# taz.de -- Warschau nach dem Krieg: Neuanfang in Trümmern
> Anders als Paris oder Prag haben die Deutschen Warschau dem Erdboden
> gleichgemacht. Warum eine Ausstellung über seinen Neuanfang nach Berlin
> gehört.
(IMG) Bild: Kreuzung Allee des 3. Mai mit der einstigen Prachtstraße Nowy Świat 1947: Langsam kehrt städtischer Alltag zurück
Und das soll ein Neuanfang sein? Ist das nicht eher das Ende? Schuttberge,
so weit das Auge reicht. Skelette aus Stein und Beton, die einmal prächtige
Wohn- und Geschäftshäuser waren. Zwei Frauen, die in den Trümmern nach
etwas Brauchbarem suchen, sie graben mit bloßen Händen.
Tatsächlich gab es nach dem Abzug der Deutschen aus Warschau 1945
Überlegungen, die polnische Hauptstadt an anderer Stelle wieder aufzubauen.
Auch ein Umzug in die zweitgrößte polnische Stadt Łódź war im Gespräch. 80
Prozent des Warschauer Stadtzentrums waren zerstört. Nur 16 Prozent der
Wohnungen waren bewohnbar.
Von den 1,3 Millionen Menschen, ein Drittel von ihnen Jüdinnen und Juden,
die vor dem Krieg in Warschau gelebt haben, sind Schätzungen zufolge
zwischen 550.000 und 850.000 ums Leben gekommen. Eine halbe Million ist
geflohen oder wurde vertrieben.
Wie soll da ein Neuanfang möglich sein?
Es waren die Überlebenden, die in dieser Frage gewissermaßen mit den Füßen
abgestimmt haben. Kaum hatten sich die Deutschen am 17. Januar 1945 aus
Warschau zurückgezogen, kehrten viele Bewohnerinnen und Bewohner zurück.
Das Wunder, das sie in den Monaten und Jahren danach vollbracht haben,
haben polnische Pressefotografen festgehalten. Die Aufnahmen sind nun in
der [1][Ausstellung „Warschaus Neuanfang. Fotografien vom Leben in den
Trümmern“ im Pilecki-Institut] am Brandenburger Tor zu sehen.
## Keine Propagandafotos
Eine Aufnahme zeigt im Vordergrund drei junge Frauen, die am Rande eines
Schuttbergs sitzen und aus tiefen Tellern Suppe löffeln. Ein Lächeln spielt
um ihre Lippen, als der Fotograf Zdzisław Wdowiński, damals 25 Jahre alt,
auf den Auslöser drückt. Vielleicht ist es Stolz, den die jungen Frauen in
diesem Moment zeigen.
Eine andere Fotografie zeigt junge Frauen und Männer beim Schuften. Sie
haben eine Kette gebildet, die auf einem Trümmerfeld im ehemals noblen
Stadtteil Mokotów Ziegelsteine sammelt und weiterreicht. Abtransportiert
werden die Steine mit Pferde- und Lastwagen.
Es sind keine Propagandafotos, die die Kuratorinnen Anna Brzezińska und
Katarzyna Madoń-Mitzner ausgewählt haben. 18 Millionen Fotos finden sich im
Fundus der [2][Polnischen Presseagentur PAP] aus den Jahren 1945 bis 1949.
Aufgenommen haben sie junge Fotografen verschiedener Agenturen, die noch
weitgehend frei arbeiten konnten.
Dass die Schau im Jahre 1949 endet, erklärten die Kuratorinnen bei der
Vernissage damit, dass in diesem Jahr die „stalinistische Zensur“
eingesetzt habe. Zwei Jahre später wurde dann die PAP gegründet.
Zwischen Selbstbehauptung und wachsendem kommunistischem Einfluss bewegte
sich auch Warschaus Neuanfang. Zur Selbstbehauptung gehörte der Wille, die
städtische Infrastruktur wieder in Gang zu bringen. So fahren schon bald
nach dem Krieg wieder die ersten Straßenbahnen durch die Ruinen der
Trümmerstadt.
## Wachsender kommunistischer Einfluss
Zum Aufbruch gehört auch die Lebenslust. Am Strand der Weichsel, die von
einer provisorischen Pontonbrücke überspannt wird, springen Jugendliche ins
Wasser und planschen. Auf Festen wird getanzt, sogar Modeschauen finden
statt. „Solche Kontraste finden sich auf fast jedem der Bilder“,
[3][schreibt das polnische Geschichtsmagazin histmag über die Ausstellung].
„Diese Fotografien bleiben im Gedächtnis hängen und tauchen wieder auf,
wenn man heute an den wiederaufgebauten Hauptstraßen Warschaus vorbeigeht.“
Die politische Dimension des Wiederaufbaus zeigt sich spätestens nach den
inszenierten Parlamentswahlen 1947, mit denen die kommunistische Partei
ihre Macht festigte. Schon in den Jahren zuvor hatte der Sicherheitsapparat
in ganz Polen 155.000 Menschen festgenommen.
War es eine offene Situation in diesen Jahren nach 1945? Oder war der Weg
in die kommunistische Herrschaft unausweichlich? Die Fotos selbst geben
keine Antwort auf die Frage. Auf einem ist eine junge Dänin zu sehen, die
zu einer der kommunistischen Jugendorganisationen aus dem Ausland gehörte,
die entlang der zerstörten Marszałkowska-Straße Trümmer beseitigten.
Auf einem anderen sieht man eine Familie beim Abendbrot. Hinter dem
Esstisch klafft ein Loch in der Mauer und gibt den Blick auf die Straße
frei. „Das Nachkriegswarschau war ein Raum tiefer Spannungen zwischen der
Hoffnung, die aus den Trümmern entstand, und der Angst, die in den
erhaltenen Mauern eingeschrieben war“, heißt es auf einer der Erklärtafeln
in der Berliner Ausstellung.
Auch städtebaulich wehte bald ein anderer Wind. Junge Architektinnen und
Architekten planten Warschau, einst das Paris des Ostens, als
sozialistische Stadt. Die Zerstörungen spielten ihnen durchaus in die
Karten. So entstand etwa im Süden der Altstadt mit der Siedlung MDM ein
Stadtteil, dessen Zuckerbäckerstil die Karl-Marx-Allee in Berlin in den
Schatten stellt.
Auch bei der Entscheidung für einen Wiederaufbau und damit gegen einen
Umzug der Hauptstadt nach Łódź spielten politische Überlegungen eine Rolle.
Ein schneller Wiederaufbau, heißt es in der Ausstellung, habe Stalin die
Möglichkeit gegeben, „die Effizienz der provisorischen, von der Sowjetunion
unterstützen Regierung unter Beweis zu stellen und damit deren
Machtanspruch rechtfertigen“ zu können.
## Polen sollte als Kulturnation verschwinden
Es ist gut, dass die Ausstellung, die zuerst im [4][Warschauer Haus der
Begegnung mit der Geschichte] zu sehen war, nach Berlin gekommen ist.
Vielleicht muss man Bilder wie diese gesehen haben, um zu verstehen, dass
die Verbrechen der deutschen Besatzer in Polen tief im kollektiven
Gedächtnis verankert sind.
Prag und Paris haben die Deutschen nicht zerstört, das „Paris des Ostens“
sollte verschwinden. Bei den Bombenangriffen 1939, nach dem Ghettoaufstand
1943, nach dem Warschauer Aufstand 1944, dem mehr als 200.000 Menschen zum
Opfer gefallen sind. Heinrich Himmler hatte damals gesagt: „Warschau ist
dem Erdboden gleichzumachen, um Europa zu zeigen, was es bedeutet, einen
Aufstand gegen die Deutschen zu unternehmen.“
Zdzisław Wdowiński, der Fotograf, der die Frauen bei der Arbeitspause mit
den Suppentellern aufgenommen hat, hat selbst am Warschauer Aufstand
teilgenommen. Seine Fotografien sind somit auch ein Beispiel dafür, dass es
den Deutschen nicht gelungen ist, Polen als Kulturnation auszulöschen.
Ausstellung im Rahmen der Öffnungszeiten des Pilecki-Insitituts. Dienstags
bis Sonntags 10-18 Uhr. Pariser Platz 4a, 10117 Berlin
28 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://berlin.instytutpileckiego.pl/de/exhibitions/berlin/warschaus-neuanfang-1945-1949-fotografien-vom-leben-in-den
(DIR) [2] https://www.pap.pl/
(DIR) [3] https://histmag.org/na-nowo-warszawiacy-1945-1955-recenzja-wystawy-12960
(DIR) [4] https://dsh.waw.pl/
## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
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