# taz.de -- Papstbesuch in Algerien: Das Tabu von Tibhirine
       
       > Papst Leo XIV. rührt in Algerien an sensiblen Themen. Dazu gehört der
       > Umgang mit Migranten – und vor allem das unaufgeklärte Erbe des
       > Bürgerkriegs.
       
 (IMG) Bild: „Ein ganzes Volk im Widerstand“: Papst Leo XIV. lauscht in der Basilika Notre Dame d’Afrique dem Kardinal von Algier
       
       Die katholische [1][Basilika Notre Dame d’Afrique] thront auf einem steilen
       Hügel voller Dornbüsche hoch über der Bucht von Algier, das unruhige
       Armenviertel Bab el-Oued und der gemütliche Strandvorort Bologhine zu ihren
       Füßen. Entstanden aus einer Marienkapelle der französischen Kolonisatoren
       und erbaut als Sitz der afrikaweit tätigen Missionsgesellschaft der Weißen
       Väter, vertritt das imposante Kirchengebäude heute zwar weniger als 0,01
       Prozent der Bevölkerung Algeriens. Es bezeugt aber noch heute den Status
       des Christentums, das dort älter ist als der Islam.
       
       Auf seiner in Algerien begonnenen Afrikareise hat Papst Leo XIV. am
       Dienstag den nordafrikanischen Wurzeln seiner Kirche mit einem Besuch in
       Annaba Tribut gezollt, dem römischen Hippo Regius, Heimat des Heiligen
       Augustinus, dessen Orden Leo XIV. angehört.
       
       Die damit ausgerückte Würdigung religiöser und kultureller Diversität nimmt
       in den algerischen Berichten über die Papstreise breiten Raum ein. Das
       Editorial der Zeitung [2][L’Expression] erklärt Augustinus praktisch zum
       ersten Algerier, „allgemein anerkanntes Symbol eines Volkes, das Frieden
       und Toleranz zu seinen Schlüsselwerten erklärt hat“. Der Papstbesuch stehe
       für gemeinsame Werte auf beiden Seiten des Mittelmeeres.
       
       Am Montagabend hatte der Papst nach einem Besuch der Gedenkstätte für die
       Opfer von Algeriens Unabhängigkeit und der Großen Moschee von Algier auch
       [3][die Basilika besucht] und dort Algiers kleine katholische Gemeinde
       begrüßt. Nicht von ungefähr betonte der katholische Erzbischof von Algier,
       Kardinal Jean-Paul Vesco, in seiner Willkommensrede die Arbeit der Kirche
       mit inhaftierten afrikanischen Migranten. Die werden bei der Flucht über
       das Mittelmeer Richtung Europa in Algerien festgesetzt – viele landen in
       Haft und werden später Tausende Kilometer weiter südlich in der Wüste
       Sahara ausgesetzt. Der Papst besuchte auch ein Denkmal für Schiffbrüchige
       vor dem Kirchenbau.
       
       ## In Erinnerung an das „schwarze Jahrzehnt“
       
       Dieser Aspekt wird in den algerischen Papstberichten eher verschwiegen,
       ebenso der eigentliche Höhepunkt dieser Station des Papstes. In einer
       Seitenkapelle der Basilika zündete Leo XIV. eine Kerze vor der [4][Ikone
       der „19 Märtyrer“] an – jenen 19 katholischen Geistlichen, die während des
       blutigen Bürgerkriegs zwischen Armee und islamistischen Untergrundkämpfern
       im Algerien der 1990er Jahre getötet wurden.
       
       In jenem „schwarzen Jahrzehnt“, das mit der Annullierung von
       Parlamentswahlen durch das Militär zur Verhinderung eines islamistischen
       Wahlsiegs 1992 begann, starben mehrere Hunderttausend Menschen. Erst 2005
       dekretierte die vom Militär dominierte Regierung eine „Versöhnung“, die
       allen sich ergebenden Terroristen sowie allen Soldaten Amnestie für
       Kriegsverbrechen gewährte. Seitdem herrscht Grabesruhe in Algerien, der
       Staat bleibt autoritär, und über die Toten spricht man nicht.
       
       Der höchstrangige der „19 Märtyrer“ ist der damalige Bischof von Oran, aber
       die berühmtesten sind die sieben Mönche des [5][Trappistenklosters Notre
       Dame de l’Atlas] in Tibhirine, hoch oben im Atlasgebirge, 90 Kilometer
       südlich von Algier. Im Jahr 1996 bezahlten sie mit dem Leben dafür, dass
       sie inmitten von Bürgerkrieg und Terror unermüdlich weiter der Bevölkerung
       Einkehr, Schutz und Zuflucht boten. Sie wurden in der Nacht zum 27. März
       1996 von der Terrorgruppe GIA (Groupe Islamique Armé) aus ihrem Kloster
       entführt. Am 31. Mai vermeldete die Armee, ihre abgetrennten Köpfe gefunden
       zu haben. Am 2. Juni 1996 wurde in der Basilika von Algier für sie die
       Totenmesse gelesen, die Köpfe wurden zwei Tage später in Tibhirine
       beigesetzt. Der Rest der Leichen bleibt bis heute verschollen.
       
       ## Der Papst ehrt die Getöteten
       
       Tibhirine gehört zu den sensibelsten Kapiteln der Bürgerkriegsgeschichte
       Algeriens. Die GIA bekannte sich zwar zur Ermordung der Mönche. Laut
       Insidern fielen diese aber versehentlich einem Kampfhubschrauberangriff der
       algerischen Armee zum Opfer. Soldaten hätten ihnen danach die Köpfe
       abgeschnitten, um ihren Tod den Terroristen zuschreiben zu können.
       Aufgeklärt ist das bis heute nicht.
       
       Der französische Spielfilm „Von Menschen und Göttern“ hat Tibhirine
       weltweit bekannt gemacht. Der Vatikan sprach die Getöteten 2018 selig, aber
       in Algerien bleibt das tabu. Tibhirine ist heute verlassen.
       
       Jetzt, dreißig Jahre danach, ehrte Papst Leo XIV. die Mönche mit einer
       Kerze und einem stillen Gebet vor der Nachbildung des Kreuzes von Tibhirine
       aus dem Kloster. Darauf ist Jesus nicht leidend, sondern triumphierend am
       Kreuz dargestellt, dabei stehen die Worte „Er ist auferstanden“ auf
       Arabisch.
       
       Kardinal Vesco betonte in seiner Begrüßungsrede, Algeriens Volk sei „vor
       Kurzem erst von einer traurigen Geschichte gezeichnet worden, in der 19 der
       Unsrigen ihr Leben verloren“. Die Ikone und das Kreuz von Tibhirine in der
       Basilika von Algier „zeugen davon, dass sie heute unter uns sind“. Der
       Papst würdigte seinerseits [6][in seiner Ansprache], dass die Mönche von
       Tibhirine sich treu geblieben seien „bis zur Aufoperung ihres Lebens, an
       der Seite so vieler Männer und Frauen, Christen und Muslime – ohne
       Überheblichkeit und ohne Lärm, mit Gelassenheit und Klarheit“.
       
       14 Apr 2026
       
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 (DIR) Dominic Johnson
       
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