# taz.de -- Demo gegen die Öffentlich-Rechtlichen: Der Spritpreis ist nicht alles
> Dutzende demonstrieren vor den NDR-Studios mit „Lüge“-Rufen gegen die
> Iran-Berichterstattung. Das ist falsch, doch die Wut ist verständlich.
(IMG) Bild: Sie rufen „Lüge“ und schwenken deutsche, iranische und israelische Flaggen
Eine tiefe Stimme, offenbar KI-generiert, hallt am Freitagnachmittag über
das NDR-Gelände in Hamburg-Lokstedt: „Ajatollah Khamenei is dead, wir
tanzen auf seinem Grab“. Begleitet durch elektronische Beats dröhnt sie aus
einer Bluetooth-Box. Sechzig Menschen unterstützen die Stimme mit ihren
Rufen, sie tragen Schilder, Banner und Flaggen, darunter die israelische,
die deutsche und die des iranischen Königreichs, aus der Zeit vor der
Islamischen Revolution. Die Demonstrant:innen hoffen wohl, dass man sie
bis in die Studios der Tagesschau hört. Sie sind, gelinde gesagt,
[1][unzufrieden mit der Iran-Berichterstattung]. „NDR, mit euren Lügen seid
ihr kurz davor, die Mullahs zu toppen!“, steht auf dem Schild einer
Demonstrantin, „Wir zahlen Gebühren für Qualität, nicht für Propaganda des
Regimes!“, auf der Rückseite.
Glaubt man Masoud Morani, der die Demonstration mitorganisiert hat, dann
verbreite der NDR, nein eigentlich der ganze öffentlich-rechtliche
Rundfunk, wenn nicht die gesamte deutsche Medienlandschaft, die Propaganda
der iranischen Führung. Was dort gezeigt werde, sei nicht die Realität,
sagt der Vollzeit-Aktivist gegenüber der taz. In seiner Realität eröffnen
die Angriffe der USA und Israels eine historische Chance, das islamische
Regime im Iran zu stürzen und wieder einen Schah einzusetzen. Wer Kritik an
den Militärschlägen äußert oder sich für Verhandlungen ausspricht, ist in
seinen Augen ein Sprachrohr des Regimes. [2][Für ihn zähle der
deutsch-iranische Grünen-Politiker Omid Nouripour] genauso dazu wie die
Iran-Forscherin Diba Mirzaei. Beide äußern sich regelmäßig kritisch über
die iranische Führung.
Es ist leicht, Morani und seine Mitstreiter:innen als Spinner abzutun.
Als eine weitere Gruppe, die „Lügen“ schreit, weil die Medien nicht genau
das berichten, was in ihre politische Agenda passt. Es ist nicht die erste
Demonstration dieser Art. In den vergangenen Monaten gab es ähnliche
Protestaktionen prokurdischer und propalästinensischer Aktivist:innen
vor dem Spiegel in Hamburg und dem ZDF Hauptstadtstudio in Berlin. Man
liegt damit nicht falsch, sie als Spinner abzutun. Morani, der dem Rundfunk
Lügen vorwirft, nimmt es mit den Fakten nicht sehr genau.
Dennoch sollten sich die Medien der Kritik nicht völlig verschließen. Denn
bei all den Falschinformationen und teils kruden politischen Forderungen,
die auf der Demo zu hören sind, schwingt auch ein nachvollziehbares Gefühl
mit. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen, auch von der Regierung,
aber vor allem von den Medien. Man spürt es, wenn Morani mit den Tränen
kämpft, während er vom Leid der Menschen im Iran erzählt. Und von seiner
Familie dort, die er seit Monaten kaum erreicht. Man spürt es auch, als
zwei Frauen das Mikrofon ergreifen, deren Söhne das Regime im Iran
umgebracht haben soll. „Das Benzin riecht für uns schon sehr lange nach
unserem eigenen Blut“, übersetzt ein Aktivist ihre Worte. „Wir werden uns
merken, wer an der Seite der Iraner stand.“
## Nüchterne Berichte, emotionale Reaktionen
Die Demonstrierenden hören täglich von neuen Gräueltaten der
Revolutionsgarden, sehen Videos davon in den sozialen Netzwerken. Die
nüchterne Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien mag auf sie
geradezu verharmlosend wirken. Zum Teil liegt das in der Natur der Sache.
Journalist:innen können nur berichten, was belegbar ist, müssen
Informationen verifizieren und Quellen überprüfen. All das ist schwierig in
einem Land, in dem die Herrschenden seit Monaten das Internet blockieren
und Menschen, die mit Medien sprechen, Repressionen fürchten.
Das entbindet die Medienhäuser allerdings nicht von der Verantwortung, in
ihrer Berichterstattung die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Trotz der
Internetblockade dringen vereinzelte Informationen aus dem Iran nach außen,
Menschen in der Diaspora halten brüchigen Kontakt mit ihren Angehörigen.
Deren Geschichten sollten an prominenter Stelle erzählt werden. Denn im
Schatten des Krieges verschärft das Regime derzeit die Repressionen gegen
die eigene Bevölkerung. [3][Amnesty International warnt] vor einer neuen
Welle an Hinrichtungen. Gleichzeitig treffen die Militärschläge der USA und
Israels immer wieder zivile Einrichtungen. Doch während Menschen im Iran
durch Bomben sterben und Angst haben, in die Fänge der Revolutionsgarden zu
geraten, diskutiert man in Deutschland über den Spritpreis. Als wäre der
deutsche Autofahrer der größte Leidtragende dieses Kriegs. Die Geschichten
der Iraner:innen gehen dabei häufig unter.
Ist der Benzinpreis an der Zapfsäule tatsächlich die relevanteste
Entwicklung? Die sechzig Menschen, die sich an diesem Freitag vor dem NDR
versammelt haben, sehen das anders. Viele der mehr als 300.000 mit
iranischer Migrationsgeschichte in Deutschland vermutlich auch.
12 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Propaganda-im-Iran-Krieg/!6167357
(DIR) [2] /Omid-Nouripour-ueber-den-Krieg-in-Iran/!6159788
(DIR) [3] https://www.amnesty.org/en/latest/news/2026/03/iran-seven-protesters-and-dissidents-at-risk-of-imminent-execution-after-four-men-arbitrarily-executed-in-secret-within-24-hours/
## AUTOREN
(DIR) Jannik Hiddeßen
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