# taz.de -- Abschiebebeobachtung in Hamburg: Protokolle der Kälte
> Der neue Bericht des Abschiebemonitorings in Hamburg dokumentiert eine
> zunehmende Härte, ohne Rücksicht auf Kinder oder psychisch Kranke.
(IMG) Bild: In Begleitung: Menschen auf dem Weg zum Abschiebeflug
Bei Abschiebungen kommt es immer wieder zu menschenrechtlich bedenklichen
Situationen. In Hamburg zeigt sich dabei zunehmend eine [1][neue Qualität
der Härte]. Das belegen Zahlen und Fallbeschreibungen, die das
Abschiebemonitoring der Diakonie Hamburg am Dienstag vorgelegt hat.
Der [2][Jahresbericht der Abschiebebeobachterin] Merle Abel dokumentiert
Abläufe am Flughafen vom März 2025 bis Ende Februar 2026. Abgestimmt wurde
ihr Bericht zuvor im Flughafenforum Hamburg, in dem die Bundespolizei, die
Landesbehörden aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern
sowie zivilgesellschaftliche Organisationen beobachtete Fälle diskutieren.
Demnach geht es Behörden vor allem und in wachsendem Maße darum, die
Ausreisepflicht konsequent zu vollstrecken – auch in medizinisch und
psychisch komplexen Grenzfällen. Die dokumentierten Fälle zeigten, dass ein
Teil der durchgeführten Abschiebungen aus menschen- und kinderrechtlicher
Perspektive problematisch sei, teilt die Diakonie mit.
„Wir erleben einen wachsenden Abschiebungsdruck“, sagt Haiko Hörnicke, der
den Arbeitsbereich Migration der Diakonie leitet. Mehrere Beispiele würfen
grundlegende Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit besonders
schutzbedürftigen Menschen auf.
Seit 2005 begleitet die Diakonie den [3][Vollzug von Abschiebungen am
Flughafen mit einer unabhängigen Beobachtungsstelle]. [4][Sie überprüft, ob
die Maßnahmen verhältnismäßig sind und ob humanitäre Mindeststandards
eingehalten werden].
Über den Flughafen Hamburg wurden [5][laut Zahlen der Bundesregierung] im
Jahr 2025 insgesamt 1.093 Personen abgeschoben. Abel beobachtete im
Berichtszeitraum 158 Maßnahmen, darunter 142 Einzelabschiebungen auf
Linienflügen und 16 Sammelcharter, bei denen ein eigens gechartertes
Flugzeug für die Rückführung einer größeren Gruppe von Menschen genutzt
wird. 86 Fälle wurden wegen Unregelmäßigkeiten oder Zweifeln an der
Verhältnismäßigkeit zur Besprechung ins Flughafenforum eingebracht.
Damit musste mehr als jede zweite beobachtete Maßnahme mit den Behörden
geklärt werden. Besonders häufig standen Zwangsmittel, die medizinische
Einschätzung der Reisefähigkeit und Kinderschutzstandards zur Debatte. Es
habe im vergangenen Jahr Sammelcharter gegeben, „in denen wirklich fast
ausschließlich Kranke, Behinderte und alte Menschen waren“, sagt Merle Abel
der taz. Das habe sie [6][in dieser Art im Vorjahr weniger häufig erlebt].
## Im psychischen Ausnahmezustand gefesselt
Ein zentraler Aspekt des Berichts ist der [7][Umgang mit psychischen
Belastungen und Erkrankungen unmittelbar vor dem Flug]. In einem
dokumentierten Fall kam ein 31-jähriger Mann mit Schizophrenie gefesselt am
Flughafen an; er war offenbar auf dem gesamten Weg aus Berlin gefesselt und
hatte Druckstellen an den Handgelenken.
„Der Mann wirkt sehr verängstigt und desorientiert, er klammert sich Hilfe
suchend an die Polizeibeamten“, heißt es in Abels Beobachtungsbericht. „Er
scheint sich nicht beruhigen zu können, sein Zustand verschlimmert sich im
Verlauf.“
Zur Diskussion des Falles im Flughafenforum heißt es im Bericht jedoch nur
lapidar: „Aus polizeilicher Sicht ist eine Fesselung bei Eigengefährdung
erforderlich, unabhängig von psychischen Erkrankungen.“ Dabei werde nach
dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit vorgegangen und bedacht, dass
Zwangsmittel die Abzuschiebenden zusätzlich belasten.
In einem anderen Fall wurde ein 40-jähriger Syrer nach einem Sturz über ein
Geländer gefesselt. „Nach dem Vorfall hat der Mann die Augen geschlossen
und ist nicht mehr ansprechbar“, steht dazu im Beobachtungsbericht. Ein
Sanitäter habe gemeint, „der Zustand sei ‚zu 100 % simuliert‘“. Als eine
Notärztin dazugekommen sei, habe sie die Einschätzung des Sanitäters
übernommen, ohne den Mann entsprechend zu untersuchen.
## Kinder nachts abgeholt
Ein anderer Schwerpunkt des Berichts betrifft die Situation von Familien
mit Minderjährigen. [8][Trotz der politischen Zielsetzung, Abschiebungen
kinderfreundlicher zu gestalten], würden Kinderrechte verletzt.
In einem Fall wurde eine psychisch erkrankte Mutter von Zwillingen
„polizeilich durchsucht (vollständig entkleidet) und dann mit einem
Festhaltegurt gefesselt, dabei schreit und weint sie“, so der Bericht. Die
Söhne wurden zusammen mit dem Vater von der Mutter getrennt, sahen die
Mutter noch vor der Abfahrt mit dem Bus und wollten mit ihr sprechen. Sie
wurde getrennt an Bord gebracht.
Der Bericht thematisiert auch nächtliche Abholungen. In 21 dokumentierten
Fällen ging es dabei um vulnerable Personen: „meistens Kinder, sonst schwer
kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen oder besonders hohem Alter“.
Dass Menschen nachts abgeholt würden, sei keine Ausnahme, sondern die
Regel, stellt der Bericht fest.
So habe ein Sammelcharter nach Madrid mitten in der Nacht stattgefunden:
„Die Zuführung startet um 03:20 Uhr, Abflug ist um 6 Uhr. Es sind nur
Familien dabei, außer einem Geschwisterverband. Die Familien haben alle
kleinere Kinder. Viele der kleinen Kinder scheinen verstört und müde.“
## Familien getrennt
In einem anderen Fall sei eine Familie mit zwei Kindern und einem wegen
Spastiken im Rollstuhl sitzenden Vater um fünf Uhr morgens abgeholt worden.
„Dabei seien sie laut eigenen Angaben beim Packen unter Druck gesetzt
worden und die Beamten hätten gesagt, ‚wenn ihr nicht schnell packt, machen
wir es‘.“
Der Bericht dokumentiert außerdem 13 [9][Fälle von Familientrennungen]. In
einem Beispiel wurde eine 30-jährige Mutter mit ihrer fünfjährigen Tochter
allein abgeschoben, während der Vater und der schwer kranke Sohn in
Deutschland zurückblieben. In einem anderen Fall wurde eine 34-jährige
Mutter mit ihren drei Kindern (13, 10 und 1 Jahr) abgeschoben, während der
Vater und der 17-jährige Sohn in Deutschland blieben.
Insgesamt zeichnet der Bericht das Bild einer verschärften Vollzugspraxis:
Wo früher gesundheitliche oder familiäre Risiken öfter zum Abbruch führten,
geht es immer häufiger nur noch darum, die Reisefähigkeit festzustellen.
Das Amt für Migration betont auf Anfrage, dass alle Rückführungen im Rahmen
der gesetzlichen Vorgaben und nach einer individuellen
Verhältnismäßigkeitsprüfung erfolgen. In Zweifelsfällen werde die
Reisefähigkeit medizinisch geprüft. Nächtliche Abholungen fänden mit
Dolmetschern statt, um die Betroffenen besser zu informieren. Hinweise aus
dem Beobachtungsbericht würden in die künftige Praxis einfließen, heißt es.
15 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Abschiebe-Monitoring-am-Airport/!6000552
(DIR) [2] https://www.diakonie-hamburg.de/export/sites/diakonie/.galleries/downloads/Fachbereiche/ME/Diakonie-Hamburg_Abschiebungsbeobachtung-Jahresbericht_2025-26.pdf
(DIR) [3] https://www.diakonie-hamburg.de/de/adressen/Abschiebemonitoring/
(DIR) [4] /Hamburger-Abschiebebeobachter-hoert-auf/!5962774
(DIR) [5] https://dserver.bundestag.de/btd/21/041/2104103.pdf
(DIR) [6] /Abschiebebeobachtung-in-Hamburg/!6079115
(DIR) [7] /Abschiebung-aus-der-Psychiatrie/!6145280
(DIR) [8] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bjv/themen/rechtspolitik/gallina-kinderrechte-grundgesetz-215370
(DIR) [9] /Bleiberecht-fuer-Jesiden/!6144168
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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