- Kollateralschaden des Irankrieges: Die maritimen Geiseln vom Persischen Golf
> In der kriegsbedingt blockierten Straße von Hormus sitzen 20.000 Seeleute
> auf ihren Schiffen fest – auf unbestimmte Zeit und in Gefahr.
(IMG) Bild: Freiheit an Land, Stillstand auf See: zwei Reiter am Strand, im Hintergrund warten Frachtschiffe in der Straße von Hormus
Der Schlepper „„Mussafah 2““ war am 6. März aus seinem Heimathafen Abu
Dhabi kommend zum Containerfrachter „Safeen Prestige“ unterwegs. Der trieb
nach einem Raketentreffer manövrierunfähig vor Omans Küste in der Straße
von Hormus. [1][Doch dann trafen zwei Geschosse den Schlepper.] Von der
achtköpfigen Besatzung aus den Philippinen, Indonesien und Indien wurden
zunächst vier Personen vermisst und später für tot erklärt, darunter der
philippinische Maschinist George Miranda.
Der 46-Jährige hatte am Vortag noch mit seiner Frau und der siebenjährigen
Tochter in der Heimat telefoniert. „Alles, was ich mache, tue ich für
euch“, soll er ihnen gesagt haben, berichtete seine Frau dem
[2][philippinischen Sender ABS-CBN].
„Mussafah 2“ zählt [3][zu den 22 Handelsschiffen], die seit Beginn des
Krieges in der Straße von Hormus mutmaßlich vom Iran angegriffen wurden.
Zehn Seeleute wurden bisher getötet, mehr noch verletzt. Wie von Teheran
gewollt, kam der Schiffsverkehr an diesem einzigen Zugang zum Persischen
Golf, durch den ein Fünftel aller Ölexporte verschifft wird, so gut wie zum
Erliegen. Dabei halfen auch noch Seeminen. Passierten vor dem Krieg im
Schnitt 138 Schiffe am Tag die Meerenge, ist es seitdem stets nur eine
einstellige Zahl.
Inzwischen warten 2.000 Schiffe mit 20.000 Seeleuten auf eine Passage durch
die gesperrte Straße von Hormus. Knapp die Hälfte davon sind Öl- und
Flüssiggastanker, auch sechs Kreuzfahrtschiffe sind dabei. So viele
Seeleute hingen noch nie auf einmal fest, sagt der Sicherheitsdirektor der
UN-Schifffahrtsorganisation IMO, Damien Chevallier.
## Psychisch belastende Ungewissheit
Die zweiwöchige Waffenruhe zwischen Iran und den USA und die Verhandlungen
zwischen beiden Ländern am letzten Wochenende in Pakistan weckten die
Hoffnung, die Wasserstraße könnte bald wieder offen sein. Doch die
Gespräche sind gescheitert. Und die Ankündigung von US-Präsident Donald
Trump bleibt. Er will iranische Häfen blockieren lassen. Deshalb ist das
Ende der Blockade in weite Ferne gerückt. Auch danach würde es noch Wochen
dauern. Erst dann würde sich der Schiffsstau auflösen.
[4][Die Ungewissheit über die Dauer der Sperrung] und über die permanente
Bedrohung durch den Krieg, der jederzeit wieder aufflammen kann, zehrt
massiv an den Nerven der auf den Schiffen ausharrenden Seeleute. Sie
stammen mehrheitlich aus den Philippinen, Indonesien, Indien, Pakistan,
Russland und der Ukraine. Aus Sicherheitsgründen wurden sie von ihren
Reedereien angewiesen, sich nur unter Deck aufzuhalten.
Das gibt ihnen erst recht das Gefühl von Gefangenschaft. Hinzu kommen neben
der Isolation noch bei manchen Sorgen um die gefährliche Ladung, zur Neige
gehende Nahrungs- und Wasservorräte, die auf manchen Schiffen schon
rationiert wurden, und dass bei Angriffen verletzte oder gar getötete
Kollegen bisher nicht an Land gebracht werden konnten.
„Für uns ist das ja eher ein alter Hut“, sagte Oleg Grygoriuk von der
ukrainischen Seeleutegewerkschaft der [5][Financial Times]. „Wir hatten das
ja erstmals vor vier Jahren, als ukrainische Schiffe die ukrainischen Häfen
nicht mehr verlassen konnten.“ Damit meint er die Folgen der russischen
Angriffe für die Schifffahrt im Schwarzen Meer.
## Verzweifelte Seeleute suchen Unterstützung
In ihrer Verzweiflung wandten sich schon mehr als 1.000 Seeleute an den
Gewerkschaftsbund International Transport Federation (ITF) in London,
berichtete der britische [6][Guardian] vor einer Woche. Ein Fünftel davon
mit dem Wunsch, ihr Schiff schnell zu verlassen. „Ich kann die Arbeit
mental einfach nicht mehr machen,“ schrieb ein Seemann.
Zur Heimreise haben zumindest die Seeleute ein Recht, für deren Schiff ein
Tarifvertrag der ITF gilt. Erklären die Tarifparteien ein Revier zu
sogenannten [7][Warlike Operation Area (WOA), wie dies am 5. März für die
Straße von Hormus, den Golf von Oman und den Persischen Golf geschah],
müssen Reeder ihre Crews auf deren Wunsch ablösen und ihnen die Heimreise
zahlen. Sonst muss der Basistarif der Heuer beim Aufenthalt im Kriegsgebiet
verdoppelt werden.
In der Praxis ist die Heimholung von Seeleuten unter Kriegsbedingungen kaum
möglich, da ein Teil der Mannschaft aus Sicherheitsgründen an Bord bleiben
muss. „Deshalb braucht es für die Ablöse Ersatz“, sagt der Generalsekretär
der Deutschen Seemannsmission in Hamburg, Matthias Ristau, der taz.
Das sei für Seeleute besonders zu Beginn ihrer üblichen Zeitverträge
nachteilig, weil sie ihr benötigtes Einkommen noch nicht erarbeitet haben.
Ein weiteres Problem ist, Seeleute von auf Reede ankernden Schiffen
überhaupt an Land zu bringen.
## Kampf um Rückkehr und Heuer
Das ist in der Tat nicht einfach. Sonst würde die indische Seefahrerunion
NUSI die Heimholung des 2. Ingenieurs Rajkumar Singh vom Schiff „Parvraj“,
das unter der Fahne der Marshall-Inseln fährt, bei [8][Facebook] nicht so
als außergewöhnlichen Erfolg feiern. Singh hatte kurz vor Ablauf seines
Vertrages am 9. April einen nahen Angehörigen verloren. Doch konnte er auch
danach das Schiff nicht verlassen, bis es schließlich mithilfe von NUSI und
ITF doch noch gelang.
Laut dem [9][Fachportal Seanews] zahlten manche Reedereien jetzt den auf
ihren Schiffen eingesperrten Seeleuten keine Heuern mehr. Ob die
Schiffseigner wegen der Blockade am Golf selbst in großen wirtschaftlichen
Schwierigkeiten stecken, blieb offen.
Für IMO-Sicherheitsdirektor Chevallier entscheidet der Umgang mit den
Seeleuten in der jetzigen Krise mit über die Zukunft des Berufes: „Können
sich die Seeleute bei Konflikten wie jetzt nicht sicher fühlen, wird es
sehr schwer, eine nächste Generation von Seeleuten zu rekrutieren.“
[10][ITF-Generalsekretär Stephen Cotton] verlangt Sicherheit und lehnte am
5. März Eskorten von Handelsschiffen durch die Marine ab: Sie garantierten
keinen Schutz vor Raketen- oder Drohnenangriffen. Deeskalation und
Diplomatie müssten Vorrang haben. Zivile Seeleute gehörten nicht in die
Schusslinie. Einen Tag später trafen zwei Raketen den Schlepper „Mussafah
2“. Vier Seeleute starben, darunter der philippinische Maschinist George
Miranda.
15 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.marineinsight.com/missile-hits-uae-salvage-tug-assisting-damaged-container-ship-in-strait-of-hormuz-4-seafarers-killed/
(DIR) [2] https://www.abs-cbn.com/news/world/2026/3/10/family-says-filipino-seafarer-missing-after-tugboat-attack-in-strait-of-hormuz-1038
(DIR) [3] /Blockade-der-Strasse-von-Hormus/!6170184
(DIR) [4] /Strasse-von-Hormus/!6169745
(DIR) [5] https://www.ft.com/content/2dab72c9-1989-4853-9570-6ff710f7e310?syn-25a6b1a6=1
(DIR) [6] https://www.theguardian.com/business/2026/apr/09/mental-breakdown-oil-tanker-workers-stuck-in-gulf-for-six-weeks-are-reaching-their-limit
(DIR) [7] https://safety4sea.com/strait-of-hormuz-is-designated-as-a-warlike-operations-area/
(DIR) [8] https://www.facebook.com/photo?fbid=957784013463920&set=a.174933981748931
(DIR) [9] https://www.seanews.co.uk/maritime/maritime-humanitarian-crisis-seafarers-marooned-in-strait-of-hormuz-amid-iran-war
(DIR) [10] https://www.itfseafarers.org/en/news/itf-condemns-killing-and-targeting-innocent-civilian-seafarers-strait-hormuz-designated
## AUTOREN
(DIR) Sven Hansen
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