# taz.de -- Krise der Demokratie: Keine Macht der Ohnmacht
> Selbstwirksamkeit ist das Mittel gegen den Autoritarismus von rechts.
> Linke sollten weniger mit Moral kommen, noch besser in verständlicher
> Sprache.
(IMG) Bild: Selten ein Mangel an Analyse oder Empörung, Demonstration gegen Rechtsextremismus in Berlin 2024
Der Sozialpsychologe [1][Erich Fromm] schrieb vor 90 Jahren: „Die
Hilflosigkeit des Individuums ist das Grundthema der autoritären
Philosophie.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Seit Jahren redet
die äußerste Rechte der Bevölkerung ein, Regierung und Eliten übergehen den
Willen des Volkes (den es gar nicht einheitlich gibt), seien Volksverräter,
die Demokratie sei eine Diktatur und sinistre Mächte würden das Volk
austauschen. Es ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung, in der die
Ohnmacht die Seite gewechselt hat: Während die AfD sich als Erlösung
inszeniert und scheinbar unaufhaltsam wächst, passen sich
Demokrat:innen dem globalen autoritären Zeitgeist an, ziehen sich
zurück oder fühlen sich der rechten Welle ausgeliefert.
Tatsächlich sind demokratische Spielräume nationaler Regierungen und
Parlamente in den vergangenen Jahrzehnten kleiner geworden. Die neoliberale
Globalisierung der Märkte hat Machtkonzentrationen und Abhängigkeiten
verstärkt, die die politischen Handlungsfähigkeiten der Gewählten
einschränken. Dem Wohlstand in der Exportnation war das lange dienlich, nun
scheint ein Kipppunkt erreicht. Globale Krisen und Konflikte werden auf dem
Smartphone oder an der Tankstelle sofort im Alltag sichtbar und verstärken
Verunsicherung, Ohnmacht und Rechtsruck.
Die disruptive Tatpolitik Donald Trumps, das Sprengen der regelbasierten
Ordnung und internationaler Abkommen und Organisationen sind eine Reaktion
darauf: Die Ketten der Wirklichkeit und der demokratischen Machtkontrolle
werden gesprengt. Wenn CO₂ als harmlos eingestuft wird oder man von
Technologieoffenheit fabuliert, öffnen sich neue Denk- und Handlungsräume
gegen die Alternativlosigkeit der Klimakrise – vor allem für fossile
Profite. Wunder- und Zeitdenken nannte Fromm diese Ablenkungen einst.
Der Ohnmacht des Individuums setzt der Autoritarismus die Allmacht von
Bewegung, Partei oder Führer entgegen. Demokratie ist dagegen auf eine
gewisse Ohnmachtstoleranz angewiesen. Wenn wir die Grenzen unserer
Möglichkeiten sehen, eröffnen sich reale Gestaltungswege aus Ohnmacht und
Rückzug.
## Emotional im Kampfmodus
Das demokratische Problem ist selten ein Mangel an Analyse oder Empörung.
Im Gegenteil: Viele sind emotional im Kampfmodus – aktiviert, oft wütend.
Aber zwischen Gefühl und Handlung klafft eine Lücke. Viele meinen: „Ich
kann gar nichts tun.“ Handlungsohnmacht wird zum Massensyndrom. Darin liegt
eine Wurzel der Demokratiekrise. Der äußersten Rechten gelingt es am
besten, die Ohnmacht affektiv zu mobilisieren. Wer sich der vermeintlich
erfolgreichen Bewegung anschließt, kann sich politisch als wirksam erfahren
– vielleicht zum ersten Mal überhaupt.
Aufmerksamkeit durch Empörung und Ablehnung verstärkt paradoxerweise diese
Erfahrung. Darum erschüttern weder Lügen noch Vetternwirtschaft oder
sonstige Skandale AfD und Co. nachhaltig – sie stärken sogar das identitäre
Band zwischen Partei und Wählenden.
Es gibt unzählige Alternativen zur Ohnmacht, die noch größer wird, je mehr
Raum man ihr einräumt. Besonders wichtig ist es, Menschen bei ihren
Bedürfnissen und Möglichkeiten abzuholen. Nur ein kleiner Teil der
Gesellschaft besteht aus hochengagierten und vergleichsweise privilegierten
Kämpfenden – darunter sind vermutlich überdurchschnittlich viele
taz-Leser:innen. Aber die Mehrheit ist resigniert oder ohnmächtig und
braucht passende, niedrigschwellige Zugänge zu demokratischer
Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und erst dann vielleicht zur Rebellion.
[2][Moralische Appelle überfordern schnell] – vor allem jene, die im Alltag
am Limit sind oder verinnerlicht haben, nicht aufzufallen. Für sie beginnt
politische Handlungsfähigkeit nicht mit Parolen, sondern mit
überschaubaren, sicheren Situationen: Einladung statt Anklage,
Alltagsbrücken statt Dauererregung, konkrete Verbesserungen statt
abstrakter Forderungen, Gemeinschaft statt Isolation, Sicherheit statt
Konfrontation, Graswurzel- und Kümmererarbeit statt akademischer Suche nach
der Zauberformel, die endlich alle Probleme lösen würde.
## Demokratische Alternativen stärken
Wer bei systemischen Fragen nur auf Eigenverantwortung setzt, produziert
Überforderung und die Individualisierungsfalle. Aber gleichzeitig ist das
Erleben von Selbstwirksamkeit im Rahmen des Möglichen der Ursprung jeder
kollektiven Aktion und Veränderung. Grüne Energien sind die Antwort auf die
Energieabhängigkeit, an der sich noch viel mehr Menschen schon durch kleine
Balkonanlagen demonstrativ beteiligen und als wirksam erleben können.
Haustürgespräche, öffentliche Infostände, Nachbarschaftstreffs, Präsenz in
sozialen Medien oder die Nutzung freier Softwarealternativen helfen,
Ohnmacht und Polarisierung zu durchbrechen.
Online wie offline gilt es, demokratische Alternativen zu verstärken, statt
sich nur an rechter Agitation abzuarbeiten: Kontinuität zentraler
Botschaften, schnelle Reaktionen auf kritische Ereignisse, Formate, die
Reichweite erzeugen können – Humor, Popkultur, ästhetische Kreativität,
verständliche Sprache statt Aktivistenkauderwelsch.
Dazu braucht es Widerstandsfähigkeit gegen Ohnmacht und Hetze: Rückzugs‑
und Erholungsräume, kollektive Emotionsarbeit, Zusammenhalt gegen
Vereinzelung. Anstatt wie das Kaninchen vor der Schlange auf die nächsten
Landtagswahlen zu starren, können wir uns kollektiv vorbereiten: Zeigen,
dass die Folgen einer rechtsextremen Regierung im kooperativen Föderalismus
nicht an den Landesgrenzen enden; Spenden für die Zivilgesellschaft, die
Vorbereitung von Rechtshilfefonds, Patenschaften für Initiativen im
ländlichen Raum oder Solidarität und Erholungsräume für Engagierte.
Statt Unsummen für ineffektive Großstadtprojekte und abstrakte Überlegungen
zu verpulvern, können unabhängige Hausprojekte in ländlichen Räumen
unterstützt oder neue finanziert werden. Der Widerstand wird auch unter
rechtsextremen Regierungen nicht enden. Ohnmacht endet, wo im Handeln
Hoffnung entsteht.
14 Apr 2026
## LINKS
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(DIR) Matthias Quent
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