# taz.de -- Triathlon als Optimierungswahn: Totalitäre Körperkultur
       
       > Triathlon war einst ein Sport für Freiheitsliebende. Mittlerweile
       > unterwirft sich das Gros der Ausdauersportler einem neoliberalen
       > Optimierungswahn.
       
 (IMG) Bild: Wozu noch Natur, wenn man auf der Stelle fahren kann
       
       [1][Lothar Leder] ist heute nur noch den älteren Anhängern des
       Ausdauersports ein Begriff. In den 1990er Jahren war der heute 55-jährige
       Rheinhesse eine Legende im damals noch jungen Triathlonsport. Nicht nur,
       weil er der erste Mensch war, der die Ironman-Distanz in unter acht Stunden
       absolviert hat. Es war vor allem die Art und Weise, wie er den Sport
       betrieben hat, die unsere Generation von Triathleten begeistert hat.
       
       Beispielhaft dafür war allein die Art, wie er den damals unvorstellbaren
       Rekord aufstellte. Leder ging Schulter an Schulter mit seinem Rivalen
       Rainer Müller auf die Marathonstrecke am Donaukanal in Roth. Nach wenigen
       Kilometern bemerkte Müller, dass das Tempo doch viel zu hoch war. Leder
       zuckte mit den Schultern und lief in seinem Rhythmus weiter. Wie schnell er
       war, wusste er nicht – er trug keine Uhr. Dass er den Rekord brechen würde,
       merkte er erst, als er auf der Schlussrunde am Marktplatz von Roth die
       Anzeigetafel sah.
       
       Leder war der Prototyp des Bauchathleten. Er trainierte, wie er sich gerade
       fühlte, und entschied über seine Renntaktik aus der Situation. Trainer
       verzweifelten an ihm; er schaffte es nie, sich an einen Plan zu halten.
       Einmal erfuhr ein Coach davon, dass Leder ein Langstreckenrennen durch die
       Alpen auf dem Rad gewonnen hatte – aus der Zeitung. Der Trainer kündigte
       die Zusammenarbeit auf.
       
       Heute organisiert Leder mit seiner Frau Nicole – ebenfalls einer ehemaligen
       Weltklasseathletin – Trainingscamps für Hobbytriathleten. Dazu postet er
       [2][wöchentlich Instagram-Videos], in denen er sich recht ungefiltert
       darüber auslässt, was er bei seinen Schützlingen so alles beobachtet. Die
       immer wiederkehrenden Themen dabei sind ein in seinen Augen völlig
       überzogenes Datensammeln und eine Diktatur der wissenschaftlichen
       Trainingsmethodik, die für ihn am eigentlichen Sinn des Tuns vorbeigehen.
       
       ## Smartwatch nicht so smart
       
       Wenn ein Hobbytriathlet eine Gruppenausfahrt auf dem Rad
       durcheinanderbringt, weil er sich an den Zahlen auf seiner Smartwatch
       orientiert, anstatt an der Dynamik der Gruppe, dann kann Leder nur mit dem
       Kopf schütteln. Oder wenn er sieht, dass diese Feierabendsportler wie
       Tour-de-France-Profis ihr Essen mit einer Grammwaage abwiegen, um präzise
       ihren Ernährungsplan einzuhalten.
       
       Ich gehöre zur selben Generation von Triathleten wie Lothar Leder. Als
       Leder Ironman-Rennen auf der ganzen Welt gewann, tingelte ich mit Kumpels
       am Wochenende im süddeutschen Raum herum – inspiriert von Leder und seinen
       Rivalen Jürgen Zäck, Wolfgang Dittrich und Thomas Hellriegel –, um in
       Baggerseen zu schwimmen und mit dem Rad durch Rübenäcker und
       Fachwerkörtchen zu jagen. Uhren trugen wir auch nicht; die einzigen
       Datenerfassungsgeräte waren Fahrradtachos, die Tempo und
       Durchschnittsgeschwindigkeit anzeigten.
       
       Triathlon war damals meine zweite Sportkarriere. Ich hatte nach meiner
       Jugend als Leistungsschwimmer einige unsportliche und eher ungesunde Jahre
       hinter mir und wollte mich wieder bewegen. Was mir am Triathlon gefiel, war
       in vielerlei Hinsicht die Freiheit. Der Triathlonsport war noch nicht von
       der muffigen deutschen Vereinsstruktur vereinnahmt. Die soziale
       Organisation des Sports war informell – man traf sich in Gruppen
       unterschiedlicher Besetzung zum Fahren, Schwimmen und Laufen.
       
       Der Begriff „Training“ wäre zu eng gewesen. Die Treffs waren grundsätzlich
       offen. Zu Wettbewerben trat man bestenfalls formal für einen Verein an. Es
       fühlte sich eher so an, als gehöre man zu einer Szene. Das Gemeinsame
       überwog – das Gefühl, zu einer damals exotischen Subkultur zu gehören, die
       etwas relativ Verrücktes treibt.
       
       Auch im Training bewegte man sich zumeist auf ungesichertem Terrain. Eine
       ausgetüftelte Trainingsmethodik für den Triathlonsport gab es noch nicht.
       Personal Trainer, die dich in Form bringen und deine fortlaufend
       gesammelten Biodaten live auswerten? Undenkbar. Jedes Training war ein
       Abenteuer. Ganz nach dem Vorbild von Athleten wie Leder ging es oft darum,
       Grenzen auszuprobieren. Gerade darin, dem Diktat eines Trainingsplans zu
       entkommen, dem ich mich als Leistungsschwimmer über Jahre roboterhaft
       gefügt hatte, lag der Reiz.
       
       ## Forschprung durch Technique
       
       Eine gewisse Technikfetischisierung gab es gewiss auch damals schon.
       Triathleten waren Bastler. Man nutzte auch in diesem Sinne die Freiheit,
       die der Sport bot – die Freiheit von den technischen Regeln der
       Radsportverbände, nach denen sich weitestgehend die Fahrradbranche
       richtete. Man baute aus den wildesten Komponenten Räder nach den
       persönlichen Vorlieben zusammen. Kleine Marken und Werkstätten, die mit
       manchmal verrückten neuen Konstruktionsansätzen experimentierten, wurden im
       Triathlon zum Kult. Das Rad war Ausdruck der Individualität.
       
       Ich fahre heute noch Rennrad und gehe schwimmen; Laufen mögen die alternden
       Gelenke nicht mehr so sehr. Aber es geht mir wie Lothar Leder: Die
       Ausdauersportkultur ist mir fremd geworden. Man hat das Gefühl, dass einem
       die einst ureigene Domäne enteignet worden ist. Als wäre man aus seinem
       Sport herausgentrifiziert worden.
       
       Das Gefühl lässt sich schon an den Kosten des Sports festmachen. Selbst ein
       Mittelklasse-Rennrad ist kaum mehr unter 4.000 Euro zu haben. Bei einer
       Garnitur der textilen Grundausstattung kommen 1.000 hinzu. Ganz zu
       schweigen von der Datenerfassungselektronik, die heute dazugehört. Mein
       erstes Rennrad hat vor 40 Jahren 600 D-Mark gekostet. Und man schämte sich
       nicht, mit Turnschuhen und T-Shirt zu fahren.
       
       Wer an Triathlonwettbewerben teilnehmen möchte, muss noch tiefer in die
       Tasche greifen. Startgebühren liegen in der Regel zwischen 600 und 1.000
       Euro. Unsere Feld-, Wald- und Wiesenveranstaltungen kosteten weiland 30
       D-Mark. Und wer sich heute auf einen solchen Wettbewerb vorbereitet, traut
       sich kaum mehr, das ohne Coach und Trainingslager in Angriff zu nehmen. Die
       jährlichen Kosten für das Rennradfahren oder den Triathlon gehen da schnell
       in die Zehntausende.
       
       ## Neue Klientel
       
       Die Kostenexplosion ist kein Zufall. Etwa seit der Jahrtausendwende strömt
       eine ganz neue Klientel in die Ausdauerszene. Zu den Zeiten Lothar Leders
       oder der US-amerikanischen Pioniere des Sports wie Scott Tinley und Dave
       Scott waren es Hippietypen, die den Triathlon betrieben. Der Radsport war,
       wenigstens in Deutschland, noch von der konservativen Klubstruktur
       bestimmt, die eher die Arbeiterschicht anzog. In beiden Fällen suchte man
       eine Welt außerhalb des Konsum- und Produktivitätszusammenhangs. Sechs
       Stunden für eine Radfahrt zu verschleudern, war ebenso antikapitalistisch
       wie auf Raves zu gehen. Es erzeugte nichts als Erlebnis.
       
       Mit dem ersten Dotcom-Boom kam ein neuer Typus in den Sport. Insbesondere
       im Silicon Valley begannen Triathlon und Radsport das Golfen als Sport für
       Unternehmer und C-Suite-Angehörige zu ersetzen. Man wollte sich damit von
       der traditionellen Businesskultur absetzen. Anstatt in exklusive Clubs ging
       man auf die Straße. Die Tech Bros brachten ein neues Ethos in den Sport.
       Die algorithmische Optimierung war ihr Grundzugang zur Welt, und mit dem
       Sport hielten sie es nicht anders. Der Ausdauersport wurde Mittel zur
       Selbstoptimierung. Der Sport war keine Gegenwelt mehr zur Arbeit, sondern
       eine Fortsetzung davon.
       
       Was [3][Naomi Klein 2023 in ihrem Buch „Doppelgänger“] geschildert hat, wie
       die Wellness- und Selbstoptimierungsindustrien der Logik des neoliberalen
       Kapitalismus dienen –, zeichnete sich auf diesen Sonntagsausfahrten und an
       diesen Startlinien bereits ab: In einer grausamen, neodarwinistischen,
       hyperindividualistischen Ordnung wird der Körper zum zentralen Werkzeug der
       sozialen Differenzierung. Der optimierte Körper ist nicht einfach nur fit.
       Er ist ein Anspruch – auf Disziplin, auf Ressourcen, auf Überlegenheit.
       
       Klein nennt es eine „Kosmologie der überlegenen Körper“. Die
       maßgeschneiderten Trainingsprogramme, die Diätpläne, die Schlafoptimierung,
       die Regenerationsprotokolle – sie sind die Mittel, mit denen das
       neoliberale Subjekt demonstriert, dass es autark ist, wettbewerbsfähig, auf
       der Gewinnerseite. Und nach der Logik jeder Kosmologie, die bestimmte
       Körper erhebt, müssen andere Körper fallen.
       
       Dazu wurde allerlei wissenschaftliches Knowhow und Technik aus dem
       Hochleistungssport in den Freizeitsport importiert. Jeder
       Silicon-Valley-Feierabendradler wollte das gleiche Material, die gleiche
       Biotechnik und die gleiche trainingsmethodische Raffinesse zur Verfügung
       haben wie ein Tour-de-France-Profi oder ein Olympiasieger.
       
       Nebenbei erblühten neue Branchen mit enormen Verdienstmöglichkeiten. Jeder
       wollte Puls- und Wattmessgeräte, Trikots aus aerodynamischer Mikrofaser und
       einen Account bei einer der neuen Plattformen, die Biodaten sammeln,
       auswerten und mit anderen vergleichen.
       
       Dabei wurde zunehmend das Generieren von Daten zum Selbstzweck. Ein enormer
       Anteil des Radsports findet heute in Wohnzimmern und Garagen statt, wo man
       virtuelle Rennen fahren kann. Plattformen, die das organisieren, verdienen
       Milliarden. Sozial ist das Ganze allerdings nur noch insofern, als sich der
       eigene Avatar mit anderen Avataren misst.
       
       Die faschistischen Anklänge sind bereits im sonntäglichen Peloton
       abzulesen. Die mit Hightech und bodenlosen Freizeitbudgets optimierten
       Körper grenzen sich von suboptimalen, schwachen und somit letztlich
       überflüssigen Körpern ab. Wer untrainiert, behindert, abhängig oder auch
       nur übergewichtig ist, ist in der neoliberalen Kalkulation selbst daran
       schuld und hat es nicht besser verdient.
       
       Wie ich aufgrund meiner Sportartenwahl im Zentrum dieser neuen
       Herrenmenschenkultur gelandet bin, verblüfft mich noch immer.
       
       4 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Lothar_Leder
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/lothar_leder/
 (DIR) [3] https://www.perlentaucher.de/buch/naomi-klein/doppelgaenger.html
       
       ## AUTOREN
       
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